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27. Februar 2016

Kulturgüter in Syrien: Die syrischen Trümmer

 Von Martina Doering
Das Welterbe von Palmyra, auf diesem Foto festgehalten im August 2010. Im vergangenen Jahr begann der IS mit Zerstörungen der antiken Stätte.  Foto: rtr

Der Krieg in Syrien fordert nicht nur Menschenleben. Der IS zerstört auch viele antike Kulturgüter. Markus Hilgert, Chef des Vorderasiatischen Museums in Berlin, spricht im FR-Interview über Schutzmaßnahmen und die Folgen der Zerstörung.

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Herr Hilgert, über den Krieg in Syrien sowie das Treiben der radikalen Bewegung Islamischer Staat (IS) wird fast täglich berichtet. Auch die Zerstörung antiker Kunstschätze ist oft ein Thema. Ist den Deutschen wirklich bewusst, welche Bedeutung die Kulturerbe-Vernichtung hat?
Als der IS im Juni 2014 die irakische Stadt Mossul einnahm und begann, antike Stätten und islamische Heiligtümer zu zerstören, war die Überraschung groß. Inzwischen versteht man hier schon viel besser, was da in Syrien passiert, und dass es uns nicht einerlei sein kann, wenn archäologische Kulturgüter zerstört werden. Wir ahnen, so glaube ich, dass so etwas auch bei uns passieren könnte – dass sich Konflikte so zuspitzen können, dass radikale Gruppen das Brandenburger Tor angreifen oder den Kölner Dom. Wir sehen, dass wir in einer global extrem instabilen politischen Situation leben, und erkennen, dass es keine absolute Sicherheit und keinen ewigen Frieden gibt. Wir wären, auch angesichts der großen Integrationsaufgabe bei den Geflüchteten, gut beraten, wenn wir intensiver über den Wert von Kultur nachdenken würden.

Was meinen Sie damit?
Kultur bindet Menschen an ihre Heimat und bietet ihnen die Möglichkeit, zivilgesellschaftliche Strukturen aufzubauen. In dem Moment, in dem lokale Gemeinschaften sich zum Beispiel um archäologisches Kulturgut bemühen, schaffen sie Foren, in denen Interessen artikuliert und Kompromisse gefunden werden. Das hat viel mit Pluralismus und Demokratie zu tun.

Werden solche lokalen Gruppen das auch auf nationaler Ebene tun, trotz der tiefen Gräben zwischen den diversen Ethnien und Konfessionen nach sechs Jahren Bürgerkrieg?
Gerade das vor-islamische Kulturgut ist doch in Ländern wie Irak und Syrien perfekt dafür geeignet, jenseits dieser Konflikte einen Nenner zu finden, auf den man sich einigen kann. Eben das kann man später in den Schulbüchern als gemeinsame Vergangenheit darstellen, um eine nationale Identität zu stiften, ohne dass sich eine Gemeinschaft ausgegrenzt fühlt. Die kulturelle Diversität, die sich ja auch im Kulturgut manifestiert, ist genau die richtige Antwort auf den gewalttätigen Extremismus, der versucht, diese Diversität zu leugnen.

Das ist für die Zukunft. Aktuell geht die Kulturgutzerstörung unvermindert weiter. Die Unesco hat eine Kulturgutschutz-Truppe gegründet. Es gibt Vorschläge, Objekte aus Syrien in Europa in Sicherheit zu bringen.
Das sind Relikte eines missverstandenen Verhältnisses zwischen Staaten. Kulturgutschutz ist die hoheitliche Aufgabe souveräner Staaten. Kein Land der Erde kann dem Irak oder Syrien vorschreiben, wie es seine Kulturgüter schützt, oder einfach Kulturgüter ausfliegen. Abgesehen davon, dass Letzteres wegen der Kriegswirren praktisch undurchführbar ist und durch kein völkerrechtliches Abkommen gedeckt wäre. Die betroffenen Länder haben zudem noch nie darum gebeten – das käme einer Kapitulation gleich und wäre das Eingeständnis, dass man am Ende ist.

Aber diese Initiativen sind doch gut gemeint.
All diesen aktuellen Diskursen nach dem Motto: „So, da gehen wir jetzt mal hin und räumen auf oder retten irgendetwas“, liegt neokoloniales Denken zugrunde. Als man im 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts Hunderttausende Objekte nach Europa holte und damit Museen füllte, lautete die Begründung doch vielfach auch, dass man sie hier viel besser zeigen, bewahren und restaurieren könne. Heute, im 21. Jahrhundert, müssen wir tunlichst vermeiden, den Eindruck zu erwecken, dass wir anderen Staaten ihre Kulturgüter abnehmen wollen unter dem Vorwand, sie in Sicherheit zu bringen. Wir müssen vielmehr dafür sorgen, dass es den Konfliktstaaten, ihren Behörden, Wissenschaftlern und Bürgern ermöglicht wird, sich nach dem Ende der Kämpfe wieder selbst und mit den entsprechenden Kompetenzen um ihre Kulturgüter zu kümmern.

Kann das neue Kulturgüterschutzgesetz dazu beitragen, den illegalen Handel mit den Kunstschätzen einzudämmen? Dieser Handel trägt ja erheblich zur Plünderung und Zerstörung in Syrien und im Irak bei.
Das Gesetz war 2007 verabschiedet worden, um die Unesco-Konvention von 1970 umzusetzen. Es schadete dem Ansehen Deutschlands sehr, dass es erst so spät kam und dann viele Schlupflöcher ließ. Das neue Gesetz wird auf jeden Fall dazu beitragen, dass der illegale Handel mit unzureichend zertifizierten Objekten gestoppt wird.

Das Gesetz wird vielleicht den illegalen Handel behindern. Sondereingreiftruppen sind völkerrechtlich und praktisch unmöglich. Die Zerstörung aber geht weiter. Was kann man tun?
Die Kunstschätze der Provinzmuseen in Syrien zum Beispiel sind gleich nach Beginn des Bürgerkriegs an sichere Orte gebracht worden. So sind auch viele Keilschrifttafeln nach Damaskus gekommen, wo sie aber nicht klimatisch angemessen gelagert werden können. Auf dieses Problem hatten uns ein syrischer Archäologe und eine Restauratorin hingewiesen, die im November hier waren, um neueste Methoden zur Keilschrifttafel-Konservierung kennenzulernen. Mit Mitteln des Auswärtigen Amtes werden wir nun Spezialkartons zur Aufbewahrung von Tontafeln kaufen und nach Damaskus liefern können. Das ist konkreter Kulturgutschutz, der nur dann nachhaltig ist, wenn man die Empfänger fragt, was sie brauchen. Mit dem irakischen Unesco-Botschafter habe ich außerdem ein deutsch-irakisches Expertengespräch initiiert, bei dem es auch um die Frage geht, wie im Irak an den Universitäten wieder vermehrt Studiengänge für Archäologen und Restauratoren angeboten werden können. Wir müssen vor allem die Experten, Bürger, die Freiwilligen in Syrien und im Irak befähigen, sich nach dem Krieg sofort fachgerecht und nach neuesten Standards um ihr Kulturerbe zu kümmern.

Zur Person

Markus Hilgert, 47, ist seit 2014 Direktor des Vorderasiatischen Museums Berlin. Er studierte Alt-orientalistik und vorderasiatische Archäologie, ist Keilschriftexperte und hatte in Heidelberg den Lehrstuhl für Assyrologie inne.

Gibt es denn in Syrien noch jemanden, mit dem man reden kann?
Die Antikenverwaltung in Damaskus arbeitet immer noch sehr effektiv, deren Mitarbeiter haben einen relativ guten Überblick über die Zerstörungen, und mit dem Chef der Verwaltung, Maamoun Abdulkarim, stehe ich in ständigem Kontakt. Der Antikendienst verfügt über ein extrem gutes und extrem effizientes Netzwerk in den Gebieten, die unter Regierungskontrolle stehen, die nicht direkt Kriegsgebiete sind. Aber auch dort sind unsere syrischen Kollegen noch sehr engagiert, sie sprechen zum Beispiel mit Anführern sunnitischer Milizen, die Lehrer, Rechtsanwälte oder Ingenieure waren, bevor sie in den Kampf zogen. Manche von ihnen haben durchaus ein Gefühl für die Bedeutung des Kulturguts in Syrien. Die Lage ist nicht in allen Teilen des Landes so komplett chaotisch wie es hier manchmal den Anschein hat.

Was halten Sie von den Schutz-Initiativen, die von syrischen Archäologen im Exil gegründet wurden?
Sie sind extrem wichtig, weil sie eben wissen, was gebraucht wird, weil sie gute Kontakte in Syrien haben, weil sie mit dem Herzen dabei sind. NGOs wie Heritage for Peace haben den Feldzugang, sie kennen die Gegend, sprechen die Sprache und werden die Hauptarbeit leisten müssen, wenn der Krieg einmal beendet sein wird.

Niemand weiß, wer in Syrien und einigen Gebieten des Iraks dereinst das Sagen haben wird. Wenn es der Islamische Staat sein wird, sieht die Zukunft düster aus.
Ja, wir wissen nicht, was politisch in Syrien passieren wird, oder wann der Bürgerkrieg endet. Die antiken vor-islamischen Stätten werden also gefährdet sein und bleiben – genauso wie die Zeugnisse der islamischen Zeit, die vom IS ebenfalls zerstört werden und über die hier kaum geredet wird. Allerdings wird auch ein Islamischer Staat irgendwann nicht mehr nur von Beuteökonomie leben können. Es gibt in der Region zwar Gas und Öl, aber das sind endliche Ressourcen. Andere bedeutende Ressourcen sind nur die Kultur und der damit verbundene Tourismus.

Sie und Ihre Mitarbeiter im Vorderasiatischen Museum haben sicher eine besondere Beziehung zu Syrien und Irak.
Was aktuell in Syrien und im Nordirak passiert, beschäftigt uns buchstäblich Tag und Nacht, denn es betrifft uns in zweifacher Weise: zum einen kennen wir viele Kollegen und Kolleginnen in Syrien, und wissen, wie sie leiden, unter welch schwierigen Bedingungen sie arbeiten und leben. Zum anderen ist da aber auch die wissenschaftliche und persönliche Beziehung, die wir zu diesem Gebiet haben. Viele von uns beschäftigen sich schon seit der Schulzeit, also fast unser gesamtes Leben lang mit dem archäologischen Kulturgut und der Geschichte des Alten Orients – und müssen mehr oder minder hilflos zusehen, wie das Kulturgut dieses Raumes systematisch und brutal zerstört und geplündert wird.

Wie reagieren Sie darauf?
Zuerst habe ich getrauert, dann bin ich wütend geworden und dachte: Das darf doch nicht wahr sein, wir haben eine Weltgemeinschaft, wir haben die Konventionen der Unesco – und niemand kann verhindern, was da geschieht? Heute schaue ich nach vorn, denn wir haben eine Aufgabe, und zwar, all unser Wissen und unsere Kapazitäten für den Schutz der Kulturgüter in Syrien und im Irak einzusetzen. Wir müssen tun, was Aufgabe dieses Museums ist: über das archäologische Erbe dieser Region in unserem Haus erzählen, und dabei seine kulturstiftende Funktion betonen, es weiter erforschen, und dieses Wissen später den Herkunftsländern zur Verfügung stellen. Das ist direkt relevant für den Kulturgutschutz, und es ist auch für mich persönlich die beste Art und Weise, mit der Situation umzugehen. Indem ich dies tue, weiß ich: Ich habe ein kleines Stückchen dazu beigetragen, dass das Kulturgut in Syrien und im Irak besser geschützt wird – trotz dieser katastrophalen politischen Entwicklung.

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