Bonn bietet noch bis Anfang Januar einen großartigen Vergleich in Sachen Multikulti. In der großen Kunsthalle geht es rechts zu "Rom und die Barbaren" und geradeaus zu "Gandhara". Die Gandhara-Ausstellung ist jener griechisch-indischen Kunst gewidmet, die in der Gegend des heutigen Peshawars ein paar Jahrhunderte lang den Beleg dafür lieferte, dass Ost und West sich sehr wohl begegnen können. Es gibt in der Ausstellung alle Varianten dieser kosmopolitischen Kunst zu sehen. Das reicht von hellenistischen Münzen und Skulpturen, die sicher von griechischen Künstlern gemacht wurden, bis hin zu Buddhas, denen der Laie erst nach dem Gang durch die Ausstellung anmerkt, wie abhängig sie sind von der hellenistischen Kunst.
Gandhara steht für eine der geglücktesten ästhetischen Symbiosen der Menschheitsgeschichte. Die Ausstellung legt den Gedanken nahe, dass das auch daran liegen könnte, dass es einen Dritten gab. Die Gandhara-Kunst hatte nämlich ihre große Zeit nicht gleich nach Alexanders "Eroberung" Indiens (um 300 v. Chr.), auch nicht in der Zeit der skythisch-griechischen Königreiche, sondern erst, als die aus den Steppen Zentralasiens eingedrungene Kushana-Dynastie in der Region regierte. Das war etwa vom 1. bis ins 4. Jahrhundert n. Chr.. Kein Wunder, dass viele dieser indisch-pakistanisch-afghanischen Werke eher römischen als griechischen Vorbildern abgeschaut scheinen.
Gandhara - Das buddhistische Erbe Pakistans: Kunst- und Ausstellungs-halle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn, bis 15. März (9. April bis 10. August 2009 in Berlin). Katalog als Museumsausgabe 29 Euro, Buchhandelsausgabe (Philipp von Zabern) 34,90 Euro.
Rom und die Barbaren: Kunst- und Ausstellungshalle, bis 11. Januar. Katalog als Museumsausgabe 29 Euro, Buchhandelsausgabe (Hirmer) 39,90 Euro. www.bundeskunsthalle.de
Die Langobarden - Das Ende der Völkerwanderung: Rheinisches Landesmuseum Bonn, bis 11. Januar. Katalog (Primus) 29,90 Euro. www.rlmb.lvr.de
Es spricht sehr viel dafür, dass dem zunächst nicht dargestellten, sondern nur symbolisch - etwa durch seine Fußspuren - repräsentierten Buddha dank des faszinierenden Vorbildes der römischen Bildniskunst im ersten nachchristlichen Jahrhundert auch Körper und Gesicht gegeben wurden. Die Ausstellung zeigt diesen Weg vom Zeichen zum Bild in schöner, sich einprägender Deutlichkeit. Der Betrachter wundert sich, dass ausgerechnet die Dynastie eines Steppenvolkes Bilder Buddhas hervorbringen ließ. Die Frage, ob das Göttliche darstellbar sei oder nur seine Spuren in der wirklichen Welt, hat ja auch im Christentum zu ausschweifenden Debatten und harten Auseinandersetzungen geführt. Am Anfang wurde Jesus nicht gezeigt, sondern allenfalls ein Fisch, der für seinen Namen stand. Man blickt auf den Weg, den der Buddhismus in Gandhara nahm, und denkt daran, wie quälend lange es in Europa dauerte, bis die ästhetische Kraft wieder erreicht war, der der Untergang des römischen Reiches erst einmal den Garaus gemacht hatte.
In Bonn verlässt man die Gandhara-Ausstellung, geht zwanzig Schritte zur Seite und kann sich in "Rom und die Barbaren" die andere Multikulti-Variante ansehen. Hier steht man nicht vor aus dem Stein gehauenen prachtvollen, schwellenden Körpern, sondern man beugt sich über Vitrinen mit Armreifen und Schnallen, mit Sattelbeschlägen und mit zum Davonlaufen hässlichem Tongeschirr. Es gibt auch Gold- und Silberarbeiten. Schmuck und Waffen, aber so weit das Augen reicht keine Kunst. Ja, der den Umschlag des Katalogs zierende Helm von Deurne ist prächtig. Er stammt aus dem 4. Jahrhundert und zitiert persische Vorbilder. Er ist ein Ausläufer des Multikulturalismus des römischen Reiches.
Schillers Nostalgie verstehen
"Rom und die Barbaren" wie auch die schöne kleine den Langobarden gewidmete Ausstellung im Rheinischen Landesmuseum hinter dem Bonner Hauptbahnhof, lassen einen Schillers Nostalgie nach den Göttern Griechenlands, seinen Seufzer "da ihr noch die schöne Welt regiertet" verstehen. Wer sich über Lanzenspitzen, hilflose Kritzeleien in Handschriften gar noch des 10. Jahrhunderts gebeugt hat, wer sich die Mühe machte, die dargebotenen Übersetzungen etwa aus der Historia Langobardorum des Paulus Diaconus zu lesen, der wird zurückfliehen nach Gandhara, und seine Augen werden sich weiden an der lässigen - Tanagra-Figuren abgeschauten - Eleganz eines Wandelnden Buddhas mit Bettelschale aus dem Peshawar-Museum. Er wird auch die hässliche Verwandte der Liebieghaus-Athene begrüßen. Staunend wird er stehen vor einer weiblichen Statuette mit entblößtem Bein, die von einer Stupa stammt, aber - wäre ihre Taille nicht so schmal und wären ihre Hüften nicht so schwer - glatt von einem griechischem Tempel stammen könnte.
Er wird anfangen die buddhistischen Legenden zu lesen, um zum Beispiel "Maras dämonische Heerscharen", die doch aussehen wie vom Titusbogen, zu begreifen. Es sind die Schreckbilder der Gewalt, die Mara, der Gott der Vernichtung, dem Erleuchteten schickt, um ihn aufzustören aus seiner Meditation. Eine Hieronymus-Szene also, denkt der Europäer und erschrickt, als er liest, dass Mara, als die Gewaltbilder den Siddharta nicht ablenkten von der Versenkung, dem Erleuchteten verführerische Frauen vor Augen stellte.
Mit einem Male spürt der nachlesende Besucher, wie nahe Ost und West einander sind. Wenn er dann noch im Alten Testament im Buch Ruth liest und auf Mara, die Bittere, stößt, dann beginnt ihm zu dämmern, dass es schon immer nur eine Weltkultur gab.
So fällt ihm mit einem Male auf, dass er den zentralasiatischen Beitrag zur Gandhara-Kultur nicht gesehen hat. Haben die Kushanas gar nichts von ihrer Bilderwelt eingebracht in die Gandhara-Kultur? Haben sie sich ganz darauf beschränkt, diesen indisch-römischen Mischstil zu goutieren? Muss man sie sich vorstellen wie deutsche Fürsten des 18. Jahrhunderts, die ganz dem Französischen verfallen waren? Oder müssen wir noch einmal hin, genauer schauen und entdecken wir dann auch Zentralasiatisches, die heimischen Zutaten der Invasoren also?
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