Wiesbaden. Im Streit um den Hessischen Kulturpreis hat der jüdische Historiker Michael Wolffsohn den ausgeschlossenen muslimischen Preisträger Navid Kermani verteidigt. Zu einer intellektuellen Debatte gehöre: "Alles was denkbar ist, muss auch ausgesprochen werden können", sagte Wolffsohn.
Er sei deshalb "entsetzt über das intellektuelle Niveau" der christlichen Preisträger, des Kardinals Karl Lehmann und des früheren evangelischen Kirchenpräsidenten von Hessen-Nassau, Peter Steinacker. Die Kirchenführer hatten sich durch einen Essay Kermanis über das christliche Kreuz verletzt gefühlt.
Es sei auch ein Skandal, dass der Protest des ursprünglichen muslimischen Preisträgers Fuat Sezgin gegen seinen jüdischen Mitpreisträger Salomon Korn nicht weiter an die Öffentlichkeit gebracht worden sei, sagte Wolffsohn.
Sezgin hatte die Annahme des Kulturpreises wegen Äußerungen Korns zur Gewalt im Gaza-Konflikt verweigert. Darauf hatte das Kuratorium des Preises unter Leitung des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU) Kermani als neuen Preisträger ausgewählt, ihn nach dem Protest Lehmanns und Steinackers aber wieder ausgeladen.
Schon der Dialog zwischen Juden und Christen finde oft "nicht einmal auf dem Niveau eines Proseminars" statt, sagte der Professor von der Universität der Bundeswehr München. Vom Islam hätten beiden Religionen dann noch weniger Ahnung. Die Unkenntnis verdecke den Blick auf die Gemeinsamkeiten der Religionen. Der Islam sehe sich in der Tradition von Judentum und Christentum. "Wir brauchen viel mehr Gemeinsames, und wir haben das auch", sagte Wolffsohn.
Reichert zeigt Reue
Inzwischen hat sich der Präsident der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung Klaus Reichert selbstkritisch gezeigt. Er habe gegen die Aberkennung des Preises an Kermani "möglicherweise nicht laut genug protestiert", sagte Reichert - Mitglied im Kuratorium des Kulturpreises - laut einem Vorabbericht der Wochenzeitung "Die Zeit". Auch die telefonische Schaltkonferenz sei bei "so einem heißen Thema" nicht richtig gewesen. "Da muss man sich an einen Tisch setzen", räumte Reichert ein. (dpa/ddp)
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