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12. Juni 2012

Krise in Europa: Was ist Europa?

 Von Peter Michalzik
Nicht einmal definierte Grenzen hat Europa.  Foto: imago

Europa ist das Thema der Wiesbadener Biennale. Der Kampf um und mit Banken und dem Rettungsschirm lässt Teilnehmer sinnieren, wie schön es einst war - als die EU noch bloß ein Verwaltungsmoloch war.

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Seit einiger Zeit scheint Europa ein Rettungsschirm zu sein. Darunter schlüpfen jene Staaten mehr oder minder freiwillig, die den krisenhaften Regenunwettern der Kapitalmärkte nicht mehr länger standhalten.

Seit ein paar Tagen nun – bloß kein zweites Griechenland! – soll die EU eine Banken-Union werden. Die Krise Europas, das ist allen klar, ist in Wahrheit eine Krise der Banken, die Europa fest im Würgegriff haben. Was der Euro, der der Grundstock der endgültigen europäischen Einigung sein sollte, doch alles hervorgerufen hat! Die Geister, die man rief, wird man nicht mehr los. Banken mit einer Banken-Union bekämpfen! Dass Spaniens Banken gerade mit 100 Milliarden Euro gerettet werden, erscheint schon fast normal. Ach, wie unendlich fern und harmlos erscheinen einem, nach zweieinhalb Jahren Krise, die Tage, als man Europa vor allem als Verwaltungsmoloch wahrnahm.

Es war vor 20 Jahren, 1992, als der Euro, die „Gemeinschaftswährung“, in Maastricht beschlossen wurde und die Geschichte ihren Lauf nahm. In diesem Jahr fand das erste Mal auch eine neue europäische Biennale statt, es war in Bonn. „Neue Stücke für Europa“ hieß und heißt die Veranstaltung bis heute, die nun zum zehnten Mal stattfindet, in Wiesbaden (und Mainz).

Vorausgegangen war damals eine Diskussion in der EU, man beriet allen Ernstes über ein europäisches Theatergesetz. Es waren Tage europäischer Euphorie, damals nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Ein reglementierendes Theatergesetz konnte trotzdem verhindert werden, dafür wurde die europäische Theaterbiennale erfunden, bei der Stücke aus den meisten Ländern gezeigt, gespielt, übersetzt, zugänglich gemacht und diskutiert werden.

Nur für Sonntagsreden

Damals sprach man gerne über Kultur, naturgemäß gemeinsame, wenn man über Europa sprach. Man sprach von ihr als Fundament des gemeinsamen Europa und man sprach von Kultur als dem, was alles zusammenhält. Man tat so, als gäbe es eine gemeinsame kulturelle Identität Europas, als sei Europa eine Wertegemeinschaft, als sei Europa in der Kultur etwas fertig Vorausgedachtes, irgendwie in sich Geschlossenes.

Heute ist das anders. Heute ist der Eurovision Song Contest die größte europäische Kulturveranstaltung. Und sie findet in Aserbaidschan statt. Das erinnert daran, dass Europa nicht einmal eine definierte Grenze hat.

Damals, 1992, sagte der zuständige EU-Beamte über die Biennale, wenn es dieses Festival nicht gäbe, müsse man es erfinden, so sehr passe es zu Europa. Damals bekam das Festival von der Europäischen Gemeinschaft immerhin 30000 Mark an Fördermitteln. Es sollte das einzige Mal bleiben. Seitdem gibt es kein Geld aus Brüssel mehr. Erstaunlicherweise ist auch das Festival ziemlich einzigartig geblieben. In Leipzig gibt es die „euro-scene“, ein jährlich stattfindendes europäisches Theaterfestival mit Tanz-Schwerpunkt. Und in Wroclaw (Breslau) findet das Festival „Dialog“ statt, wo je eine polnische und eine europäische Produktion zusammengespannt werden.

Kultur spielt für Europa schon länger keine Rolle mehr, sie taugt kaum mehr für Sonntagsreden. Aber auch die Kultur scheint sich kaum mehr für Europa zu interessieren. Die Krise des Kontinents hat weder die Intellektuellen noch die Künstler zu einer Initiative herausgefordert. Thomas Assheuer hat in der „Zeit“ vor kurzem dagegen polemisiert, was allerdings weitgehend ungehört verhallte.

Wenn nun in Wiesbaden (und Mainz) 30 Stücke aus Europa gezeigt werden, fragt man sich angesichts der Vorgeschichte und der Situation Europas: Kann das mehr als ein Sammelsurium sein, mehr als eine zufällige Versammlung mehrerer Aufführungen in Sprachen, die man meist nicht versteht? Ist das Europa?

Drei Dinge sind seit 1992 vor allem passiert, was die EU betrifft. Der Wende folgte, erstens, die Ost-Erweiterung. Was vielen damals Angst machte, erweist sich heute als Glück: Die östlichen Staaten sind inzwischen der dynamischere Teil Europas, nicht nur im Theater. Es ist Polens Ministerpräsident, der die Bankenkrise als vierte Gründungsphase der EU und nicht nur als Bedrohung verstanden wissen will. Für ihn ist Europa noch Idee und Verheißung.

Kultur ist kein Kitt

Diese Energie findet sich auch in den Stücken aus Polen. 2008 hatte die sehr junge Malgorzata Sikorska-Miszczuk ihr Stück „Der Tod des Eichhörnchenmenschen“ bei der Biennale gezeigt. Die Farce drehte sich um die deutsche RAF und erzählte von Ulrike Meinhof, es war der schrillste Spiegel, der dem Terrorismus bis dahin vorgehalten worden war. „Unsere Klasse“ heißt heute das Stück aus Polen, ausgesucht eben von Sikorska-Miszczuk. Anhand von zehn Biografien einer Schulklasse faltet sich die Geschichte des Nachbarlandes auf.

Dann gab es nach 1992, zweitens, den Krieg in Jugoslawien, der die Idee, dass Kultur ein Kitt ist, der Wunden heilt, zunichte gemacht hat. Kultur kann so gut trennen wie verbinden. Die Biennale hat dieses Thema wieder und wieder durchgespielt. Auch das jetzige Programm befasst sich in „Hypermnesie“ aus Serbien, Bosnien-Herzegowina und dem Kosovo oder in „Verdammt sei der Verräter seiner Heimat!“ aus Slowenien mit dem Thema.

Und dann kam, drittens, die Bankenkrise. „Stecher und Lutscher“ ist der Titel des Stückes aus der Slowakei, das mit groteskem Drive auf den Turbokapitalismus reagiert.

Ein Höhepunkt ist sicherlich „Miststück“ von Béla Pintér aus Ungarn. Es ist nicht das erste Mal in Deutschland zu sehen, aber es bleibt der brisanteste Kommentar zur politischen Situation, nicht nur in Ungarn. Zwei 15-jährige Mädchen kommen als Adoptivkinder aufs Land, sie sind nicht die lieben Ersatzkinder, die man sich in der braven Familie und dem Öko-Modell-Dorf vorgestellt hat, sondern zwei egoistische, knallharte und rattenscharfe Weiber, die die heile Welt ruckzuck auffliegen lassen und rassistische Vorurteile dort zum Vorschein bringen, wo nicht einmal sie sie vermutet hätten.

Das, nicht mehr und nicht weniger, hat Kultur zu bieten: Erinnerung, Spiegel, Infragestellung, Witz, Schärfe, wo sie vielleicht niemand wollte. Eine Identität Europas wird man auf einem solchen Festival nicht finden, aber seine Vielfalt. Man kann denken, diskutieren und sich selbst relativieren. Das ist nicht nur unterhaltsam, es ist auch mühsam und es rettet keine Bank. Aber es gehört unbedingt zu Europa.

Neue Stücke aus Europa: 14. bis 24. Juni in Wiesbaden und Mainz. www.newplays.de

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