kalaydo.de Anzeigen

Kulturhauptstadtjahr 2010: Party im Pott

Die "Ruhr 2010" gewinnt das Pokerspiel mit der Wetterlage und singt den Grönemeyer. Nach dreijähriger Vorbereitung beginnt das Kulturhauptstadtjahr in Essen mit einem Festakt in der verschneiten Essener Zeche Zollverein. Von Stefan Keim

Künstler trommeln am Samstag (09.01.2010) in der Kokerei Zollverein in Essen während der Eröffnungsfeier der Kulturhauptstadt Ruhr.2010auf Fässern.
Künstler trommeln am Samstag (09.01.2010) in der Kokerei Zollverein in Essen während der Eröffnungsfeier der Kulturhauptstadt "Ruhr.2010"auf Fässern.
Foto: dpa

Der Mann hat einige Jahre in Moskau gelebt. Dass es im Ruhrgebiet mal wieder einen Winter gibt, kann Fritz Pleitgen nicht schrecken. Und Schneetief Daisy zeigte Gnade mit der Eröffnungsfeier der Ruhr 2010 am Samstagnachmittag. Der Förderturm der Zeche Zollverein ist nicht unter den weißen Massen zusammengebrochen, Roland Emmerich wird aus diesem Tag keinen Stoff für einen neuen Katastrophenfilm gewinnen können.

Essen und das Ruhrgebiet sind nun ganz offiziell Kulturhauptstadt Europas. Der 71-jährige Pleitgen, Geschäftsführer der Ruhr 2010, stand ohne Kopfbedeckung wie ein Turm im Sturm und machte die bibbernden, vermummten Promizuschauer darauf aufmerksam, dass Klatschen mit Handschuhen nicht besonders anfeuernd sei.

Bundespräsident Horst Köhler sprach bei der Eröffnungsfeier der Kulturhauptstadt Ruhr.2010.
Bundespräsident Horst Köhler sprach bei der Eröffnungsfeier der Kulturhauptstadt "Ruhr.2010".
Foto: Foto: dpa

Also wurde viel getrampelt und auch ein bisschen gejubelt, als Bundespräsident Horst Köhler und EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso - übrigens in einem hinreißenden Deutsch - das Ruhrgebiet hoch leben ließen. Obwohl man ja nach dem Willen der Verantwortlichen lieber "Metropole Ruhr" sagen soll. Doch ob sich das jemals durchsetzt, steht noch in den Sternen. Bei der ZDF-Show am Abend zuvor, die "Glückauf RUHR 2010!" hieß, wurden selbst die dämlichsten Klischees über die Region ausgewalzt, als wolle das öffentlich-rechtliche Fernsehen jeden Versuch eines Imagewechsels noch vor Beginn der Kulturhauptstadt unterwandern.

Allein wie Moderator Markus Lanz gnadenlos grottig minutenlang versuchte, Ruhrgebietsdeutsch nachzuahmen, ließ das nachfolgende Dumpfbackengefasel versammelter Prominenter mit Ruhrgebietshintergrund wie eine Erholung wirken. Die Macher der Kulturhauptstadt machten gute Miene zum blöden Spiel. Was sollten sie auch anderes tun? Sie waren immerhin im ZDF, und das sogar vor Mitternacht.

Das übertrug dann tags darauf immerhin auch den ungleich gelungeneren Eröffnungsakt. Obwohl die Freiluftbühne immer wieder gestreut werden musste und die Tänzer der Essener Folkwang-Hochschule bei ihren Bewegungen oft ins Salz griffen, gelang eine gute Choreografie über den Wandel einer Region. Regisseur Gil Mehmert setzte nicht zu sehr auf Überwältigungseffekte, sondern ließ mit Tonnengetrommel und Anspielungen auf die Arbeit im Bergbau eine Ahnung des harten Alltags entstehen.

In einer Tanzperformance von Henrietta Horn trugen die Tänzer grau in vielen Schattierungen, was viel mit dem Blick zu tun hat, den die Ruhr 2010 für ihre Besucher öffnen will. Strahlende Schönheit gibt es selten in dieser Region. Wer ihre Poesie entdecken will, muss auf die Feinheiten achten, das Kantige, Raue, Schrundige genießen können.

Deshalb war es eine richtige Entscheidung, die Eröffnung auf der Zeche Zollverein zu feiern. Denn trotz vieler Umbauten ist hier immer noch die authentische Atmosphäre der Arbeit zu sehen und zu spüren. Und obwohl langsam die Kälte die Beine hoch kroch, blieb die Stimmung entspannt. Ein bisschen Härte zeigen passt ja auch zum Ruhrgebiet.

Und dann wurde es zum Schluss der Eröffnung überraschend kuschelig. Herbert Grönemeyer, eine Kultfigur, auf die der abgedroschene Begriff noch passt, sang die neue Ruhrgebietshymne, ein Auftragswerk. Zeilen wie "Urverlässig, sonnig, stur - so weit, so ur, Seelenruhr, ich mein ja nur: Komm zur Ruhr" waren vom blonden Barden zu erwarten. Sie stören ja auch nicht, weil er seine Texte ohnehin eher nuschelt als singt.

Aber der seichte Weichspülersound mit Kinderchor und Schmalzorchester überraschte dann doch. An das berühmte "Bochum" reicht dieses uninspirierte Lied nicht heran, zum Glück riss am Ende ein kleines Feuerwerk das Publikum aus der Lethargie. Das große Pyrospektakel kam dann sechs Stunden später, zum Finale des öffentlichen Kulturfestes, zu dem trotz Kälte und Glätte Zehntausende strömten. Das ganze Gelände war spektakulär beleuchtet, farbige Parcours leiteten die Zuschauermassen durch eine Fülle an Konzerten, Parties, Aktionen, Installationen, Rezitationen und Diskussionen.

Die Bereitschaft zur Begeisterung ist da, dass die Ruhr 2010 eine riesige Chance für die problembeladene Region ist, sickert langsam auch in skeptische Gemüter. In fast jeder Rede eines Leitungsmitglieds der Kulturhauptstadt wird die Gemeinschaft beschworen, das Programm bietet eine Fülle an Mitmachmöglichkeiten.

Wenn es in diesem Jahr nicht gelingt, das Fundament für eine Ruhr-Identität zu schaffen, muss man diese Idee wohl begraben. Aber einige erste Schritte sind nun getan. So seltsam es klingt: Schnee schweißt manchmal zusammen.

Autor:  Stefan Keim
Datum:  9 | 1 | 2010
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Theatertreffen 2012
Der Ausnahmefall: „Borkman“ an der Volksbühne.

Alles rund ums bedeutendste deutsche Theaterfestival, das Theatertreffen vom 4.-21. Mai 2012 in Berlin.

Anzeige

Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.

Medien
Das Fünf-Sterne-Hotel
Polen und Ukraine im TV 
Reinhard Mirmseker mit Manuela Wolf in der „Wernesgrüner Musikantenschenke“.
Korruption 
Twitter wird für den Erfolg von Kinofilmen immer wichtiger.
Soziale Netzwerke entscheiden über Kino-Erfolge 
Wie beliebt wir in den sozialen Netzwerken sind, hat immer mehr Auswirkungen auf das
Facebook, Twitter und Co. 
Theatertreffen

Video

Ressort

Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen


Oper
Ganz so schick wie bei den prominenten Vertretern unserer Spezies muss es dann doch nicht immer sein.

Hustenanfälle, Papierknistern, Opernglas ja oder nein - ein kleiner Ratgeber für den gelungenen Opernbesuch.

Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!

Meistgeklickt
Das DFB-Bundesgericht mit dem Vorsitzenden Goetz Eilers hat entschieden: Das Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC wird nicht wiederholt.
Kein Wiederholungsspiel zwischen Düsseldorf und Berlin 
Diese Schilddrüse ist eindeutig krank.
Skandal am Klinikum Hildesheim 
 Mely Kiyak
Kolumne zum neuen Umweltminister 
        

Petra Roth spricht über das Buch, das Matthias Arning (rechts) geschrieben hat.
Petra Roth 
 
 
 
 
 
 
 
 
World Press Photo
Das beste Pressefoto 2012: Eine jemenitische Frau hält einen verwundeten Verwandten in ihren Armen.

Beeindruckende Aufnahmen: FR-online.de präsentiert interaktiv die Pressefotos des Jahres.

Anzeige

FR-Serie

Erleben wir tatsächlich Umbrüche oder dramatisieren wir nur? Auf diese Frage suchen Wissenschaftler und Intellektuelle Antworten.

ANZEIGE
- Informationen finden, um die Main Metropole Frankfurt entdecken und erleben zu können.
- Fragen & Antworten
- Bei HOH finden Sie Hardware, Computer und aktuelle Software zu günstigen Preisen.
- Kauftipps!
Quiz
Dezember 2006.

Thomas Gottschalk hat sich bei "Wetten, dass..." verabschiedet. Er bewegt die TV-Nation. Testen Sie Ihr Wissen.