Geschwindigkeit ist im Mediengeschäft das A und O. Am vergangenen Donnerstagmorgen starb in Wien Hans Dichand (89), Herausgeber, Gründer und Hälfte-Eigentümer der Kronen-Zeitung. Am Nachmittag desselben Tages diktierte Bodo Hombach, Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe, der die andere Hälfte der Zeitung gehört, den Journalisten bereits die neue Linie des deutschen Zeitungshauses in die Feder: Die WAZ habe demnach nun kein Interesse mehr, ihren Anteil an der Krone zu verkaufen. Tags darauf legte WAZ-Geschäftsführer Christian Nienhaus nach: Wenn die Familie Dichand "Geld braucht", könne die WAZ gerne deren Anteil übernehmen, ließ er den Hinterbliebenen über österreichische Medien ausrichten.
Die Familie Dichand wiederum reagierte prompt und richtete den Herren aus Essen über die eigene Zeitung aus, dass man kein Interesse an einem Verkauf der Anteile habe. Im Gegenteil, man arbeite an einem Angebot, die WAZ auszukaufen. Es gebe eine "starke familiäre Bindung zu den Journalisten, zu den Mitarbeitern der Krone", schrieb Dichands Sohn Christoph, Chefredakteur des Blattes: "Eine Bindung, die heute stärker denn je ist und die sich längst über jedes kaufmännische Kalkül hinausbewegt hat."
Bernhard Baumgartner ist Redakteur der Wiener Zeitung.
Wer will hier also wen kaufen, und warum redet man nicht miteinander, sondern richtet sich Botschaften über die Medien aus? Und wie geht es mit Österreichs reichweitenstärkster Zeitung nach dem Tod ihres greisen aber bis zuletzt so gar nicht unaktiven Herausgebers weiter? Diese Fragen werden derzeit in Wien heftig debattiert. Zwar sind die Leserbriefseiten der Krone noch immer voll von Beileidsbekundungen der treuen Leserschaft, hinter den Kulissen wird jedoch heftig über die Zukunft spekuliert.
Die Familie Dichand und die WAZ liegen schon seit Jahren im Clinch. Der Grund ist, dass Hans Dichand 2003 seinen Sohn Christoph ohne Absprache mit der WAZ zum Chefredakteur machte. Zudem sind die Werbeeinahmen der Krone laut Medienberichten nun schon seit Jahren rückläufig, auch die Auflage sinkt beständig. Ein Gegensteuern war aufgrund der verfahrenen Situation der Hälfte-Eigentümer nicht möglich. Diese Situation hat sich mit dem Tod des Patriarchen aus Sicht der WAZ nun deutlich verändert.
Immerhin fallen nun Dichands Rechte als Hauptgeschäftsführer weg, eine Funktion die der 89-Jährige trotz seines Alters bis zuletzt ausübte. Die Geschäftsführung ist nun paritätisch besetzt, die eine Seite kann ohne die andere nichts entscheiden. Das verbessert die Lage der WAZ-Gruppe, die bislang bei Streitfragen immer den Kürzeren zog, da der Patriarch Dichand das letzte Wort hatte.
Dass die Familie Dichand nach dem Tod des Seniors ihre Einigkeit betont, kommt nicht von ungefähr. Dichand hinterlässt eine Frau und drei Kinder. Nicht immer seien die Familienmitglieder einer Meinung gewesen, was die Zukunft der Krone betraf, heißt es in Wien. Zuletzt verhandelten Sohn Christoph und seine Frau Eva (praktischerweise Herausgeberin eines Wiener Gratisblattes) mit der WAZ über einen Kauf von deren Anteilen durch die Dichands. Laut österreichischen Medien wollten Teile der Familie die von der WAZ geforderten 200 Millionen Euro aber nicht aufbringen. Ein Kauf mithilfe der Raiffeisen-Bank soll laut dem Nachrichtenmagazin Profil sogar durch eine politische Intervention der SPÖ gescheitert sein. Man wollte angeblich verhindern, dass Anteile an dem meinungsprägenden Blatt an eine der konservativen ÖVP nahestehende Gruppe gehen.
Dass nun das Patt mit der WAZ droht, ist für alle Beteiligten keine gute Nachricht. Immerhin gibt es in der Krone einen Reformstau, der das Blatt mitunter optisch wie inhaltlich sehr rustikal aussehen lässt. Viele Journalisten des Blattes sind um die siebzig, junge Gesichter sind selten zu sehen. Denn Hans Dichand verließ sich stets lieber auf seine altbekannte Mannschaft. Manche Mitarbeiter stammen noch aus den Gründertagen. Einer der Kolumnisten zum Beispiel ist seit vielen Jahren tot; statt ihn zu ersetzen, behalf man sich damit, Texte "aus seinem Vermächtnis" zu publizieren. Manchmal ist Geschwindigkeit im Mediengeschäft eben doch nicht alles.
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