Kultur
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20. März 2012

Kulturförderung: Mit Demokratie hat Kunst nichts am Hut

 Von Christoph Hochhäusler
Was sieht er in Hochhäuslers Episode zum Filmprojekt „Dreileben“?  Foto: WDR

Zum Streit um die Subventionen in der Kultur: Warum die Filmförderung gebraucht wird.

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Kulturförderung unter Beschuss

Die Hälfte der subventionierten Kultureinrichtungen in Deutschland kann weg. Diese These stellen vier Autoren im Buch „Der Kulturinfarkt“ auf. Die Aufregung in Kultur und Medien ist deswegen groß (Berliner Zeitung vom 17. März).
Auch über die deutsche Filmförderung wird gestritten: Es kämen zu viele mittelmäßige Filme dadurch ins Kino, heißt es etwa. Unser Autor
Christoph Hochhäusler ist Filmregisseur. Zuletzt lief sein Film „Unter dir die Stadt“ in den Lichtspielhäusern.

Zunächst, als Skizze, der Status quo: Wir haben in Deutschland eine gebührenfinanzierte und milliardenschwere Fernsehbürokratie, die im Zusammenspiel mit hoffnungslos abhängigen Kleinunternehmern Kinofilme produziert. Dazu haben wir eine Filmförderung, die von eben jener Fernsehbürokratie kontrolliert wird, so dass Filme, die man einmal senden möchte, zweimal öffentliches Geld bekommen, aber deshalb noch lange keinen guten TV-Sendeplatz – und ins Kino geht ihretwegen auch niemand. Mit am Tisch sitzt das Privatfernsehen, es stinkt so billig und gibt doch den Ton an, weil „das wollen die Leute sehen“. In der Folge kommt es zu grotesken Verrenkungen der öffentlichen Anstalten.

Die kulturelle „Grundversorgung“ wird von den Legitimationsstrategen interpretiert als ein „von allem etwas“, während die Förderer von Landes Gnaden immer zugleich von Kultur und Arbeitsplätzen sprechen. Eine „Zukunftsindustrie“ wolle man in Bezug auf den Film aufbauen, heißt es oft, aber schon weil die EU darauf pocht, findet das „Künstlerische“ in den Formulierungen auch noch Platz. Dieses System verliebt sich, was Wunder, in das Mögliche: in die wenigen beweglichen Teile.

Unser System

In dieser Gemengelage aus Interessen und Traditionen arbeiten wir, die Filmemacher, meistens in Eigeninitiative. Das heißt, wir erfinden Geschichten und Projekte und versuchen sie mit Hilfe von gleichgesinnten Produzenten, Redakteuren und Förderanstalten und so weiter großzuziehen. Was erstaunlicherweise immer wieder gelingt! Misst man unser System am Output, will man es sofort verteidigen. Was verloren geht im Gestrüpp, ist indes der Blick auf das Wesentliche. Warum also Filmförderung?

Das ist eine heikle Frage. Ich versuche eine Antwort: Förderung, weil sich der Film, den wir brauchen, am Markt nicht rechnet und weil er deswegen womöglich gar nicht erst entstehen würde. Der Boden der Filmförderung ist spekulative Kapitalismus-Kritik, ja. Denn auch wenn manchmal so getan wird: Niemand glaubt, dass die öffentliche Hand eine Filmindustrie hervorbringen wird, die eines Tages selbst laufen lernt und Hollywood Paroli bietet.

Aber welchen Film brauchen wir denn? Und weiß der „Konsument“ nicht am besten, was er braucht? Die Antwort ist ein klares Jein. Die Kunst ist ein missionarisches Unternehmen. Sie will zur Aufmerksamkeit verführen, zum Glück zwingen, die Augen öffnen. Mit Demokratie hat sie nichts am Hut. Keine Abstimmung über Alexander Kluge bitte! Aber natürlich ist es doch das Publikum, sind es die Liebhaber und sogenannten einfachen Menschen, die einer Idee zur Wirkung verhelfen am Ende des Tages. Es geht hier nicht um elitäre Kunst, sondern um das Unbezahlbare, den irrationalen Rest, der haften bleibt in den Gedanken und unsere Sicherheit gefährdet. Ich glaube, Film kann ein Werkzeug sein, um unsere Sinne und Begriffe zu schärfen. Immer geht es um die Frage: „Was ist wirklich?“ Der Film, den ich meine, bewegt sich an der Grenze, attackiert das Namenlose, ist Poesie.

Je mehr ich weiß über unser System, desto schwerer fällt es mir, Empfehlungen abzugeben. Nein, das Modell der deutschen Filmförderung ist nicht gerecht. Es profitiert, wer a) kommerziell erfolgreich ist oder b) Filme macht, die so aussehen, als seien sie kommerziell erfolgreich. Besonders gern gesehen ist jene Mittelware, die c) zugleich kommerziell und kulturell aussieht, aber weder das eine noch das andere ist. Das sind die meisten Filme. Platz finden kann man schließlich auch, wenn man d) künstlerisch erfolgreich ist, im Sinne einer gewissen Resonanz bei Kritik, Festivals, Preisen. Letzteres ist mein „Ticket“, zur Zeit. Ich habe Freunde, die nicht so gut wie ich in die Kategorie passen. Obwohl: Freunde? Wie lange noch werden sie mein schlechtes Gewissen ertragen und ich ihre Bitterkeit?

Was ich vermisse, ist Streit über die Grundlagen unserer Kunst. Alle richten sich in ihrer Nische ein, scheint mir. Wer alimentiert wird, entwickelt eine starke Beißhemmung gegen jene, die auch alimentiert werden. Die Heuchler und die Blinden überleben. Es gibt Ausnahmen. Man sieht sich selbst als Ausnahme. Ich habe vier lange Spielfilme gemacht, drei davon „im System“. Viele sagen, der Film „ohne“ sei mein bester. Es könnte Zufall sein.

Unsere Identität

Ich finde es wichtig, den Film zu fördern. Und das Theater. Die Museen. Gute Kunst gibt Auskunft über unsere Identität, hält uns den Spiegel vor, geht ein in unser kollektives Bewusstsein. Der große Spaltpilz ist die Frage, was gute Kunst ist. Oder ein guter Film. Darüber werden wir uns nicht einig werden, aber vielleicht können wir uns auf diesen Nenner verständigen: persönliche Perspektive, formale Herausforderung, thematische Relevanz. Mindestens einer dieser Punkte muss erfüllt sein, um öffentliche Förderung zu rechtfertigen. Oder?

Schön wäre es, wenn sich das so von Subventionen befreite Kommerz- und Formelkino radikalisiert, den „kulturellen Ballast“ abwirft, die Bestseller-Ehrwürdigkeit, und schamlos und vulgär wird, um der Kunst auf der anderen Seite wieder zu begegnen. Ich spekuliere auf ein Kraftfeld zwischen den Polen. Und die (Film-) Kunst könnte umgekehrt die Anbiederung sein lassen, schneidend sein, Forschung betreiben, das Staunen teilen. Teuer war Kunst immer und abhängig auch. Ob man nun dem Papst schön tut oder einem Gremium ist weniger entscheidend als das Ergebnis. „Michelangelo würde heute Filme machen“, las ich. „Aber nicht in Deutschland“, könnte man hinzufügen. Das müssen wir ändern.

Mein neues Projekt heißt „David“. Es geht um einen Bildhauer. Eine moderne König-Midas-Geschichte: Alles verwandelt sich in Kunst. Alle Requisiten werden aus weißem Mamor sein. Am Ende hat der Held Steine im Bauch und stirbt. Das ist natürlich alles Quark, aber mit etwas Honig. Wer soll beurteilen, was gute Kunst ist? Vor allem nicht immer dieselben. Kluge Leute in Rotation. Und nicht zu viele. Ich bin gespannt.

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