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01. Januar 2016

Kulturhauptstadt 2016: San Sebastián: Vergangenheit überwinden

 Von 
San Sebastian kann mit drei Stränden aufwarten. Die berühmteste Bucht heißt nach ihrer Muschelform „Concha“.  Foto: Getty

San Sebastián ist Essen, Surfen, Sommerfrische. Alles gut, wenn da nicht bis vor kurzem noch der ETA-Terror gewesen wäre. Als europäische Kulturhauptstadt 2016 will San Sebastián zeigen, dass Kultur ein Instrument für friedliches Miteinander sein kann.

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Kultur ist also zu was gut? Pablo Berástegui lacht. „Wir sind jedenfalls davon überzeugt, dass uns die Kultur helfen kann, ein besseres Miteinander zu erreichen“, sagt der Direktor von San Sebastián 2016, der Organisationschef des Kulturhauptstadtjahres. Das ist eine hehre Hoffnung: Kultur „als Werkzeug, als Instrument, das wir benutzen können“, um ein menschliches Miteinander zu ermöglichen, „Kultur, um zusammenzuleben“, wie es das Motto des Kulturhauptstadtjahres sagt. Also keine zweckfreie Schönheit dieses Jahr in San Sebastián, kein weltvergessenes Staunen, kein überwältigendes Spektakel. Die 186 000-Einwohner-Stadt an der spanischen Nordküste muss sich nichts mehr beweisen. Sie kann selbstbewusst von sich behaupten, eine kulturelle Infrastruktur zu besitzen, auf die auch größere Städte stolz wären. Was San Sebastián braucht, sagt Pablo Berástegui, sei die Reparatur „des sozialen Gewebes, das zerrissen war. Damit sich die Leute wieder in die Augen schauen können.“ Das hat sich San Sebastián als europäische Kulturhauptstadt 2016 vorgenommen.

San Sebastián ist eine der schönsten Städte Spaniens, für manche die schönste. Um sich ein Bild zu machen: Eine der Partnerstädte San Sebastiáns ist Wiesbaden, und San Sebastián ließe sich gut als Wiesbaden am Meer beschreiben. Schon im 19. Jahrhundert kamen die Spanier, die sich’s leisten konnten, hierher in die Sommerfrische, weil’s am Golf von Biskaya nicht so brütend heiß ist wie im Rest des Landes. Drei Strände liegen direkt vor der Stadt, der berühmteste von ihnen ist die Concha – die Muschel –, benannt nach der Form der Bucht, an die sich Alt- und Neustadt schmiegen und deren Anblick jedem Erstbesucher Ahs und Ohs des Entzückens entlockt. Jetzt, im milden Winter, wagen sich hier immer noch Badegäste ins Wasser, während ein Stück weiter östlich Surfer über die wilden Wellen am Zurriola-Strand reiten. Friedliches Vergnügen hier wie dort. Zerrissenes soziales Gewebe? San Sebastián braucht „Kultur, um zusammenzuleben“?

Pablo Berástegui: Direktor von San Sebastián 2016 und somit Organisationschef des Kulturhauptstadtjahres.  Foto: Martin Dahms

„Ja, ja, ja“, sagt Maixabel Lasa. Die 64-Jährige hat ein paar Jahre in San Sebastián gelebt, damals, Mitte der 1990er Jahre, als ihr Mann Zivilgouverneur (das entspricht dem deutschen Regierungspräsidenten) der baskischen Provinz Guipúzcoa war, deren Hauptstadt San Sebastián ist. Jetzt wohnt Lasa wieder in ihrem Heimatdorf Legorreta, eine gute halbe Stunde Autofahrt südlich von San Sebastián, inmitten des waldigen baskischen Berglandes. Ihr Mann, Juan Mari Jáuregui, lebt nicht mehr. Ein dreiköpfiges ETA-Kommando ermordete ihn am Vormittag des 29. Juli 2000 in einer Bar in Tolosa, nicht weit von Legorreta, mit zwei Schüssen in den Nacken. Das ist erst fünfzehn Jahre her, aber es scheint ein Ereignis aus einer fernen Epoche zu sein. Die ETA, die im Baskenland, in ganz Spanien und in keiner Stadt mehr als in San Sebastián gut vier Jahrzehnte lang Terror verbreitete, legte im Herbst 2011 ihre Waffen nieder. Seitdem ist sie im Rest der Welt so gut wie vergessen. Geschichte. Glücklich überwunden. Aber nicht ganz. Ihre Opfer erinnern sich.

Maixabel Lasa kann davon erzählen, welche Kraft es braucht, sich „wieder in die Augen zu schauen“, wie es sich Pablo Berástegui als Ziel für dieses Kulturhauptstadtjahr vorgenommen hat. Maixabel Lasa ist den Mördern ihres Mannes begegnet. Sie sitzen im Gefängnis, zu langen Haftstrafen verurteilt. Zwei von ihnen bereuen ihre Tat und baten die Witwe ihres Opfers um ein Treffen. Lasa nahm die Einladung an. „Ich dachte, dieses Treffen könnte ein Sandkörnchen sein auf dem Weg zum zukünftigen Miteinander“, erzählt sie. „Denn ob du willst oder nicht werden diese Leute irgendwann das Gefängnis verlassen und mit uns zusammenleben.“ Lasa machte sich auf den Weg nach Nanclares in der baskischen Nachbarprovinz Álava, wo die reuigen Etarras einsitzen, weil sie eine gesellschaftliche Verantwortung empfand, nicht weil sie sich persönlich etwas von dem Treffen versprach. „Aber ich irrte mich“, sagt sie.

Die erste Begegnung mit einem der beiden reuigen Mörder dauerte drei Stunden. „Ich verließ das Gefängnis mit dem Gefühl, dass mir eine gewaltige Last genommen worden war. Ein Gefühl beinahe wie Fliegen“, sagt Lasa ernst. Der Mann, der ihr gegenübersaß, versuchte sich nicht rauszureden. Er sei ein schlechter Mensch, meinte er. In seinem Inneren gebe es nichts Gutes. „Bis ich ihm am Ende sagen musste: Mensch, Luis, ganz im Gegenteil. Du bist mutig gewesen, weil du gewagt hast, dich der Organisation (Anm. d. Red. also der ETA) entgegenzustellen. Für die bist du jetzt ein Verräter.“ Es sei der einzige Moment gewesen, wo er ein wenig gelächelt habe. „Ich glaube, zum Abschied haben wir uns umarmt.“ Zu wissen, dass der Mörder ihres geliebten Mannes seine Tat bereute, dass er sich nicht als Held fühlte, verschaffte Lasa Erleichterung und Gemütsruhe. „Das hatte ich mir nicht vorgestellt.“

Maixabel Lasa: Die ETA erschoss 2000 ihren Ehemann. Die 64-Jährige besuchte seine Mörder im Gefängnis.  Foto: Martin Dahms

Maixabel Lasa ist eine großartige Frau. Sie hat es geschafft, alle Verbitterung aus ihrem Herzen zu verbannen. Die beiden reuigen Terroristen haben ihr dabei geholfen. Doch die Geschichte ist zu schön, um baskischer Normalfall zu sein. Die ETA tötet nicht mehr, aber die Organisation bereut nichts. Nur einige wenige Etarras bekennen ihren Wahnsinn. Und noch immer kann sich die ETA auf ein Umfeld stützen, das deren Terrorvergangenheit rechtfertigt und die eingesperrten Mörder als politische Gefangene verherrlicht.

„Ich sitze im Parlament Leuten gegenüber, die meinem Mord gerechtfertigt hätten“, sagt Borja Sémper, Sprecher der konservativen PP-Fraktion im baskischen Regionalparlament und PP-Chef in der Provinz Guipúzcoa. „Es gibt eine ganze Generation, die immer noch glaubt, dass der Einsatz von Gewalt, dass der Terrorismus Sinn gehabt hat.“ Der 39-jährige Sémper ist eine der ungewöhnlichsten Politikerpersönlichkeiten Spaniens. Er ging mit 19 Jahren in die Politik, als Rebell gegen die Unfreiheit, die die ETA dem Baskenland auferlegte – und bekam diese Unfreiheit mehr zu spüren als die meisten seiner Landsleute. Als Ratsherr der PP in seinem Heimatstädtchen Irún musste er sich daran gewöhnen, keinen Schritt ohne Leibwächter tun zu können. Die ETA hatte jeden Politiker zum Feind erklärt, der nicht ihre nationalistische Ideologie teilte, und sei es ein junger, unbedeutender Ratsherr. „Wenn ich Sohn eines Narcos in Lateinamerika gewesen wäre, nun gut“, sagt Sémper spöttisch, „oder der Sohn von Prince Charles. Aber nein, ich war ein junger Kerl von 19 Jahren, der Jura studierte und zur Fakultät mit Leibwächtern ging.“

Sémper hat sich in ganz Spanien einen Namen gemacht, weil er nicht das Gespräch mit dem politischen Gegner scheut, weil er den klugen Disput sucht, weil er für einen PP-Politiker einen ungewöhnlich offenen Geist hat. Was nicht heißt, dass er jeden Mist zu schlucken bereit ist. „Das baskische politische Leben ist voller Euphemismen, leerer Worte und Allgemeinplätze“, sagt er. „Zum Beispiel: Aussöhnung.“ Das Wort impliziert: Hier haben sich zwei gegenseitig weh getan und müssen sich nun gegenseitig um Entschuldigung bitten. Doch im Baskenland ging der Terror von einer Seite, der ETA, aus. Borja Sémper wüsste nicht, wofür er sich zu entschuldigen hätte. „Ich muss mich mit niemandem aussöhnen“, sagt er. „Ich muss zusammenleben. In modernen Gesellschaften leben Menschen miteinander, die unterschiedlicher Meinung sind. Es ist nicht nötig, dass wir Freunde sind.“

Immerhin, sagt Sémper, die Angst, offen zu reden, sei weitgehend verschwunden, „ein fundamentaler Fortschritt“. Darin sind sich alle einig. Das Baskenland unter der ETA ähnelte einem totalitärem Regime, in dem manche Wahrheiten lieber nur geflüstert wurden. „Wenn du das Risiko spürst, für deine politische Meinung ermordet zu werden, überlegst du dir sehr genau, ob du sie öffentlich äußerst“, sagt Eneko Goia, San Sebastiáns Bürgermeister. Doch die Angst verschwinde, „schneller, als wir vielleicht denken“. „Die Debatten haben sich normalisiert“, sagt José Luis Rebordinos, der Direktor des Filmfestivals von San Sebastián, der Kulturveranstaltung mit der größten Außenwirkung der Stadt. Rebordinos liebt es, mit seiner Filmauswahl politische Kontroversen anzustoßen. Die Leute sollen sich streiten. „Erst wenn die Debatte durch einen Schuss in den Kopf ersetzt wird, haben wir ein Problem.“ Lauter Selbstverständlichkeiten, die im Baskenland bis vor kurzem keine Selbstverständlichkeit waren. „Hier gab es fanatische Leute“, sagt Felipe Aguirre, Betreiber der Pintxos-Bar Gandarias in der Altstadt von San Sebastián. Ein paar Schritte von seiner Bar entfernt wurde Anfang 1995 der PP-Politiker Gregorio Ordóñez – das politische Vorbild Borja Sémpers – ermordet. „Jetzt mit dem Frieden ist alles besser geworden“, sagt Aguirre. Jetzt kämen auch mehr Gäste, viele aus Frankreich, die es den Einheimischen nachtun: „Hier amüsieren wir uns, essen Pintxos, trinken ein Bier.“ Das ist das neue Leben in Freiheit: in der Altstadt die wahrscheinlich besten Pintxos (Tapas) Spaniens genießen und dabei über Gott und die Welt reden, ohne Angst vor einem Nackenschuss.

Ignacio Latierro: 1996 stürmten ETA-Sympathisanten die Buchhandlung des 72-Jährigen und verbrannten die Bücher aus der Auslage.  Foto: Martin Dahms

An den Pintxos kommt man in San Sebastián nicht vorbei, die seien „etwas Wunderbares“, sagt Ignacio Latierro, obwohl er glaubt, dass ihre Qualität nachlasse. Latierro ist mit 72 Jahren in dem Alter, in dem man sich ein wenig Wehmut erlauben darf, aber mehr noch als den Pintxos seiner Jugend trauert er seinem Heimatviertel nach, der Altstadt von San Sebastián, in die er seit Jahren kaum noch einen Schritt setzt. „Man hat mich aus der Altstadt geworfen“, sagt er. 1968, noch zu Zeiten der Franco-Diktatur, eröffnete er an der Plaza de la Constitución, im Herzen der Altstadt, mit Freunden die Buchhandlung Lagun, die sich erst mit dem Franco-Regime und dann mit der ETA anlegte. ETA-Sympathisanten stürmten 1996 die Buchhandlung, türmten die Bücher aus der Auslage zu einem Scheiterhaufen vor der Tür auf und zündeten ihn an. Vier Jahre später schoss eine Etarra dem Politiker José Ramón Recalde, Ehemann der Lagun-Mitbesitzerin María Teresa Castells, ins Gesicht. Recalde überlebte wundersam, doch die Betreiber der Buchhandlung hatten genug; sie schlossen und eröffneten ein Jahr später einen neuen Laden, weit weg von der Altstadt.

Was das Baskenland unter der ETA erlebt habe, sei vor allem eine Demonstration der Intoleranz gewesen, sagt Latierro, aber auch eine Demonstration der Unkultur. „Sie sind verschlossen, halsstarrig, unfähig, sich dem Denken anderer zu öffnen“, sagt er über die Täter. Ist also die Kultur der Schlüssel für ein zivilisiertes Zusammenleben, im Baskenland und überall auf der Welt? „Für jeden Einzelnen ist die Kultur ein sehr wichtiger Wert“, sagt Ignacio Latierro. „Aber ich bin etwas skeptischer, ob eine Gesellschaft, allein weil sie kultivierter ist, auch gerechter und toleranter ist.“ Die Kulturhauptstadt San Sebastián hält den Skeptikern ihre Hoffnung entgegen: Die Kultur kann’s. Eine schöne Hoffnung ist das auf alle Fälle. Sie wird der Stadt gut tun.

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