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17. Januar 2013

Krimi-Autor aus Frankfurt: Schriftsteller Jakob Arjouni ist tot

 Von Sylvia Staude
Der Schriftsteller Jakob Arjouni ist tot. Foto: imago stock&people

Der Schriftsteller Jakob Arjouni ist im Alter von 48 Jahren an Krebs gestorben. Bekannt wurde der Bestseller-Autor mit seiner Krimi-Reihe um den deutsch-türkischen Frankfurter Privatdetektiv Kemal Kayankaya.

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So gut hat Jakob Arjouni seine Sache gleich mit seinem ersten Kriminalroman gemacht, dass sich über Jahre das Gerücht hielt, der Autor habe einen türkischen Familienhintergrund und schreibe aus eigener Erfahrung. Anfang zwanzig war Arjouni und hatte ein Studium abgebrochen, als 1985 „Happy Birthday, Türke!“ erschien. Und wer zu dieser Zeit nach Frankfurt kam und sich für Kriminalromane interessierte, hörte auch alsbald von Kemal Kayankaya, dem türkischstämmigen Privatdetektiv mit der Schnodderschnauze und den entschlossenen Fäusten, der sich im Bahnhofsviertel und in anderen dunklen Bereichen auskannte wie in seiner Westentasche. Die vielen großen und kleinen rassistischen Bemerkungen, die dieser fiktive Ermittler zu hören bekam, die Vorurteile, mit denen er konfrontiert war, wie sollten sie anders ihren Weg in den Roman gefunden haben, als durch persönliche Erfahrung?

Durch gute, genaue Beobachtung vielleicht. Denn Jakob Arjouni ist am 8. Oktober 1964 in Frankfurt geboren worden als Jakob Michelsen, Sohn des früher nicht ganz unbekannten Dramatikers Hans Günter Michelsen. Er ging auf die mittlerweile mehr berüchtigte als berühmte Odenwaldschule und wuchs nach eigener Darstellung in einer typischen 68er-Großfamilie auf. Als wichtigstes Ausbildungsinstitut für den abenteuerlustigen Teenager Jakob nannte er im Interview einmal einen von internationalem Publikum besuchten Frankfurter Billardsalon im Rotlichtviertel: Dieser sei „ein großer Jahrmarkt“ gewesen. Volljährig geworden, zog Arjouni nach Frankreich, jobbte und begann zu schreiben. Kam zurück, fand schnell einen Verlag. Seinen ausländisch klingenden Namen hatte er von Kadisha Arjouni übernommen, mit der er eine Zeit lang verheiratet war.

Und dann auch noch Kriminalromane. Anfang der 80er tat das noch keineswegs jeder – der erste Wallander-Roman Henning Mankells erschien hierzulande 1991. Schon gar war es etwas ziemlich Neues, einen lässigen, spöttischen, politisch eher unkorrekten Detektiv durch bekanntes Gelände traben zu lassen – eine ganze Weile vor dem Boom des Regionalkrimis. In dieser Rubrik tauchte Arjouni erst kürzlich in einem Magazin auf, womit man ihm entschieden Unrecht getan hat.

Denn Jakob Arjounis schreiberische Leichtigkeit, die scheinbar nur dem Volk vom Maul abgelesen ist, täuscht über die Kunstfertigkeit des Tons und Präzision, ja, Gewitztheit des Witzes hinweg. Die Anmutung des Authentischen, er wusste sie bald auch aufs Beste in Theaterstücken und in anderen, sozusagen „normalen“ Romanen einzusetzen, etwa in dem 1990 uraufgeführten Stück „Nazim schiebt ab“ oder dem Schelmen- und Berlin-Roman „Der heilige Eddy“ (2009), dessen Hauptfigur Musiker wie Trickbetrüger ist. Eddy beobachtet seine Mitmenschen aufmerksam, um sie umso besser bestehlen zu können.

Und Jakob Arjouni scheint beobachtet zu haben, um seine Leser unterhalten zu können. Ganz undeutsch hatte er schon früh keine Scheu vor einer Vermischung von U- und E-Literatur, von Genretricks mit ernsten Themen wie Fremdenfeindlichkeit oder Zwangsprostitution, von Ironie – Detektiv Kayankaya ist ein Adoptivkind ungewisser Herkunft – und manchmal auch Hau-drauf-Humor. 1992 erhielt er für „Ein Mann, ein Mord“ den Deutschen Krimipreis, ebenfalls 1992 kam Doris Dörries Verfilmung von „Happy Birthday, Türke!“ heraus.

Im gerade vergangenen Jahr erschien (bei Diogenes) nach zehn Jahren Pause endlich wieder ein neuer Kayankaya-Krimi mit dem Titel „Bruder Kemal“, in dem Arjouni unter anderem das Thema Fundamentalismus klug und gar nicht unterkomplex abzuhandeln verstand.

Doch es wird leider keinen weiteren mehr geben. In der Nacht zu Donnerstag ist Jakob Arjouni in Berlin einer Krebserkrankung erlegen, er war erst 48 Jahre alt.

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