Der Kulturaustausch mit China ist in diesem Jahr unter dem Niveau des Staatsaktes kaum zu haben. Im Frühsommer schickten die großen Museen Berlins, Dresdens und Münchens gemeinsam deutsche Landschaftsmalerei seit Caspar David Friedrich ins National Art Museum of China in Peking, dazu eine Auswahl des international begehrten Malerstars Gerhard Richter - ein echter Blockbuster. Das Gegengeschenk der Chinesen ist zur Zeit im Dresdner Lipsiusbau sowie dem Museum für asiatische Kunst in Berlin Dahlem zu sehen: neue chinesische Tuschemalerei, zusammengestellt unter dem klingenden Titel "Zeichen im Wandel der Zeit."
Eine schöne Idee: Einmal zu überprüfen, wie in der traditionsreichsten der chinesischen Kunstgattungen die Moderne, die die zeitgenössische Kunst in den letzten Jahren ja in bislang unbekannte Sphären katapultiert hat, die Ausdrucksformen verändert.
Allerdings: Man würde sich gern ein bisschen informieren über das, was man da zu sehen bekommt. Leider aber wirkt die Doppel-Schau, kuratiert vom Pekinger Museumsdirektor Fan Di'an und von den hiesigen Museumsdirektoren in höchsten Tönen als Beispiel interkultureller Zusammenarbeit gepriesen, recht hermetisch.
Ein philosophisches System drücke sich in der Tuschemalerei aus, schreibt Fan Di'an in seinem Grußwort - welches genau, behält er für sich, genauso wie jede Information zu den ausgestellten Werken, die über den Künstlernamen und den Titel des Werkes hinausgehen. Im Katalog scheinen noch einige erklärende Worte zu stehen - aber der liegt leider ausschließlich auf Chinesisch vor. So bleibt der durchschnittlichen Langnase nur die reine Anschauung und der Abgleich mit den vorhandenen vagen Vorstellungen von Tuschemalerei.
Landschaftsdarstellungen sind deren angestammtes Sujet, eher im ideellen Sinne gemeint denn als Naturnachahmung. Vielleicht deshalb zieht einen der Dresdener Teil der Ausstellung, der sich mit Landschaftsmalerei beschäftigt, mehr hinein.
Klassische Sujets und expressionistische Motive
Sie sind eindrucksvoll, die meterhohen Papierbahnen mit den extremen Hochformaten, die einen im Dresdner Lipsiusbau begrüßen. Und gleich kann man eine rasante Entwicklung verfolgen: Fan Yang präsentiert in Werken von 2006 denkbar klassische Sujets wie den "Mönch im Schatten einer Kiefer", mit eindrucksvoll dräuenden Gebirgen, tiefen Schluchten und ornamental verschlungenen Bäumen. Bei Zhang Lichen dagegen werden Motive wie der "Rauhreif am Jadeteich" expressionistisch verwischt, getupft, transparent gemacht. Und Xu Langsen isoliert schließlich eine Baumform wie aus einem Pinselstrich und scheint so gleichzeitig zu einer Essenz der Zeder wie zu einer Essenz des Malaktes selbst vorzudringen.
Generell erscheinen dem westlichen Blick die chinesischen Arbeiten immer dann am interessantesten, wenn sie erkennbar den Crossover zur europäischen Moderne betreiben: Noch häufiger wird man an den Expressionismus denken, nimmt digitale Fotografie und Video-Experimente zur Kenntnis, erkennt in Cui Zehnhuans zentrumslosen Blätterstrukturen ein Echo des All-Over, oder in Wie Ligangs vertikal zart verschwimmenden Linien über vier lange Papierbahnen schließlich die reine Abstraktion - nur dass hier nach dem Willen des Malers der "Aufstieg des kaiserlichen Drachen und Phönix" gemeint ist.
Hervorragende Maltechnik
Kaiserliche Drachen, so etwas durfte sicherlich nicht dargestellt werden, während in China der Sozialistische Realismus regierte - gerne hätte man auch darüber ein paar Worte erfahren. Stattdessen sieht man im Berliner Teil der Ausstellung dann das Thema Menschendarstellung entfaltet. Hier macht sich allerdings häufig die Karikatur breit, man denkt an George Grosz, und: Da muss es doch Originelleres geben. Vor allem, weil man noch bei dem durchschnittlichsten weiblichen Akt im Bikini hier sieht, dass die Technik dieser Maler hervorragend ist.
Das Asiatische Museum in Dahlem jedenfalls, das die Tusche-Ausstellung in seinen Räumen beherbergen musste, ohne weiter Einfluss nehmen zu dürfen, hat mit Hilfe der Sammlung Sigg und der Galerie Alexander Ochs eine eigene Ergänzungsschau organisiert:
Malerei von Chen Guangwu und Liu Wentao, die den Weg vom Ornament in die Abstraktion mit einiger Radikalität gehen, dazu die eindrucksvolle Installation "Fifteen Thousand People", ein Meer aus kleinen, vergoldeten Köpfen von Fan Lijun. Ohne große Worte zur Völkerverbindung, dafür mit ein paar informativen Sätzen zu Kunst und Künstlern auf dem dazugehörigen Flyer.
Zeichen im Wandel der Zeit. Chinesische Tuschemalerei der Gegenwart. Kunsthalle im Lipsiusbau Dresden, Museen Berlin Dahlem, bis 14. September 2008.
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