Aktuell: Museumsuferfest Frankfurt | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Kultur
Nachrichten, Kritiken, Interviews aus Kultur, Feuilleton, Literatur, Kunst

12. Juni 2014

Kultur Architektur: Orte, die ansprechen

 Von Claus Leggewie
Das grandiose Folkwangmuseum David Chipperfields in Essen. Es wurde nicht als sterile Sehenswürdigkeit oder abweisende Attraktion geplant, vielmehr als Offerte zur öffentlichen Nutzung.  Foto: imago stock&people

Kulturelle Öffentlichkeit und lebendige Demokratie sind hehre Ziele. Doch unwirtliche Museums- und Theaterarchitekturen schließen weite Teile des Publikums aus.

Drucken per Mail

Öffentlich ist, was nicht privat sein soll und nicht geheim bleiben darf. Für demokratische Gesellschaften ist diese allgemein zugängliche Publizität selbstverständlich, aber sie musste vom Publikum erstritten werden und ist weiterhin weltweit umkämpft. Auch kulturelle Institutionen bilden Öffentlichkeit, in Häusern der Kultur – Theatern, Philharmonien, Opernhäusern, Museen, Lichtspielhäusern – kommen Menschen ins Gespräch und reden sich bisweilen die Köpfe heiß.

Glücklich ist das Land, das solche Ressourcen ererbt hat, pflegt und auf den neuesten Stand bringt, das Kultur nicht als Luxus oder Spektakel abtut, sondern als moralische Bildung ernst nimmt, Kinder und Jugendliche sehr früh einbezieht und sich bewusst ist, dass eine Gesellschaft ohne diese sinnstiftende, oft auch verstörende und aufrüttelnde Grundlage arm dran ist.

Was als kulturelle Öffentlichkeit bezeichnet werden darf, ist aber nicht mehr selbstverständlich. Drei Herausforderungen möchte ich nennen: Die Budgets für kulturelle Ausgaben schrumpfen vielerorts und sind als freiwillige Leistungen oft als erste von Kürzung betroffen. Die Schwelle für sozial schwache Schichten und ethnische Minderheiten blieb hoch, und jüngere Alterskohorten zu gewinnen, wird offensichtlich schwieriger. Was tun – mit mageren Etats teure Immobilien für Silver Agers bespielen, von riskanten Vorhaben ablassen und künstlerische Kompromisse eingehen? Private Sponsoren springen ein, aber eben auch wieder ab, und nicht immer ist ihr Einfluss auf Programmgestaltung und Wirkung öffentlicher Kultur nur günstig.

Die folgenden Überlegungen will ich mit alten und modernen Kronzeugen belegen. Der Althistoriker Christian Meier hat immer wieder die ursprünglich politische Aufgabe performativer Künste herausgestrichen. In der griechischen Tragödie wurde keine Tagespolitik gemacht oder abgebildet, aber Fragen, Probleme, Sorgen, Ängste der Bürger Athens im Mythos durchgespielt und für politisches Handeln geordnet, klar gestellt, bewusst gemacht. So förderte das Theater im fünften Jahrhundert v. Chr., wie Meier überzeugend belegt, das „Könnens-Bewusstsein“ der Bürger, das für eine Demokratie die wichtigste Kraftquelle ist.

In dieser Tradition hat Friedrich Schiller „Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet“ und 1784 mit viel Pathos vorgetragen: „Die Schaubühne ist der gemeinschaftliche Kanal, in welchen von dem denkenden, bessern Theile des Volks das Licht der Weisheit herunterströmt und von da aus in milderen Strahlen durch den ganzen Staat sich verbreitet. Richtigere Begriffe, geläuterte Grundsätze, reinere Gefühle fließen von hier durch alle Adern des Volks; der Nebel der Barbarei, des finstern Aberglaubens verschwindet, die Nacht weicht dem siegenden Licht.“

Schillers Beleg für die Leistungskraft des kulturellen Raums war der Fortschritt von Freiheit und Toleranz in der religiösen Sphäre: „Noch ehe uns Nathan der Jude und Saladin der Saracene beschämten und die göttliche Lehre uns predigten, daß Ergebenheit in Gott von unserm Wähnen über Gott so gar nicht abhängig sei – ehe noch Joseph der Zweite die fürchterliche Hyder des frommen Hasses bekämpfte, pflanzte die Schaubühne Menschlichkeit und Sanftmuth in unser Herz, die abscheulichen Gemälde heidnischer Pfaffenwuth lehrten uns Religionshaß vermeiden – in diesem schrecklichen Spiegel wusch das Christenthum seine Flecken ab.“

Ein spätes, (selbst)ironisches Echo solcher Ansprüche an die performativen Künste findet man drittens bei Heiner Goebbels, wenn er die „Einflussangst“ der Komponisten karikiert: “... das Genie mit Eingebung, das sich ganz vertieft – wie weiland Gustav Mahler in sein(em) Komponierhäuschen am Attersee, um in Ruhe an seiner dritten Symphonie zu arbeiten, oder auch die Komponisten – in diesem, auch meinem Metier hält sich der Aberglaube besonders hartnäckig –, die immer noch glauben, alle Klänge selbst und alleine erfinden zu können.“

Zur Person

Claus Leggewie, Jahrgang 1950, ist Professor für Politikwissenschaften und Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen. Der hier abgedruckte Beitrag geht zurück auf einen Festvortrag, den Leggewie am 4. Juni zum 10jährigen Geburtstag der Philharmonie in Essen hielt.

Dagegen setzt Goebbels “...die Werke, die in direkter Reibung entstehen; die sich begreifen lassen als Verarbeitung der Realität, als kulturelles Gedächtnis auch, als Verdichtung gesellschaftlicher Erfahrung oder, wie Alexander Kluge einen seiner Filme nennt: „als Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit“. Den unternimmt viertens die Bühnenbildnerin Anna Viebrock im Inneren des Theaters. „Sie schafft Orte,“ resümierte ein Laudator, „die anders sind als die übrigen und üblichen, gleichsam Gegenräume. Heterotopien, reale Gegenräume, existieren in jeder Gesellschaft, können sich aber wandeln. Sie unterliegen oft einer anderen Zeitlichkeit, und sie sind über ein spezielles System von Öffnung und Abschließung zugänglich.“ Michel Foucault zählte zu solchen „Anderorten“ auch Spiegel, Wartesäle, Gefängnisse und Schiffe.

Ort der Demokratie und moralische Anstalt

Das Theater als Ort der Demokratie und moralische Anstalt, Autoren und Komponisten als wache Zeitgenossen, der Bühnenraum als Verfremdung der jeweiligen Gesellschaftswelt: Dazu braucht es nun fünftens passende Orte, womit ich schließlich an David Chipperfields Antwort auf die Frage erinnern möchte, worauf Architektur antwortet. „Ich will als Architekt nicht vorrangig ein Monument erschaffen. Sondern einen Platz, der einen sofort anspricht, an dem man gerne verweilt und sich wohlfühlt. Der einem das Gefühl gibt: Hier und nirgendwo anders möchte ich in diesem Moment sein. (,,,) Architektur sollte affirmativ sein und die Dinge bestätigen, die wir schätzen. Als Architekt glaubt man daran, dass man mit seinen Bauwerken auch ein klein wenig die Welt verbessert.“

Chipperfield will sagen: Architektur ist gut, wenn man sie ignorieren kann – aber häufig folgt dann doch die Funktion der Form. Viele Kulturstätten setzen Maßstäbe eher im Sinne des von manchen Stadtoberen erwünschten Bilbao-Effekts, der mit extravaganter Architektur im Standortwettbewerb um zahlungskräftige Reisende und gut bezahlte Arbeitskräfte buhlt. Öffentlichkeit, wie wir sie kannten, entsteht hier kaum, eher eine hektische Kultur des Spektakels, die eben nicht zum Verweilen, Diskutieren und Streiten verleitet, sondern zum raschen Konsum, oft von Standardware der System-Gastronomie.

Autor Claus Leggewie.

Es müsste doch auffallen, dass die meisten Theater-Restaurants, aber auch eine unwirtliche Kultur-Architektur im allgemeinen das generelle Stadtpublikum offenbar nicht einladen, dass sie sich nicht gut in Nachbarschaft und Quartier einpassen, dass sie selten jemanden anziehen, der sich einfach nur verabreden oder an einem angenehmen Ort verweilen möchte, den Chipperfield oder ein Alvar Aalto im Auge hatten. Dass auch hier Anwesende überwiegend auf Smartphones starren, Knöpfe im Ohr haben und Telefonate mit Abwesenden führen? Außer unmittelbar vor und nach den Vorstellungen herrscht oft gähnende Leere, alle strömen sofort in die Tiefgaragen und vor die Bildschirme daheim. Da ist nichts, sagte mir ein junger Mann neulich zu einem Museum, in das er freilich nie geht.

Sicher: „Theater (oder Oper oder Museen) für alle“ ist ein frommer Wunsch. Keine kulturelle Veranstaltung kann wirklich für alle sein, aber die Veranstalter und ihre Baumeister mögen sich über Exklusionen im Klaren sein, die sie durch die Auswahl und Art der Aufführungen, durch das Ambiente und durch beides zusammen verursachen. Keine kann den repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung erreichen – das tut zum Glück auch nicht „Germany’s Next Top Model“ und nicht mal der „Tatort“. Jede künstlerische Produktion hat ihre speziellen Zielgruppen nach Alter und Generation, nach Schicht und Weltanschauung, nach Herkunft und Wohnort.

Nicht mehr Paläste einer elitären Kultur

Aber bestimmte Postleitzahlbezirke sind eben strukturell weniger bedacht als andere, bestimmte ethnische oder religiöse Minderheiten, wiewohl im Stadtbild kaum zu übersehen, kommen so gut wie nie, bestimmte andere geben den Ton an und reklamieren ihre Vorlieben, möglichst hoch subventioniert, als allgemein verbindlichen Publikumsgeschmack. Kultur ist nicht per se für alle, aber viele haben kulturelle Bedürfnisse und manche kommen damit im deutschen Kulturleben notorisch zu kurz. Kulturpolitik kann und soll nicht Sozialpolitik ersetzen, auch darf es keine politische Quote für schwache Kunst geben. Aber Kultur darf auch nicht die sozialen Klüfte verstärken, die in den letzten Jahrzehnten dramatisch gewachsen sind. Sie muss inklusiver werden und kann dazu die raffinierteren Mittel anwenden, die der Kunst bekanntlich zu Gebote stehen.

Neue Theater und Museen kommen in der Regel nicht mehr als Paläste einer elitären Kultur daher: festungsartig, pompös, abweisend, intransparent, sie treten so niederschwellig, offen und einladend wie möglich auf. Aber die Theater- und Museumsarchitektur müsste sich ihrer Funktion als Forum kultureller Öffentlichkeit wieder stärker bewusst werden. Vorrangig behandelt wird, erst einmal zu Recht, wie sie ästhetische und akustische Qualität schafft, wobei sie genau diese durch ihre skulpturale Wucht oft wieder in den Schatten stellt – und den Weihetempel mit quasireligiöser Ausstrahlung wiederauferstehen lässt. Die Bauten von Aalto und Chipperfield und natürlich der renovierte Saalbau in Essen sind Gegenbeispiele für die dienende Funktion kultureller Inszenierung, auch um die dank IBA und Ruhrtriennale ermöglichte Konversion alter Industriekomplexe wird die Metropole Ruhr zu recht beneidet.

Doch das von mir angedeutete Exklusionsproblem ist nicht gelöst, auch diese Baulichkeiten üben nicht mehr die Attraktion aus, die sie im Kulturhauptstadtjahr hatten. Es fehlte an Nachhaltigkeit. Es gibt zu wenige Beispiele, wie Theater- und Museumsbauten auch einmal zur Revitalisierung heruntergekommener Stadtlandschaften beigetragen haben. Und was ich andeute, betrifft nicht nur Neu-, sondern auch Umbauten und Dezentralisierungen.

Wenn Disparitäten auf dem Wohnungsmarkt prosperierender Städte oft auch den Standort eines Theaters zum Ausschlusskriterium machen, müssten nicht immer die Leute ins Theater und Museum kommen sollen, sondern beide auch zu ihnen.

Für all das benötigt man eine solide Finanzierung. Dass Kulturpolitik von der Hand in den Mund lebt, liegt wesentlich an der klammen Finanzlage der meisten Kommunen – und an der Abhängigkeit von Sponsoren, die in wirtschaftlichen Turbulenzen geneigt sind, das Tafelsilber zu verscherbeln. Die unschätzbaren Exponate des Detroit Institute of Fine Arts sollten verhökert werden, als die Autometropole am Ende war, aber die Bürger stimmten einer Steuererhöhung zu, um sie zu retten.

This is not Detroit ist der Titel eines gerade laufenden Theaterprojekts in Bochum, will sagen: Wir sind hier nicht in Amiland. Aber in bestimmter Hinsicht möchte man Bochum, da der Abgang von Opel schon beschlossen ist, wünschen, ein wenig Detroit zu sein, in dessen Ruinen gerade eine kleine künstlerische Explosion stattfindet. Ob und wie sich ein Strukturwandel vollzieht, entscheidet am Ende die Lebendigkeit kultureller Öffentlichkeit.

Wie war das noch mit der Polis? Die Fragen, Probleme, Sorgen, Ängste der Bürger werden im Mythos durchgespielt und für politisches Handeln mobilisiert. So – in kultureller Öffentlichkeit – wuchs das Könnens-Bewusstsein der Bürger, ohne das sich eine Demokratie auch heute als Lebens- und Herrschaftsform nicht weiterentwickeln kann.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus
Anzeige

Anzeige

Ressort

Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen.

Sommerferien

Bücher, Musik, Filme für die Sommerferien

Und wenn ungeheuer oben eine sehr weiße Wolke ist, dann zeigt das auch nur wieder, dass Lesen in jeder Situation den Horizont erweitert.

Das FR-Feuilleton empfiehlt Bücher, transportable Musik und auch einige Filme auf DVD für den Sommer. Mehr...

Serie
Polizeiabsperrung, kaum eine Kriminalgeschichte kommt ohne sie aus.

In der Sommerpause von „Tatort“ und „Polizeiruf“ schreibt die FR-Redaktion ihre Krimis wieder selbst. Ähnlichkeiten mit Fernsehermittlern sind aber rein zufällig.

Times mager

Chaos

Wer hier weiß, wo er welches Buch abgelegt hat, darf zurecht stolz auf sich sein.

Die Vorstellung, sich im eigenen Chaos glänzend zurechtzufinden, gehört zu den großen Menschheitsträumen jenseits von Weltfrieden und ewigem Leben.  Mehr...

Buchmesse 2018
Volkstänzerin bei einem Festival in Georgien.

Georgien ist Gast der Frankfurter Buchmesse 2018. Vorabbesuch in einem wenig bekannten Bücherland.

Kalenderblatt 2016: 28. August

Tag für Tag finden Sie an dieser Stelle einen Rückblick auf Ereignisse, Anekdoten, Geburts- oder Sterbetage, die mit diesem Datum verbunden sind. Foto: dpa

Das aktuelle Kalenderblatt für den 28. August 2016: Mehr...

Literatur

Aktuelle Rezensionen zu Literatur, Sach- und Kinderbüchern: die Literatur-Rundschau aus dem FR-Feuilleton.

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Videonachrichten Kultur
Kolumne

Briefe des Philosophen Markus Tiedemann richten sich an Menschen extremer Glaubensüberzeugungen. Tiedemann ist Professor am Institut für vergleichende Ethik an der FU Berlin sowie Vorsitzender des Forums Fachdidaktik in der Deutschen Gesellschaft für Philosophie.

Talkshow-Kritiken auf einen Blick

Anzeige

Kulturgeschichte
Karl, der Große

Karl der Große, geboren 748, beherrschte ein Reich, das vom Atlantik bis zur Elbe reichte, von der Nordsee bis Rom. FR-Feuilleton-Chef Christian Thomas beschreibt seine Herrschaft, die Reformen, seine Rolle als Gotteskrieger, die Bedeutung für Frankfurt - und nicht zuletzt derjenigen für Europa.

Teil 1: Bedeutender Mann im Gegenlicht
Teil 2: Sagenhafte Anfänge
Teil 3: Gewalt als Gottesdienst
Teil 4: Die Geschichte mit Karl

Oper
Ganz so schick wie bei den prominenten Vertretern unserer Spezies muss es dann doch nicht immer sein.

Hustenanfälle, Papierknistern, Opernglas ja oder nein - ein kleiner Ratgeber für den gelungenen Opernbesuch.

FR-App und E-Paper

Bei uns bekommen Sie das neue iPad Air von Apple im Paket mit der preisgekrönten FR-App - einschließlich aller FR-Ausgaben im Layout der Zeitung als E-Paper.

Buchtipps