Sie ist eine der letzten von Flug LH 721, die am Donnerstagnachmittag die stickige Ankunftshalle im Terminal 1 des Frankfurter Flughafens betritt. Als Dai Qing mit zwei Rollkoffern durch die Schiebtür kommt und die Objektive der wartenden Journalisten sieht, hellt sich ihre Miene auf, sie lacht gelöst und lässt sich bereitwillig fotografieren.
Dann erzählt sie, wie sie sich am Morgen (Ortszeit) in Peking auf eigene Kosten schnell ein neues Flugticket kaufen musste, nachdem ihr Ticket von Peking nach Frankfurt noch in letzter Minute storniert worden war - von der Buchmesse? Oder war es ein technischer Fehler? Sie weiß es nicht.
Das P.E.N.-Zentrum Deutschland ist eine der weltweit über 140 Schriftstellervereinigungen, die im Internationalen P.E.N. vereint sind. Die drei Buchstaben stehen für die Wörter Poets, Essayists, Novelists. Der P.E.N. wurde 1921 in England als literarischer Freundeskreis gegründet. Schnell hat er sich weltweit ausgebreitet und entwickelte sich immer mehr zur Stimme für verfolgte und unterdrückter Schriftsteller.
Besonders intensiv widmet sich der deutsche Pen den internationalen Programmen "Writers in Exile" und "Writers in Prison". Alle sechs Monate legt das internationale Writers-in-Prison-Committee eine Broschüre (Caselist) vor, die sämtliche ihm bekannt gewordenenFälle verfolgter Autoren auflistet. Die Angaben werden ständig aktualisiert. Die "Caselist" für das erste Halbjahr 2009 nennt allein für China und Tibet deutlich über vierzig Fälle.
Bei der Frankfurter Buchmesse im Oktober will das P.E.N.-Zentrum Deutschland vor allem solchen Autoren ein Forum bieten, die in China verfolgt und deren Schriften verboten sind. Dazu arbeitet das Zentrum mit dem Independent Chinese PEN zusammen. Auf einem Stand während der Messe wird es zwischen dem 14. und 18. Oktober täglich kritische Veranstaltungen geben, auf denen das Zensursystem in China öffentlich gemacht werden soll.
Auftreten werden dort unter anderem der in den USA lebende Dissident Harry Wu, der vor allem über Arbeitslager in China publiziert hat. Dabei sind auch der in Köln lebende Exilschriftsteller Shi Ming sowie Zhou Qing, der Skandale um verseuchte Lebensmittel in China aufgedeckt hat.
"Keiner kann mich jetzt mehr daran hindern, auf dem Symposium meine Meinung zu sagen", hat die 68-Jährige der FR zuvor telefonisch erklärt, als sie in Peking das Flugzeug bestiegen hat. 14.000 Yuan (1400 Euro) habe sie für das neue Ticket bezahlt - "aber das Geld gebe ich gerne aus, um gegen willkürlichen Machtmissbrauch zu demonstrieren."
Auf dem Frankfurter Flughafen wird Dai freudig begrüßt von einem anderem zunächst von der Buchmesse Ausgeschlossenen, dem Exilautor Bei Ling. Er ist schon am Morgen am Main eingetroffen. Er wollte in Frankfurt eigentlich detailliert über den Mangel an Meinungsfreiheit in China zu erzählen.
In seinem vorbereiteten Beitrag für das heute beginnende Buchmesse-Symposium beschreibt er ein "sehr subtiles und umfassendes System" von Verlagszensur in seinem Heimatland: "Arbeiten werden von den zuständigen Abteilungen der Verlage einmal, zweimal, dreimal, manchmal bis zu fünf oder sechsmal unter die Lupe genommen." Die Presseämter der Stadt und Provinz müssen dann noch zustimmen.
Verlagshäuser, die "politisch falsche", "verbotene" oder "die Staatssicherheit gefährdende" Bücher verlegen, werden bestraft oder geschlossen. "Um ein Buch veröffentlicht zu bekommen, müssen die Autoren ihre Themen selbst zensieren", sagt Bei Ling, der 2000 wegen "illegaler Veröffentlichung" in Haft kam und mit Hilfe der USA freigelassen wurde und ausreisen konnte.
"Die Selbstzensur chinesischer Autoren, Journalisten und Redakteure tötet die Unschuld ihrer Seele und verletzt ihre Kreativität", stellt Bei Ling fest. Bei Ling lebt heute in Boston und publiziert mit seinem Verlag Tendency von Taiwan aus exilchinesische Literatur. Mit dem taiwanesischen Stand auf der Buchmesse gibt es praktisch eine Gegenveranstaltung zum Gastauftritt des offiziellen Chinas. Die Taiwan-Sektion ist sorgsam von Chinas Präsentation getrennt. Hier wird es Bücher geben, die in der Volksrepublik nicht veröffentlicht werden - hunderte Werke von im Reich der Mitte unverwünschten Autoren. (bba/fe/dpa)
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