Aktuell: Peter Tauber | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Kultur
Nachrichten, Kritiken, Interviews aus Kultur, Feuilleton, Literatur, Kunst

19. Januar 2016

Kunst: Eine peinliche Performance

 Von Sandra Danicke
„Imponderabilia“ wurde erstmals 1977 gezeigt. Im Juni 2012 kam es auf der Art Basel zur Wiederaufnahme der Performance von Marina Abramovic und Ulay.  Foto: rtr

Die Provokation in den Künsten ist oft beliebiger Selbstzweck und belanglos. Es ist häufig ein schmaler Grat, der das Geniale vom Peinlichen trennt. Doch berechenbare Kunst ist überflüssig.

Drucken per Mail

Es war ein Tag im Januar 1972, als die Besucher der New Yorker Galerie Sonnabend ein merkwürdiges Stöhnen vernahmen. Der Raum war augenscheinlich leer. Doch unter dem Fußboden lag der Künstler und onanierte. Über einen Zeitraum von mehreren Wochen legte sich der Amerikaner Vito Acconci für seine Aktion „Seedbed“ jeden Mittwoch und Samstag jeweils acht Stunden unter eine begehbare Holzkonstruktion und befriedigte sich. Die Besucher konnten den Künstler nicht sehen, hörten ihn aber über Lautsprecher obszöne Fantasien äußern.

Oder nehmen wir „Rhythm 0“, eine Performance in einer Galerie in Neapel, für die sich die serbische Künstlerin Marina Abramovic 1974 sechs Stunden lang ihr unbekannten Menschen auslieferte. Dass sie in dieser Zeit gequält wurde und – Augenzeugen zufolge – fast erschossen worden wäre, war nicht unbedingt vorauszusehen. Dass die Aktion ein Risiko barg, war allerdings von vornherein klar.

Geschichten von Künstlern, die bis zum Äußersten gehen, gibt es viele; die meisten spielen vor langer Zeit. Natürlich sind es nicht nur Performance-Künstler, die sich aussetzen, ausliefern, angreifbar machen. Künstler exponieren sich ja nicht nur mit dem eigenen Körper, sondern jedes Mal, wenn sie ein Werk, eine Idee an die Öffentlichkeit bringen, wenn sie – auch um herauszuragen – etwas tun, was in dieser Form noch keiner vor ihnen getan hat. Als Robert Rauschenberg 1953 ein Bild seines Kollegen Willem de Kooning ausradierte und das Ergebnis zu Kunst erklärte, hätte das seine Karriere beenden können. Das Gegenteil war der Fall. Als Jackson Pollock in den vierziger Jahren begann, Bilder mit schwarzer Farbe voll zu klecksen und das Ganze als Malerei ausgab, hätte das auch zur Lachnummer werden können.

Oft ist es ein schmaler Grat, der das Geniale vom Peinlichen trennt. Meistens weiß man erst hinterher, ob eine Provokation bahnbrechend war oder nur eine Provokation. Wüsste man vorher, wie die Sache ausgeht, könnte man sich die Durchführung sparen, denn Kunst, die alle Variablen vorab kalkuliert, die Risiken ausschließt und am Bewährten festhält, ist nicht nur öde, sie ist überflüssig. Unwillkürlich denkt man in diesem Zusammenhang an Martin Kippenberger, der nicht nur für seinen ausschweifenden Lebensstil bekannt war, sondern auch für seine nassforsche Kunst. Kippenberger hatte bereits ein ganzes Arsenal an Zumutungen ausgeheckt, als er 1981 beschloss, andere für sich malen zu lassen. Dabei stieß er – wohl eher zufällig – eine zentrale Debatte über Originalität und Urheberschaft an, die ihre Brisanz bis heute nicht verloren hat. Kippenberger hatte ein geradezu unheimliches Gespür dafür, wann eine Albernheit kunsttauglich ist. Noch elf Jahre nach seinem Tod 1997 sorgte eines seiner Werke aus der Serie „Die Füße zuerst“ in Südtirol für einen handfesten Skandal: Ein gekreuzigter Holzfrosch, der einen Bierkrug in der Hand hält, wurde im Kunstmuseum Museion in Bozen ausgestellt. Die Folgen: Der Museumsdirektorin wurde gekündigt, und ein empörter Politiker hungerte sich krankenhausreif. Selbst der Papst soll sich empört haben.

Kippenberger steht damit in einer glorreichen Tradition. Die Kunstgeschichte ist nicht zuletzt eine Ansammlung von Frechheiten: Eduard Manets „Olympia“. Kasimir Malewitschs „Schwarzes Quadrat“, Marcel Duchamps „Fountain“ – Meilensteine, auf deren Ikonen-Potential zu ihrer Entstehungszeit kaum einer einen Pfifferling gegeben hätte. Selbst Jeff Koons’ aufgepumpter Trivialkitsch, Jonathan Meeses Erzstaatsrhetorik und Richard Princes geklaute Marlboro-Werbung sind Dreistigkeiten, die sich auf die ein oder andere Weise als schöpferisch erwiesen haben, ob man sie nun großartig findet oder nicht. Und natürlich kann und muss man viel weiter zurückgehen, wenn von Chuzpe in der Kunst die Rede ist: Michelangelo, Rembrandt, Rubens, Goya. Sie alle haben etwas gewagt, was sich vor ihnen noch keiner getraut hat. Hätten sie sich an den geltenden Kanon gehalten, würde heute keiner mehr von ihnen reden und die Kunst hätte an einigen Kreuzungen eine andere Richtung eingeschlagen.

Und heute? Haben Künstler Angst davor, missverstanden zu werden. Als sei nicht jede grandiose Kunst zunächst missverstanden worden. Heute wollen viele Künstler „etwas bewirken“. Als ließe sich die Wirksamkeit von Kunst planen wie eine Urlaubsreise in einen Robinson Club auf Fuerteventura.

Beängstigend oft hört man von Kunst, die sozial relevant sei. Gemeint ist, dass Künstler mit ihren Werken die Lebensumstände von Armen, Frauen, Flüchtlingen oder Benachteiligten verbessern möchten oder wenigstens auf den Klimawandel hinweisen. „Artivismus“ nennt sich das Phänomen.

Erst kürzlich wurde der Turner Prize für zeitgenössische Kunst einer Architektengruppe für ein Projekt verliehen, bei dem es um die Renovierung von Reihenhäusern in einem Liverpooler Arbeiterviertel geht. Wenn das Schule macht, werden wir wohl auf der nächsten Documenta einem Pavillon der RTL II-Sendung „Zuhause im Glück“ begegnen.

Seien wir ehrlich: sozialpolitisch engagierte Kunst, wie sie etwa der amerikanische Installationskünstler Theaster Gates praktiziert, der baufällige Gebäude in kulturelle Institutionen verwandelt, ist in den seltensten Fällen mehr als ein Feigenblatt. Toll, dass sich jemand drum kümmert, aber möchte man wirklich seitenlange Handouts lesen, um zu verstehen, worum es bei den oft gut gemeinten Bürgerprojekten an Brennpunkten geht?

Okwui Enwezor, künstlerischer Leiter der vergangenen Biennale in Venedig, ließ dort das „Kapital“ von Karl Marx verlesen, Ai Weiwei plant auf Lesbos ein Denkmal für ertrunkene Flüchtlinge, und die kubanische Künstlerin Tania Bruguera sammelte sogar Unterschriften, um Papst Franziskus dazu zu bringen, Einwanderern weltweit die vatikanische Staatsbürgerschaft zu gewähren. Vieles kommt inzwischen so moralisch und politisch korrekt daher, ist aber letztlich furchtbar belanglos.

Kein Mensch kann sich in einer 25 000 Quadratmeter großen Ausstellungshalle mit Werken von mehr als 100 Künstlern mal eben auf ein Kapitel zum Begriff des relativen Mehrwerts konzentrieren. Und wer im Namen der Kunst oder Menschlichkeit eine Postkarte an den Papst schreibt, darf sich danach wohlgefällig auf die Schulter klopfen. Mehr aber auch nicht.

Künstler, die wirklich etwas riskieren, sich weder um Marktinteressen, noch um Moden scheren, waren zu jeder Zeit rar, doch sie sind noch rarer geworden. Das liegt unter anderem daran, dass sie sich nicht mehr trauen zu scheitern. Dabei sollte Kunst ruhig dreist, böse oder auch mal geschmacklos sein. Das macht sie nicht zwangsläufig bemerkenswert oder gehaltvoll, ist aber im Zweifelsfall besser als Werke, die vor lauter gutem Willen keine Angriffsflächen bieten. Wie schrecklich schief es gehen kann, wenn ein Künstler sich in den Dienst der guten Sache (oder der Politik) stellt, lässt sich an Joseph Beuys demonstrieren, der sich seinerzeit für die Partei der Grünen stark machte. Sein peinlicher Auftritt mit dem Song „Sonne statt Reagan“ hätte ihn fast um seinen verdienten Nachruhm gebracht.

Natürlich darf Kunst auch sozial, politisch und ökologisch sein, aber eben nicht nur. Einfallsreiche, geistreiche Kunst ist immer radikal – im Ausdruck, in ihren Mitteln. Vor allem aber muss sie einen radikalen Gedanken verkörpern. Gute Kunst muss Undenkbares formulieren. Sie muss den Betrachter mit einer Ungeheuerlichkeit konfrontieren, mit der Welt, mit sich selbst. Der Künstler muss ein Risiko eingehen, er darf das Ergebnis, den Effekt seines Werkes niemals exakt vorhersagen können, denn Kunst ist das, was dazwischen entsteht, zwischen der Absicht, dem Planbaren und dem Unkalkulierbaren. Oder um es mit Bruce Nauman zu sagen: Kunst sollte sein „wie ein Hieb ins Gesicht mit dem Baseballschläger, oder besser, wie ein Schlag ins Genick. Man sieht den Schlag nicht kommen, er haut einen einfach um“.

Während Vito Acconci vor mehr als vierzig Jahren in der Galerie Sonnabend unter den Holzdielen lag, sprach er die Menschen, die über ihm entlang liefen, direkt an – nicht als Masse, sondern als Individuen: „... you’re on my left ... you’re moving away but I’m pushing my body against you, into the corner ... you’re bending your head down, over me ... I’m pressing my eyes into your hair ... .“ Indem er den Besucher zur Projektionsfläche erklärte, hatte Acconci den Spieß einfach umgedreht. So entstanden aufgeladene, intime Situationen zwischen Künstler und Kunstfreund, die nicht jedem Besucher angenehm gewesen sein dürften. Manch einer mag es als grässlich, als übergriffig empfunden und eilends die Flucht ergriffen haben. Vergessen wird er dieses Erlebnis gleichwohl nicht.

Acconci, der mittlerweile in New York ein Architekturbüro betreibt, sagt inzwischen, die Aktion habe seine Karriere zerstört. Kaum jemand nehme ihn als Architekt und Designer noch ernst. Als Künstler aber hat ihn „Seedbed“ unsterblich gemacht.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus
Anzeige

Anzeige

Ressort

Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen.

Sommerferien

Bücher, Musik, Filme für die Sommerferien

Und wenn ungeheuer oben eine sehr weiße Wolke ist, dann zeigt das auch nur wieder, dass Lesen in jeder Situation den Horizont erweitert.

Das FR-Feuilleton empfiehlt Bücher, transportable Musik und auch einige Filme auf DVD für den Sommer. Mehr...

Serie
Polizeiabsperrung, kaum eine Kriminalgeschichte kommt ohne sie aus.

In der Sommerpause von „Tatort“ und „Polizeiruf“ schreibt die FR-Redaktion ihre Krimis wieder selbst. Ähnlichkeiten mit Fernsehermittlern sind aber rein zufällig.

Times mager

Kein Bullshit

Die Fellfärbung als Vorteil: Weiße Pferde werden weniger stark von Pferdebremsen geplagt als ihre dunkleren Artverwandten.

Der Forschungsdrang des Menschen ist ein Wunderwerk und führt in die spannendsten Ecken. Trotzdem hätten wir da noch eine Anregung. Mehr...

Buchmesse 2018
Volkstänzerin bei einem Festival in Georgien.

Georgien ist Gast der Frankfurter Buchmesse 2018. Vorabbesuch in einem wenig bekannten Bücherland.

Kalenderblatt 2016: 30. September

Tag für Tag finden Sie an dieser Stelle einen Rückblick auf Ereignisse, Anekdoten, Geburts- oder Sterbetage, die mit diesem Datum verbunden sind. Foto: dpa

Das aktuelle Kalenderblatt für den 30. September 2016: Mehr...

Kalenderblatt 2016: 29. September

Tag für Tag finden Sie an dieser Stelle einen Rückblick auf Ereignisse, Anekdoten, Geburts- oder Sterbetage, die mit diesem Datum verbunden sind. Foto: dpa

Das aktuelle Kalenderblatt für den 29. September 2016: Mehr...

Literatur

Aktuelle Rezensionen zu Literatur, Sach- und Kinderbüchern: die Literatur-Rundschau aus dem FR-Feuilleton.

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Videonachrichten Kultur
Kolumne

Briefe des Philosophen Markus Tiedemann richten sich an Menschen extremer Glaubensüberzeugungen. Tiedemann ist Professor am Institut für vergleichende Ethik an der FU Berlin sowie Vorsitzender des Forums Fachdidaktik in der Deutschen Gesellschaft für Philosophie.

Talkshow-Kritiken auf einen Blick

Anzeige

Kulturgeschichte
Karl, der Große

Karl der Große, geboren 748, beherrschte ein Reich, das vom Atlantik bis zur Elbe reichte, von der Nordsee bis Rom. FR-Feuilleton-Chef Christian Thomas beschreibt seine Herrschaft, die Reformen, seine Rolle als Gotteskrieger, die Bedeutung für Frankfurt - und nicht zuletzt derjenigen für Europa.

Teil 1: Bedeutender Mann im Gegenlicht
Teil 2: Sagenhafte Anfänge
Teil 3: Gewalt als Gottesdienst
Teil 4: Die Geschichte mit Karl

Oper
Ganz so schick wie bei den prominenten Vertretern unserer Spezies muss es dann doch nicht immer sein.

Hustenanfälle, Papierknistern, Opernglas ja oder nein - ein kleiner Ratgeber für den gelungenen Opernbesuch.

FR-App und E-Paper

Bei uns bekommen Sie das neue iPad Air von Apple im Paket mit der preisgekrönten FR-App - einschließlich aller FR-Ausgaben im Layout der Zeitung als E-Paper.

Buchtipps