Die Aktion hatte vor fünf Jahren in Prag für großes Aufsehen gesorgt: An vielen Ampeln im Stadtzentrum hielt anstatt der üblichen Strichmännchen plötzlich ein Trinker mit der Flasche am Mund Touristen und Bewohner der tschechischen Hauptstadt vom Überqueren der Straße ab, bei Grün erschien ein Einbeiniger mit Krückstock. Andere Motive zeigten einen Mann mit Hund oder eine Frau mit Kind an der Hand.
Besonderes Gelächter ausgelöst hatte das rote Männchen, das sich während des Wartens auf die freie Straße von seinem Harndrang erleichtert. Viele Prager dürften sich bei diesem Anblick allerdings vor allem an jene Horden von Betrunkenen Bier-Touristen erinnert haben, die jeden Sommer so manche Seitengasse ihrer Stadt in ein übelriechendes Urinal verwandeln.
Genau auf diese und andere Missstände in seinem Heimatland wollte der tschechische Künstler Roman Týc mit seiner spektakulären Aktion hinweisen. Doch die Prager Stadtverwaltung und das von ihr mit der Betreuung der Ampeln beauftragte Privatunternehmen fanden die Kunstperformance alles andere als lustig und zerrten Týc vor Gericht, er wurde 2008 wegen Beschädigung fremden Eigentums verurteilt.
Gefängnisstrafe für Künstler
Den entstandenen Schaden von umgerechnet rund 3.300 Euro hat Týc längst bezahlt, die Begleichung der vom Gericht verfügten Geldstrafe in der Höhe von 60.000 Kronen (etwa 2.400 Euro) verweigerte allerdings. Notfalls gehe er lieber ins Gefängnis, als zu bezahlen, erklärte der Künstler damals im Tschechischen Fernsehen.
Noch in dieser Woche muss der 38-Jährige nun eine einmonatige Haftstrafe antreten - ausgerechnet in der berüchtigten Strafanstalt von Prag-Pankrác, wo die kommunistischen Machthaber einst zahlreiche Regimekritiker gefangen hielten, unter anderem auch Václav Havel.
In einem Interview mit der tschechischen Tageszeitung MF Dnes kritisierte Týc das Urteil scharf. Er fühle sich wie in einem "kafkaesken Absurdistan", die Behörden hätten keine Kosten und Mühen gescheut, die Causa bis zum Ende durchzuziehen. Die Polizei habe einmal mehr gezeigt, dass ihre einzige Existenzgrundlage sei, die Bürger bis aufs Äußerste zu schikanieren.
Zahlreiche Künstler schlossen sich der Kritik am harten Vorgehen der Justiz gegen ihren Kollegen an, Unterstützung bekommt Týc jetzt auch von ungewohnter Seite: Die für städtisches Eigentum und Investitionen zuständige Stadträtin Aleksandra Udženija von der bürgerlich-konservativen ODS äußerte ihre Sympathie für das Projekt und versprach, nach Möglichkeiten zu suchen, die unkonventionellen Ampelmännchen an einigen Kreuzungen offiziell und dauerhaft anzubringen.
Simulierter Atompilz
Roman Týc ist gemeinsam mit der Künstlergruppe "Ztohoven" (zu Deutsch etwa "Raus hier") bereits mehrfach in die Schlagzeilen geraten. Für Aufsehen weit über die Landesgrenzen hinweg hatte die Aktion "Mediale Realität" gesorgt: Im Juni 2007 waren die Künstler in einen Verteiler eines TV-Senderbetreibers eingedrungen und hatten in das live gesendete Wetterfernsehen aus dem böhmischen Riesengebirge einen simulierten Atompilz eingespielt.
Ein Verfahren vor dem Bezirksgericht von Trautenau / Trutnov endete mit Freisprüchen für alle angeklagten Künstler: Ein psychologisches Gutachten hatte ergeben, dass der fiktive Atompilz nicht dazu geeignet war, die Bürger tatsächlich wie von der Anklage behauptet in "Angst und Schrecken" zu versetzen, außerdem konnte das Gericht keinen Geschädigten ausmachen. Ein Urheberechtsverfahren und ein Verfahren vor der Rundfunkbehörde sind bisher noch nicht abgeschlossen.
"Es gibt nichts zu feiern"
Kurz nach dem 20. Jahrestag der Samtenen Revolution am 17. November 2009 veränderte Roman Týc das Denkmal für die Proteste gegen das kommunistische Regime auf der Prager Nationalstraße. Links neben den in Bronze gegossenen Händen, die das Siegeszeichen formen, installierte der Künstler Hände, die den Hitlergruß zeigen. Dies soll daran erinnern, dass im Jahr 1939 nicht wenige Tschechen die einmarschierenden Nationalsozialisten begeistert begrüßt hatten.
Auf der anderen Seite des ursprünglichen Denkmals ergänzte Týc Hände, die dem Betrachter den Mittelfinger entgegenstrecken. Eine Geste, die mehrere tschechische Politiker, darunter der ehemalige Premierminister Mirek Topolánek, im Parlament gezeigt hatten, der Schlagerstar Karel Gott hatte in einer Fernsehreportage seine Kritiker mit dem vulgären Handzeichen bedacht.
Mit seiner Installation "1939-1989-2009 - es gibt nichts zu feiern" habe er gegen die zunehmende Verrohung der politischen Kultur im Land und die Scheinheiligkeit der pompösen Jubiläumsfeiern protestieren wollen, erklärte Roman Týc später.
Die tschechische Anwaltskammer als Eigentümer jenes Hauses, in dessen Durchgang das Denkmal angebracht ist, nahm den Eingriff gelassen und konstatierte, dass kein nennenswerter Schaden entstanden sei. Dennoch bekam der Künstler zu den Weihnachtsfeiertagen Besuch von der Kriminalpolizei, die Ermittlungen verliefen aber schließlich im Sand.
Unsanfte Verhaftung
Als Protest gegen die zunehmende elektronische Speicherung höchstpersönlicher Daten stellte die Gruppe Ztohoven im Jahr 2010 in einer Prager Galerie übergroße Reproduktionen von Personalausweisen aus, bei denen die Fotos digital verändert waren. Nach einer Auseinandersetzung mit der einschreitenden Kriminalpolizei wurde Roman Týc äußerst unsanft festgenommen.
Die anschließenden Gerichts- und Ordnungswidrigkeitsverfahren endeten allerdings mit klaren Freisprüchen. Die Künstler reichten daraufhin Beschwerde gegen die Polizei ein und fordern Ersatz für die beschlagnahmten und dabei teilweise zerstörten Kunstwerke. (dak)
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