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Kritik: In der Andersch-Falle

Der Moralismus der Nachgeborenen: W.G. Sebalds Nachkommen zementieren die Vorwürfe gegen Alfred Andersch. Doch dass Andersch den Krieg überleben wollte, ist wohl keine moralische Schandtat; dass eine Ehe zerrüttet ist, bei Andersch schon 1940, soll vorkommen

Undatierte Aufnahme des Schriftstellers Alfred Andersch (1914 - 1980).
Undatierte Aufnahme des Schriftstellers Alfred Andersch (1914 - 1980).
Foto: dpa

Nicht erst in der amerikanischen Kriegsgefangenschaft 1944 habe Andersch Nutzen aus dem "jüdischen Hintergrund" seiner ersten Frau gezogen, schreiben Jörg Döring und Rolf Seubert in der FAZ (19.8.2008). Dies mache den Umstand der von ihm 1943 forcierten Scheidung "moralisch um so anstößiger" und sei ein zusätzlicher Beleg für die "strategische Instrumentalisierung seiner Ehefrau" und stärke die Position von W. G. Sebald, der mit seiner Kritik an Andersch somit "recht" gehabt habe, "mehr als er damals wusste". Die Verfasser haben ein Dokument gefunden, aus dem hervorgeht, Andersch sei als "jüdischer Mischling" vorübergehend 1941 aus der Wehrmacht entlassen worden und nicht, wie von Andersch selbst angegeben, weil er 1933 ein paar Wochen im KZ Dachau inhaftiert gewesen war.

Was ist eine Schandtat?

Aus diesem Fund geht aber offensichtlich keineswegs hervor, dass Andersch sich selbst aus diesem Grund angezeigt und so seine vorübergehende Entlassung erreicht hat. Die Rechercheure glauben Andersch zwar nicht mehr den von ihm angegebenen Grund, was angesichts des Dokumentenfundes plausibel ist; sie glauben ihm aber weiterhin ganz selbstverständlich, dass er selbst seine Entlassung via Selbstanzeige erreicht habe, obwohl sie ebenso erklären, die Wehrmacht habe in der Vorbereitung des Mordes an den europäischen Juden darauf geachtet, die Soldaten mit jüdischen Ehefrauen nicht zum unkalkulierbaren Risiko zu machen und sie systematisch entlassen.

Dass Andersch seine Entlassung durch Funktionalisierung seiner ersten Frau selbst initiiert und erreicht hat, ist damit eine Insinuation der Verfasser, die sich der hohepriesterlichen Autorität Sebalds in ihren wertenden Epitheta anschließen. Das ist - schon bei Sebald selbst - ein Moralismus, der nichts kostet, von Nachgeborenen, die nicht dieselben Probleme hatten, die nicht einmal in vergleichbaren Situationen waren.

Dass Andersch den Krieg überleben wollte, ist ja wohl keine moralische Schandtat; dass eine Ehe zerrüttet ist, bei Andersch schon 1940, soll vorkommen. Er hat diese Ehe noch drei Jahre aufrecht erhalten; nach Döring/Seubert: weil er von ihr noch profitieren konnte. Wusste er, ob er durch sie nicht auch bedroht war? Warum ist die Möglichkeit so abwegig, dass er die Ehe aufrecht erhalten hat, um seine Frau und seine Tochter zu schützen? Danach, 1943, habe er schreiben und publizieren wollen, unterstützt und animiert von seiner späterhin zweiten Frau Gisela Groneuer. Er musste dazu in die Reichsschrifttumskammer und habe sich eigens zu diesem Zwecke scheiden lassen - auf Kosten der jüdischen Ehefrau war ihm die eigene Schriftstellerkarriere also wichtiger, so die Einflüsterung, anscheinend auch wichtiger als die erneute Einberufung, die auch prompt im Herbst 1943 erfolgt ist.

Da stimmt doch etwas nicht, schon in der Logik nicht. Erwartbar wäre gewesen, dass er sich erst scheiden ließ, als die Sicherheit seiner (ersten) Familie gewährleistet war. So hat Andersch die Sachlage auch Freunden gegenüber dargestellt, diese Version aber nicht auf den Markt getragen: Er habe selbst Angelika Andersch und die gemeinsame Tochter über die Schweizer Grenze gebracht, in Sicherheit; erst nach seiner Rückkehr aus der amerikanischen Kriegsgefangenschaft, 1946, hat er die beiden wieder nach München geholt, wo er eine Redaktionsassistenz bei der "Neuen Zeitung" hatte.

Der Moralismus ist eine saure Angelegenheit, mit einem statischen Menschenbild: Er billigt dem einzelnen keine Lernfähigkeit zu. Dass ein Mensch, der als Neunzehnjähriger in Dachau Zwangsarbeit leisten musste, danach eingeschüchtert in die Introversion flieht und nicht in den politischen Widerstand, dass er - vielleicht sehenden Auges, wie weit, wissen wir nicht - Kompromisse macht, ist ja nicht ganz unverständlich. Dass Andersch selbst mit dieser Haltung im Nachhinein alles andere als einverstanden war, belegt vor allem sein erzählerisches Werk, in dem es immer wieder Elemente einer "Wunschbiographie" gibt (so der Begriff des emigrierten Peter Weiss für die "Ästhetik des Widerstands").

Vergangenheitsbewältigung

Bestimmte Konstellationen wiederholen sich in Anderschs Arbeiten, am deutlichsten, ja fast aufdringlichsten die Desertions-, die Fluchtspiele, von "Kirschen der Freiheit" bis "Winterspelt". Er hat sich an seiner Vergangenheit abgearbeitet, war offenbar nicht imstande, das offen und unverschlüsselt zu tun, sondern nur in literarischer Form - auch wenn die "Kirschen" "ein Bericht" im Untertitel heißen, handelt es sich um einen hochgradig stilisierten Text. Beschreiben die "Kirschen" und "Sansibar oder der letzte Grund" noch gelungene Fluchten aus unerträglichen Lebensumständen, werden die späteren Texte skeptischer, düsterer - als Andersch 1980 mit 65 Jahren starb, war er nicht fertig mit diesen Teilen seiner Biographie. Ich sehe nicht, dass es Germanisten und Schriftstellern, die dreißig Jahre jünger sind, zustünde, diese Haltung mit Vorwürfen zu bedenken.

Der Autor verfasste Biographien über Erich Kästner und Elias Canetti und lehrt Germanistik in München.

Autor:  SVEN HANUSCHEK
Datum:  20 | 8 | 2008
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