Der Mann hat einige Jahre in Moskau gelebt. Dass es im Ruhrgebiet mal wieder einen Winter gibt, kann Fritz Pleitgen nicht schrecken. Und Schneetief Daisy zeigte Gnade mit der Eröffnungsfeier der Ruhr 2010 am Samstagnachmittag. Der Förderturm der Zeche Zollverein ist nicht unter den weißen Massen zusammengebrochen, Roland Emmerich wird aus diesem Tag keinen Stoff für einen neuen Katastrophenfilm gewinnen können.
Essen und das Ruhrgebiet sind nun ganz offiziell Kulturhauptstadt Europas. Der 71-jährige Pleitgen, Geschäftsführer der Ruhr 2010, stand ohne Kopfbedeckung wie ein Turm im Sturm und machte die bibbernden, vermummten Promizuschauer darauf aufmerksam, dass Klatschen mit Handschuhen nicht besonders anfeuernd sei.
Also wurde viel getrampelt und auch ein bisschen gejubelt, als Bundespräsident Horst Köhler und EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso - übrigens in einem hinreißenden Deutsch - das Ruhrgebiet hoch leben ließen. Obwohl man ja nach dem Willen der Verantwortlichen lieber "Metropole Ruhr" sagen soll. Doch ob sich das jemals durchsetzt, steht noch in den Sternen. Bei der ZDF-Show am Abend zuvor, die "Glückauf RUHR 2010!" hieß, wurden selbst die dämlichsten Klischees über die Region ausgewalzt, als wolle das öffentlich-rechtliche Fernsehen jeden Versuch eines Imagewechsels noch vor Beginn der Kulturhauptstadt unterwandern.
Allein wie Moderator Markus Lanz gnadenlos grottig minutenlang versuchte, Ruhrgebietsdeutsch nachzuahmen, ließ das nachfolgende Dumpfbackengefasel versammelter Prominenter mit Ruhrgebietshintergrund wie eine Erholung wirken. Die Macher der Kulturhauptstadt machten gute Miene zum blöden Spiel. Was sollten sie auch anderes tun? Sie waren immerhin im ZDF, und das sogar vor Mitternacht.
Das übertrug dann tags darauf immerhin auch den ungleich gelungeneren Eröffnungsakt. Obwohl die Freiluftbühne immer wieder gestreut werden musste und die Tänzer der Essener Folkwang-Hochschule bei ihren Bewegungen oft ins Salz griffen, gelang eine gute Choreografie über den Wandel einer Region. Regisseur Gil Mehmert setzte nicht zu sehr auf Überwältigungseffekte, sondern ließ mit Tonnengetrommel und Anspielungen auf die Arbeit im Bergbau eine Ahnung des harten Alltags entstehen.
In einer Tanzperformance von Henrietta Horn trugen die Tänzer grau in vielen Schattierungen, was viel mit dem Blick zu tun hat, den die Ruhr 2010 für ihre Besucher öffnen will. Strahlende Schönheit gibt es selten in dieser Region. Wer ihre Poesie entdecken will, muss auf die Feinheiten achten, das Kantige, Raue, Schrundige genießen können.
Deshalb war es eine richtige Entscheidung, die Eröffnung auf der Zeche Zollverein zu feiern. Denn trotz vieler Umbauten ist hier immer noch die authentische Atmosphäre der Arbeit zu sehen und zu spüren. Und obwohl langsam die Kälte die Beine hoch kroch, blieb die Stimmung entspannt. Ein bisschen Härte zeigen passt ja auch zum Ruhrgebiet.
Und dann wurde es zum Schluss der Eröffnung überraschend kuschelig. Herbert Grönemeyer, eine Kultfigur, auf die der abgedroschene Begriff noch passt, sang die neue Ruhrgebietshymne, ein Auftragswerk. Zeilen wie "Urverlässig, sonnig, stur - so weit, so ur, Seelenruhr, ich mein ja nur: Komm zur Ruhr" waren vom blonden Barden zu erwarten. Sie stören ja auch nicht, weil er seine Texte ohnehin eher nuschelt als singt.
Aber der seichte Weichspülersound mit Kinderchor und Schmalzorchester überraschte dann doch. An das berühmte "Bochum" reicht dieses uninspirierte Lied nicht heran, zum Glück riss am Ende ein kleines Feuerwerk das Publikum aus der Lethargie. Das große Pyrospektakel kam dann sechs Stunden später, zum Finale des öffentlichen Kulturfestes, zu dem trotz Kälte und Glätte Zehntausende strömten. Das ganze Gelände war spektakulär beleuchtet, farbige Parcours leiteten die Zuschauermassen durch eine Fülle an Konzerten, Parties, Aktionen, Installationen, Rezitationen und Diskussionen.
Die Bereitschaft zur Begeisterung ist da, dass die Ruhr 2010 eine riesige Chance für die problembeladene Region ist, sickert langsam auch in skeptische Gemüter. In fast jeder Rede eines Leitungsmitglieds der Kulturhauptstadt wird die Gemeinschaft beschworen, das Programm bietet eine Fülle an Mitmachmöglichkeiten.
Wenn es in diesem Jahr nicht gelingt, das Fundament für eine Ruhr-Identität zu schaffen, muss man diese Idee wohl begraben. Aber einige erste Schritte sind nun getan. So seltsam es klingt: Schnee schweißt manchmal zusammen.
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