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Krise der Erkenntnis: Verleger Malchow über Folgen der Rezession

Die Rezession im Büchermarkt sei in den USA voll da. Der Verkauf in allen Kategorien sei rückläufig, bei Bestsellern, bei Büchern mittlerer Größenordnung und bei den Minderheitenbüchern. Wie sieht es bei uns aus?

Im Frankfurter Stadtteil Riederwald kämpfen die Bürger um den Erhalt ihrer Bücherei.
Im Frankfurter Stadtteil Riederwald kämpfen die Bürger um den Erhalt ihrer Bücherei.
Foto: dpa

Seit wann ist in Ihrem Verlag das Wort "Finanzkrise" präsent?

Sie wollen über die Finanzkrise reden? Das überrascht mich. Die weitaus meisten Interviews in den letzten Wochen habe ich zum Thema Elektronische Bücher gegeben. Mit der Finanzkrise haben wir uns bisher nicht beschäftigt. Das erste Mal, dass das Thema als Verleger auf mich zukam, war bei der Frankfurter Buchmesse von amerikanischen Verlegern und Lektoren. Bei denen war das Stimmungsbarometer allerdings drastisch in den Keller gegangen.

Zur Person

Helge Malchow, Jahrgang 1950, ist Verleger beim Verlag Kiepenheuer & Witsch. Der ausgebildete Gymnasiallehrer kam 1983 zum Verlag und war dort zunächst für die KiWi-Paperbackreihe verantwortlich. Cheflektor wurde er 1993, seit 2002 ist er Verleger.

Was haben die gesagt?

Na ja, die Rezession ist in den USA voll da. Der Verkauf in allen Kategorien ist rückläufig, bei Bestsellern, bei Büchern mittlerer Größenordnung und bei den Minderheitenbüchern. Es ist also eindeutig ein konjunkturelles Problem.

Erwarten Sie hier das gleiche?

Da bin ich unsicher. Wir werden auf der einen Seite eine wirtschaftliche Eintrübung erleben. Es ist aber nicht zu sagen, ob das auch die Buchbranche treffen wird. Bisher haben Bücher solchen Entwicklungen oft widerstanden. Sie sind ja auch gute Substitutionsgüter. Wenn ich meiner Frau zu Weihnachten kein Auto mehr schenken kann, schenke ich ihr vielleicht drei Bücher. Außerdem muss nur ein einziger Titel wie "Harry Potter" auftauchen, dann koppelt sich die gesamte Branche von der allgemeinen Entwicklung ab.

Die Potters fallen nicht jeden Tag vom Himmel.

Ja, wir haben keinen Harry Potter in den kommenden Programmen, aber eine Reihe von Titeln mit großem Potential wie etwa der neue Roman von Frank Schätzing. Auch S. Fischer setzt große Hoffnungen in den neuen Zafón. Bei Publikumsverlagen sind eben viel mehr Faktoren im Spiel als die allgemeine Konjunkturentwicklung.

Es ist also für Sie unklar, ob die Krise für die Kunst Chance oder Bedrohung ist?

Ja. Kultur kann auf Krisen reagieren. Es gibt einen Zusammenhang zwischen Krisenbewusstsein und kulturellem Interesse. Dass die Kultur schrumpfen wird wie die Autoindustrie, das halte ich jedenfalls keineswegs für ausgemacht.

Kulturstaatsminister Bernd Neumann lobt jetzt die Vorzüge unseres staatlichen Subventionssystems. Sehen Sie das auch so?

Zum Teil hat er Recht, was unmittelbare Einschläge in privat finanzierten Kulturinstitutionen etwa in den USA betrifft, in einem Museum, das von einer Bank finanziert wird. Aber er hat unrecht, was die langfristige Entwicklung anbelangt. Die Krisen haben Einfluss auf den Staatshaushalt, aus dem ja Kultur zum Teil finanziert wird.

Geld, das für Banken ausgegeben wird, fehlt dann der Kultur ?

Wenn mich meine Rechenkraft nicht verlassen hat, dann ja. Aber natürlich hängt das von den Kulturpolitikern ab.

Gehören Sie auch zu denen, die meinen, dass die ökonomistische Ideologie ausgedient hat?

Ja.

Kann die Kultur jetzt an ihre Stelle treten?

Es gibt da ja noch ein paar Sinnstiftungsunternehmen, die ihr Konkurrenz machen, etwa die Religion. Die Rückkehr der politischen Großideologien ist auch denkbar.

Und was sagen Sie?

Ich kann nur Beobachtungen im Bekanntenkreis vornehmen. Da gibt es ein starkes Interesse an ernsthafterem Nachdenken über unsere Lebensbedingungen, ein neu erwachtes Interesse an gesellschaftlicher Reflexion, Literatur, philosophischen Fragen. Aber das sind Beobachtungen in einer feinnervigen gesellschaftlichen Minderheit. Für die Gesellschaft insgesamt habe ich da meine Zweifel.

In Ihrem Verlag ist das Sachbuch "Der globale Countdown" erschienen. Sehen Sie auch Literatur, in der sich Vorahnungen der Finanzkrise erkennen lassen?

Christian Kracht zeichnet in seinem neuen, kurzen Roman eine ganz andere Welt als die unsere, eine apokalyptische Welt, in der seit hundert Jahren Krieg und Gewalt auf allen Gebieten herrschen. Ein solches Buch ist natürlich auch eine Reaktion auf Unsicherheiten im öffentlichen Bewusstsein. Ich glaube, dass jetzt Bücher interessant werden, die das allgemeine Unsicherheitsgefühl in Worte fassen. Oder das Gefühl, dass alles ganz anders laufen könnte. Wir haben lange auf der Basis vermeintlicher Sicherheiten gelebt. Wenn solche Sicherheiten wegfallen, entsteht ein Interesse an Büchern.

Wir erleben Vorformen von Katastrophenbewusstsein?

Das ist ja auch naheliegend. Kein Mensch hat den Fall der Mauer vorhergesehen, den 11. September oder die Finanzkrise. Das sind alles Großereignisse, deren Wirkungen über Nacht über uns hereingebrochen sind. Weder Soziologie, Politik, Wissenschaft noch Kunst haben das vorhergesehen. Wenn das so stimmt, ist es doch naheliegend, dass ein Bewusstsein der Ohnmacht und eine Erkenntniskrise entsteht. Wir erleben jetzt Formen der Angst, die wir bisher nur aus Geschichten der Großeltern oder aus Berichten aus den 20er Jahren kennen, auch wenn natürlich wieder alles ganz anders verlaufen wird. Man klammert sich in solchen Momenten ja auch fälschlich an historische Analogien.

Interview: Peter Michalzik

Datum:  13 | 11 | 2008
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