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10. Januar 2016

Kuba: Sozialismus ohne Architektur

 Von Robert Kaltenbrunner
Allein im Zentrum der Hauptstadt verrotten 3500 Häuser.  Foto: REUTERS

Der Mythos Havannas verblasst zusehends: Allein im Zentrum der kubanischen Hauptstadt verfaulen 3500 Häuser. Der Charme städtebaulicher Homogenität und architektonischer Harmonie geht dahin.

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Wenn es wahr ist, dass die großen Städte Stimmung und Bemühung ihrer Besucher erwidern, dass sie dem Verschlossenen abweisend, dem Unsicheren indifferent erscheinen und vor dem offen Neugierigen ihren ganzen Charme ausbreiten, dann trifft das auf Havanna ganz besonders zu.
Walter Benjamin sprach in diesem Zusammenhang einmal von „Ereigniswerten“, die sich stets erst aus der Beobachtung der Teile heraus zu einem schlüssigen Ganzen fügen. „Porös wie dieses Gestein ist die Architektur. Bau und Aktion gehen in Höfen, Arkaden und Treppen ineinander über.

In allem wahrt man den Spielraum, der es befähigt, Schauplatz neuer unvorhergesehener Konstellationen zu werden. Man meidet das Definitive, Geprägte. Keine Situation erscheint so, wie sie ist, für immer gedacht, keine Gestalt behauptet ihr ,so und nicht anders‘.“

Man ist gut beraten, diese Worte zu beherzigen, wenn man sich in der kubanischen Hauptstadt auf eine architektonische Spurensuche begibt. In überraschender Noblesse trägt Havanna alle Zeichen westlicher Kultur; hier spiegelt sich die Geschichte in ihren eigenen Monumenten. Kathedralengleich und zinnengekrönt reckt sich die 1927 gebaute Zentrale der Cuban Telephone Company stolz in den karibischen Himmel. Jenes Kleinod, das der Architekt Mario Rotllant um 1910 als zweigeschossiges Apartmenthaus in der Altstadt verwirklichte, irritiert: die künstlerische Haltung dem Art déco entliehen, offenbart es sich als ein exotisches Stilgemisch – mit zwei Balkonen wie ungleiche Geschwister. Oder das Solimar Building im Zentrum der Stadt, 1944 nach Plänen von Manuel Copado errichtet: Dem International Style verpflichtet, zugleich ungemein schwungvoll und dynamisch – eine Vorwegnahme des Guggenheim Museums von Frank Lloyd Wright.

Nicht umsonst gilt Kubas Kapitale als eine Perle der Karibik. Der Kern der Stadt ist im Grunde dreigeteilt: Habana Vieja, die Altstadt, liegt westlich des Hafens und war einst von Stadtmauern aus dem 17. Jahrhundert umgeben, die längs der heutigen Avenida de Bélgica und der Avenida de las Misiones verliefen. Deren Abriss 1863 schuf die Voraussetzung für eine Erweiterung, das heutige Centro Habana, an das sich wiederum, nach der Unabhängigkeit 1902, das mondäne Vedado anschließt, das einst pulsierende Hotel- und Vergnügungsviertel.
Hier hatte sich, eng verbandelt mit dem Diktator Fulgencio Batista, seinerzeit die Mafia breitge-macht und ähnlich großen Einfluss auf die Gegebenheiten in Kuba ausgeübt wie die offizielle amerikanische Politik.

Die berühmte Avenida del Malecón

Apostrophiert wird Havanna heute gerne als eine Stadt, die die gestalterische Ordnung, städtebauliche Homogenität und formale Harmonie so konsequent in Szene setzt, dass all die Reibungen und Verwerfungen, die sichtbar werden oder zu erahnen sind, kaum mehr als einen sentimentalen Schleier darstellen. Doch trifft es das? Man kann den Paseo de Marti, besser bekannt unter seinem alten Namen El Prado, zwar als tropische Antwort auf die Ramblas in Barcelona lesen, doch den Ansprüchen an einen veritablen Boulevard – nur wenige intakte Straßenlaternen beleuchteten den schmutzigen Asphalt, Menschenschlangen, die sich vor den Bushaltestellen bilden und immer länger und dicker werden, mitgenommene Lorbeerbäume – genügt er kaum.

Die berühmte Avenida del Malecón, der ursprüngliche Küstenweg am Atlantik, der Anfang der 50er Jahre zur sechsspurigen Schnellstraße ausgebaut wurde, brüstet sich damit, ein authentisches Freilufttheater zu sein: ein „Kabarett für Arme“, das Angeln ebenso einen Standort bietet wie Salsa-Tänzern und trinkenden Müßiggängern eine Bühne. Freilich stellt man sich das lebendiger vor, als es tatsächlich ist.

Havannas unvergleichliches Architekturerbe, das ungezählte Meisterwerke von der Spätrenaissance bis in die Zeit der Revolution aufweist, wurde lange vernachlässigt – dies umso mehr, als das amerikanische Wirtschaftsembargo die Mittel knapp werden ließ. Dennoch kämpfte der heute international angesehene Stadthistoriker Eusebio Leal Spengler seit Jahrzehnten für den Erhalt des 1982 zum Weltkulturerbe ernannten Habana Vieja. Nach und nach ist es ihm gelungen, einige Bereiche – die Plaza Vieja etwa, rund um die Kathedrale oder an der Plaza de Armas – auf höchst attraktive Weise wiederzubeleben.

Kein Häuserblock ohne Ruinen

Der gelernte Ingenieur, Literat und Dissident Antonio José Ponte hingegen wertet diese Anstrengungen weniger positiv: „Wo auf der Welt gibt es eine zweite Stadt, die ein halbes Jahrhundert in völliger Erstarrung verbracht hat?“ Zwar sei die Restaurierung der Altstadt Havannas eine sehr konstruktive Idee Spenglers gewesen. „Allerdings verwechselt er auf fatale Weise Konservierung mit Entvölkerung. Dort, wo große Wohnhäuser stehen, die vielen Familien ein Dach über dem Kopf bieten, planen er und sein Team leere Räume: Museen anstelle von Wohnungen, Büros für Bürokraten, Zweigstellen für ausländische Firmen, Schauplätze für historische Filme. Die durch Restaurierung wiedergewonnenen Gebäude schließen die Bewohner Havannas aus. Sie sind würdelos, gleichen einem kubanischen Disneyland, Potemkinsche Dörfer.“

Kein Häuserblock ohne Ruinen, kein Straßenzug ohne Schutthaufen. Allein im Zentrum der Hauptstadt verrotten 3500 Häuser. Darin leben etwa 23 000 Familien – in der Mehrzahl ohne fließend Wasser oder funktionstüchtige Sanitäranlagen. Zudem sind Wohnungen augenscheinlich doppelt und dreifach belegt: wabenartig ausgebaut, bizarr mit Sperrholzverschlägen untergliedert, waagerecht halbiert, lotrecht gevierteilt – Dusche in der Küche, Kloschüssel auf dem Korridor, Matratze unter dem Treppenaufgang.

Seit Jahrzehnten sickert in der Regenzeit – durch Dächer, die nie erneuert und selten geflickt wurden – die Nässe in die morschen Balken und bröckelnden Gipsdecken ein. Sie frisst sich durch Verputz und Gemäuer, durch Treppenhäuser und Fahrstuhlschächte. Im Treibhausdampf des Tropensommers züchtet sie immer neue Schichten von Moder, Schimmelpilz und Fäulnis, bis irgendwann, nach dem Gesetz des Zufalls, Gebäude jeder Größe ohne Warnung zusammenkrachen. Anfang 2012 etwa kollabierte das Teatro Campoamor, bekannt aus Florian Borchmeyers Havanna-Film.

Flirt dauert nur zwei Dekaden

Tiefe Löcher klaffen im Stadtbild. Gleichwohl haben erstaunlich viele alte Gebäude dem Angriff der Zeit widerstanden. In der Calle 17 etwa, die Vedado mittig durchschneidet, leuchten allenthalben Architekturphantasien aus üppig wucherndem Grün. Gezeichnet von der Patina der Mangeljahre, gleichen sie alternden Schönheiten, deren Gesichter noch die harmonischen Züge von einst erahnen lassen: Von der „prachtvollen Kulisse jener Paläste, die früher einmal der Stolz einer zu ihrer Zeit äußerst kreativen Klasse gewesen waren“, spricht der kubanische Schriftsteller Leonardo Padura in seinem Roman „Labyrinth der Masken“: „Der Erfolg der steinreichen Männer verlangte nach einer würdigen Fassade, und alle waren fleißig bemüht, ihrem Reichtum eine äußere Form zu verleihen. Sie kauften alle Talente ein, die nötig waren, um ihren Erfolg in Stein, Eisen und Glas zu verewigen, und so entstanden die prunkvollsten Villen der Stadt“.

Zwar dauerte der Flirt Havannas mit dem Art déco – beginnend am Ende der 20er Jahre mit einem veritablen Bauboom auf der Basis US-amerikanischer Investitionen – nur rund zwei Dekaden, aber er prägte durchaus das Antlitz der Neustadt. Dessen wichtigste Hervorbringungen sind das 1929 fertiggestellte Edificio Bacardi (der Rumhersteller prunkte mit mehrfarbigen Kacheln und Ziegeln sowie opulent ausgestattetem Glockenturm), das 14-stöckige López-Serrano-Gebäude – einem der frühen rasacielos (Wolkenkratzer) à la Empire State Building – sowie das Hotel National, dem viele maurische Elemente beigemischt wurden.

Ein letztes Wegzeichen der Moderne bildet das Habana Libre – das 1958 eröffnete Hilton-Hotel, das bald schon den Revolutionären als erste Zentrale diente. Doch dann nahmen Architektur und Urbanismus einen ganz anderen Weg; der „materialisierte Traum unserer Stadtplanung“ (Fidel Castro) sollte eigenständig sein, ein eigenes Zentrum haben und einen Kreis aus Wohnen, Arbeiten und Freizeit bilden. Exemplarisch dafür steht Alamar, östlich der Hafenbucht gelegen: die kubanische Adaption einer großformatigen Plattenbausiedlung, die ab 1971 von frisch formierten Arbeitsbrigaden errichtet wurde.

Diese Ambitionen versiegten freilich schnell, und Attentismus war das Mittel der Wahl. Der heutige Stadtraum erklärt sich auch durch die Abwesenheit von Bauten aus den letzten 50 Jahren: Gleichsam ein Sozialismus ohne Architektur. Und wie der kubanische Tanz mitunter als „vertikaler Ausdruck eines horizontalen Verlangens“ beschrieben wird, so lässt sich das zeitgenössische Havanna als eine Ikonologie kolonialer Erbschaften interpretieren. Im Guten wie im Schlechten.

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