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13. Januar 2013

Kreativität: Die Bohème steht kurz vorm Burn-out

 Von Michaela Schlagenwerth
Graffitti in Athen thematisiert unfrohe Aussichten.  Foto: milos bicanski/getty

Es ächzt die einst so gefeierte digitale Bohème längst unter kreativer Planüberfüllung. Wie die Kreativität sich gegen ihre Jünger richtet.

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Berlin –  

Als Anfang der 70er-Jahre Joseph Beuys seinen erweiterten Kunstbegriff entwickelte und jeden Menschen zum Künstler deklarierte – ach, was war das für ein radikales Statement. Wie konnte es nur passieren, dass sich im Laufe von nur wenigen Jahrzehnten die große Verheißung auf Befreiung in eine ganz schöne Belastung verwandelt hat? Kreativität, in den 70er-Jahren war das noch eine weitgehend verschüttete, brachliegende Ressource. Es galt, diese fachlich geschulten, disziplinierten, entemotionalisierten, aschgrauen Angestelltensubjekte einmal gründlich durchzuschütteln, damit sie sich daran erinnern, dass sie auch über solche Eigenschaften verfügen.

Die Bohème ächzt

Und heute? Da ächzt die einst so gefeierte digitale Bohème längst unter kreativer Planüberfüllung. Sie lebt, arbeitet und chillt in „creative cities“ und weiß alle Bereiche kreativ miteinander zu verbinden. Wohnst du noch oder lebst du schon, dieser alberne Werbeslogan, schon über ein Jahr alt, verfolgt sie bis in den Schlaf. Denn längst ist nicht mehr die Frage, wie man an der Kreativität teilhaben, sondern wie man ihrem Hype entkommen kann.

So zieht die Avantgarde der „creative class“ in Berlin von Mitte nach Neukölln und von dort nach Kreuzberg, wo sie vor mehr als zwei Jahrzehnten einmal ihr Berliner Leben angefangen hatte, die ganz Coolen sind dort geblieben. Es geht nicht mehr um Bohème, darum, dass man kreativ und ungewöhnlich sein will, man soll es auch. Die creative industries und die creative economy zählen zu den Kernbereichen der Wirtschaft der Gegenwart und allen Prognosen nach erst recht der Zukunft.

Es ist ein merkwürdiger Zustand. Denn eigentlich waren die „Kreativen“ einmal die, die „dagegen“ waren, „andere“ Positionen hatten, subversiv, verweigernd, manchmal sogar anarchisch. Aber irgendwie ist der Traum von der schönen, nicht entfremdeten Existenz zu einem hysterischen Dauerzustand kreativer Neuerfindung mutiert. Der Markt giert unaufhörlich nach Neuem, Strittigem – und die Begabungen der Kreativen bestehen ja eben darin, auf strittige Ideen zu setzen, sich selbstbewusst im Dissenz zur Mehrheit zu befinden. Mit etwas Glück also und einem gewissen Willen zur Selbstvermarktung wird man genau mit dem Strittigen und sich Verweigernden erfolgreich. Nur ist das, auch wenn es sich am unschuldigen Anfang dieser Illusion hingeben mag, nicht mehr Subkultur, sondern Mainstream. Aber was sollte die Alternative sein? Welch großartigere Entfaltung der menschlichen Fähigkeiten könnte es geben als die kreative?

Kreativ sein ist menschlich

„Die Erfindung der Kreativität“ heißt ein im letzten Sommer beim Suhrkamp-Verlag erschienenes Buch, das einer solchen Vorstellung von Kreativität vehement widerspricht. Klug und wissenschaftlich fundiert legt der Autor, der Kulturwissenschaftler Andreas Reckwitz, dar, warum uns Kreativität heute als eine „natürliche“, menschliche Fähigkeit erscheint, eine, die wir unbedingt zu brauchen meinen, um uns überhaupt als Persönlichkeit entwickeln und entfalten zu können. Obwohl sie doch ein historisch erst gewordenes, sogar relativ junges Phänomen, eine Begleiterscheinung des Kapitalismus ist.

Ab den 1920er-Jahren, verstärkt ab den 1950er-Jahren, konstatiert laut Reckwitz die US-amerikanische Managementlehre einen aus der modernen, durchrationalisierten Arbeitsorganisation resultierenden Mangel an Motivation und Identifikation bei ihren Angestellten und eine entsprechend ineffiziente Arbeit. Als Rettung und Lösung gelten den Ökonomen die Kreativ-Lehren der Psychologie. Eigentlich war es historisch völlig unwahrscheinlich, dass die Psychologie den kreativen Menschen einmal als Normalität und als Ideal entdecken würde. Die prototypische Psychiatrie war in ihrem Kern das Gegenteil, nämlich eine Psychologie des Anormalen – und ein Überschuss an Kreativität zählte zu den einschlägigen Faktoren eines „devianten“ Verhaltens.

Kreativität - Zeichen von Intelligenz

Doch in den 50er-Jahren kommen die US-amerikanischen Ökonomen nicht nur zu dem Schluss, dass die ab dem frühen 20. Jahrhundert grassierenden Lehren der self growth psychology recht haben, die von einem natürlichen Bedürfnis des Menschen nach Kreativität ausgehen und hierin den Schlüssel für Motivation und Identifikation sehen. Auch die Erkenntnisse der kognitivistischen Psychologie, nach denen Kreativität ein Zeichen von Intelligenz ist und kreative Personen sich durch die Fähigkeit auszeichnen, „anders“ zu denken, spielen zunehmend eine Rolle. Eine Gesellschaft mit einer hochtechnologisierten Wirtschaft, so die Ökonomen, könne sich eine weitere Ausgrenzung der Kreativität nicht leisten. Kreative Individuen würden in der neuen Wissensgesellschaft dringend gebraucht und entsprechende Programme zur Förderung von Kreativität müssten entwickelt werden.

Kreativität erst seit Ende 18. Jhd.

Seit den 80er-Jahren etwa, so Andreas Reckwitz, laufen die beiden großen psychologischen Subjektivierungsprogramme, die self growth psychology und die kognitivistische Psychologie, zusammen und stützen sich gegenseitig. Die Folge: „Kreativität wird zum Orientierungspunkt eines ganzen psychologischen Lebensprogramms und aller Alltagspraktiken“. So total ist die Vorstellung vom kreativen Individuum heute geworden, dass derjenige, dem es an Kreativität mangelt, nicht nur sozial, sondern auch personal Schaden nimmt.

Für Reckwitz ist der absolute Wille zur Kreativität – wir wollen kreativ sein und wir sollen es auch sein – ein Phänomen der Moderne. Historisch, so Reckwitz, nahm die Erfindung der Kreativität gegen Ende des 18. Jahrhunderts bei Winckelmann und Co. ihren Anfang. Als Reaktion auf die soziale Arbeitsteilung in der Moderne mit seiner Rationalisierung und Zweckorientierung entstand die Vorstellung eines Reservats des autonom Ästhetischen, des Sinnlich-Empfindsamen, Schönen, Erhabenen, Begriffslosen.

Unaufhörliche Neuerfindung

Gegen die gesellschaftliche Entästhetisierung wurde ein historisch neues, soziales Format entwickelt, eine Sphäre des zweckfreien, ästhetischen Idealismus und des genialen Künstlers. Dass dieses neue soziale Format einmal ein gesamtgesellschaftlich gültiges werden sollte, und zwar eines, das mit seinem Regime der unaufhörlichen Neuerfindung zunehmend erschöpfte Individuen vor sich hertreiben würde, ist erstaunlich. Als in den 70er-Jahren Künstler in Industriegebäude zogen, dort kreative, selbstorganisierte Arbeit, Freizeit und Privatsphäre miteinander verbanden und die Architektur des Industriezeitalters umnutzten und in Orte einer postmodernen Industrieästhetik verwandelten – da waren sie schon im Herzen dessen angekommen, wogegen sich die Idee vom ganzheitlichen, ästhetischen Individuum einst gewandt hatte.

Und nun hängt uns die Zunge heraus. Wir haben Arbeit, Freizeit und Privates miteinander verbunden. Wir sind kreativ bis zum Burn-out. Aber die Frage nach dem Sinn, die uns die Kunst doch einmal beantworten wollte, ist immer noch nicht gelöst.

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