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08. Oktober 2009

Krimiautor Qiu Xiaolong: Der rote Rätsler

 Von Bernhard Bartsch
Chinas Metropolen als Brutstätten des Verbrechens - das passt den Zensoren in Qui Xiaolongs Heimat ganz und gar nicht ins ideologoische Konzept. Foto: afp

Krimiautor Qiu Xiaolong ist der weltweit bestverkaufte chinesische Autor. Doch Chinas Zensoren verhindern, dass er in der Heimat bekannt wird. Von Bernhard Bartsch

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Zur Person

Qiu Xiaolong wurde 1953 in Schanghai geboren. Früh schon lernte er die englische Sprache, er brachte sie sich mit Hilfe der Übersetzung der Mao-Bibel selbst bei. Qiu Xiaolong übertrug die

Gedichte T.S. Eliots sowie die Kriminalromane von Raymond Chandler und Ruth Rendell in das Chinesische. Als Krimiautor schuf er die Figur des Oberinspektors Chen, der bislang sechs Fälle zu lösen hatte.

Auf Deutsch sind von Qiu Xiaolong bisher Oberinspektors Chens erste fünf Fälle erschienen: "Tod einer roten Heldin", "Die Frau mit dem roten Herzen" und "Schwarz auf rot", "Rote Ratten " und "Blut und rote Seide"; alle Bücher sind im Zsolnay Verlag erschienen.

1988 reiste der Autor mit einem Stipendium der Ford Foundation in die USA und kehrte nach dem Massaker am Platz des Himmlischen Friedens im Juni 1989 nicht mehr nach China zurück. Heute lehrt Qiu Xiaolong an der Washington University in St. Louis chinesische Literatur.

Qiu Xiaolong besitzt keine Pistole. "Für einen Krimiautor ist das offenbar ungewöhnlich", meint der 56-Jährige. "Mein amerikanischer Verleger hat mir jedenfalls geraten, mir eine Schusswaffe zuzulegen und sie auch in meinen Büchern häufiger einzusetzen." Aber wozu braucht man Gewehre, wenn es auch Messer und Küchenbeile gibt? Und wenn sich Mörder statt von Einsatzkommandos auch mit sozialen Umzingelungsmanövern einkreisen lassen? "Meine Krimis spielen in China", sagt Qiu, "und dort laufen Verbrechen und Verbrechensbekämpfung eben etwas anders ab als in Amerika."

Genau darauf beruht Qiu Xiaolongs Erfolg. Der unscheinbare Mann mit der biederen Goldrandbrille ist der mit weitem Abstand bekannteste chinesische Vertreter des Räuber-und-Gendarme-Gen- res. Die mittlerweile sechs Fälle seines Oberinspektors Chen Cao sind in 21 Sprachen erschienen und haben sich weltweit mehr als eine Million Mal verkauft. Wohl kein anderer chinesischer Autor kann außerhalb der Volksrepublik vergleichbare Zahlen vorweisen.

Nur in der Volksrepublik haben die staatlichen Zensoren seinen Durchbruch bisher verhindert. Denn für Qiu, der seiner Heimat 1989 nach dem Tiananmen-Massaker den Rücken kehrte und heute in den USA lebt, porträtiert Chinas Wirtschaftswundermetropole Shanghai als eine Stadt der Verbrechen, Versuchungen und Verwirrungen. Seine Plots kreisen um Korruption, Geldwäsche und Menschenschmuggel, sein Personal sind bestechliche Parteibonzen, skrupellose Unternehmer und hilflose Normalbürger, seine Schauplätze Amtsstuben, Restauranthinterzimmer und Massagesalons.

"Viele Fälle gehen auf wahre Begebenheiten zurück", erzählt Qiu. In "Blut und rote Seide", dem im Frühjahr auf Deutsch erschienen fünften Chen-Band, werden alte Rechnungen aus der Kulturrevolution beglichen. Davor löste Chen in "Rote Ratten" einen Fall, der den Skandal um den Schmuggelkönig Lai Changxing nachzeichnete, der sich in den Neunzigern mit Bestechung und Erpressung eine ganze Provinzregierung gefügig machte und dann nach Kanada absetzte.

Doch während in Pekings Staatspropaganda am Ende stets Recht und Gerechtigkeit siegen, entlässt Qiu seine Leser immer mit dem mulmigen Gefühl, dass ein gelöster Fall in China noch lange kein gesühntes Unrecht bedeutet. "Oberinspektor Chen fällt es schwer, daran nicht zu verzweifeln", sagt Qiu. "Das hat er mit mir und vielen anderen Chinesen gemeinsam."

Es ist nicht die einzige Gemeinsamkeit zwischen Qiu und seinem Inspektor: Beide lieben sie Chinas klassische Kultur, gutes Essen und die Gedichte amerikanischen Nobelpreisgewinners T.S. Eliot. Vor allem aber sind sie beide Vertreter der chinesischen Umbruchsgeneration, die von Maos Klassenkampf sozialisiert und dann unverhofft dem ungezügelten Kapitalismus ausgeliefert wurde.

So war Qius erstes literarisches Werk ausgerechnet eine Selbstkritik, die er für seinen Vater schreiben musste. "Mein Vater war kurz vor der Revolution durch Zufall Geschäftsmann geworden", erzählt er. In den Dreißigern und Vierzigern hatte er in Shanghai als Buchhalter für eine deutsche Chemiefirma gearbeitet. Als diese sich nach dem Zweiten Weltkrieg aus China zurückzog, bekamen die entlassenen Angestellten statt ihrer noch ausstehenden Löhne die Lagerrestbestände überlassen. So ernährte Qius Vater seine Familie mit dem Verkauf von Parfümrohstoffen, nur um unter Maos Kommunisten wenige Jahre später zum Klassenfeind erklärt zu werden. Ihren Höhepunkt erreichten die Schikanen, als 1966 die Kulturrevolution ausbrach.

"Mein Vater lag damals wegen einer Augenoperation mit verbundenen Augen im Krankenhaus, aber die Roten Garden bestanden trotzdem darauf, dass er regelmäßig Selbstbezichtigungsschriften verfasst", erzählt Qiu. Also musste sein 14-jähriger Sohn kommen. "Mein Vater war sehr schwach, und so habe ich einfach selbst geschrieben, was mein Vater für ein Ausbeuter und monströser Verbrecher war." Qiu machte seine Sache gut - die Revolutionäre hatten an seinen Schuldbekenntnissen nichts auszusetzen.

Da Qiu aufgrund schlechter Gesundheit nicht zur sogenannten "Umerziehung der Stadtjugend durch die Bauern" aufs Land geschickt wurde, verlebte er seine

Teenagerjahre allein zuhause und brachte sich aus Langeweile Englisch bei, unter anderem mit Hilfe einer Übersetzung von Maos kleinem roten Buch. Eine glückliche Fügung: Als 1977, ein Jahr nach Maos Tod, die Universitäten wieder eröffnet wurden, schaffte Qiu die Aufnahmeprüfung zum Englischstudium. Sein Lehrer war der berühmte Dichter und Übersetzer Bian Zhilin. "Der Unterricht war sehr informell", erinnert sich Qiu. "Ich ging zu ihm nach Hause, musste ihm seine Kohlen in den fünften Stock tragen und dann haben wir über Lyrik geredet."

Nach seinem Abschluss wurde er an die Shanghaier Akademie für Sozialwissenschaften beordert und machte sich als Übersetzer von US-Schriftstellern wie T.S. Eliot oder Raymond Chandler einen Namen. Nebenher veröffentlichte er auch eigene Gedichte und wurde damit in den Schriftstellerverband aufgenommen.

Diese Mitgliedschaft sollte Qiu den nächsten großen Wendepunkt in seinem Leben bescheren. scheren. 1988 ging er mit einem Forschungsstipendium nach Washington. Kurz vor seiner geplanten Rückkehr erschütterte das Massaker auf Pekings Platz des Himmlischen Friedens die Welt. "Die chinesischen Auslandsstudenten waren schockiert und wollten für ihre Kommilitonen Geld sammeln", sagt Qiu. Als Staatsschriftsteller hatte Qiu Angst, sich öffentlich zu engagieren, doch weil er nicht kneifen wollte, ließ er sich überreden, bei einem Wohltätigkeitsbazar Frühlingsrollen zu frittieren. Am nächsten Tag erschien sein Name in einer amerikanischen Zeitung. Kurz darauf erhielt Qius Familie in Shanghai Besuch von der Polizei. "Meine Verwandten sollten mich auf Linie bringen", sagt Qiu, der es mit der Angst zu tun bekam

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