Da Jeff Koons seine Edelstahlskulpturen bei der Arnold AG in Friedrichsdorf im Taunus herstellen lässt, war er besser im Bilde, als Max Hollein erwartet hatte. Als der Schirn-Direktor ihm eine Ausstellung in der Kunsthalle am Frankfurter Römer vorschlug, sagte Koons: „I love the Liebieghaus!“ So entstand die Idee zu einem Doppelprojekt – und zur ersten großen Ausstellung eines zeitgenössischen Künstlers in der Skulpturensammlung am Mainufer, die ausnahmslos auf Werke von der Antike bis zum Klassizismus konzentriert ist.
An dieser Winckelmann’schen Ausrichtung des Liebieghauses, so Hollein, wolle er auch keineswegs rütteln. Nur wird sich dort im kommenden Sommer eine magentafarbene „Balloon Venus“ unter die griechischen Statuen mischen oder – besonders reizvoll – die Nippesfigur „Michael Jackson and Bubbles“ unter die ägyptischen Objekte. Man ahnt bereits, dass das überraschen und trotzdem gut ausgehen kann.
Jeff Koons als Museumsflaneur
Dass die drei Kuratoren des Hauses, angeführt von Vinzenz Brinkmann, sofort für das Projekt zu begeistern waren, habe ihn überrascht, so Hollein, aber auch in dem Eindruck bestätigt, dass das passen werde. Sich Jeff Koons als aufmerksamen Flaneur im Liebieghaus vorzustellen, ist die Sache im übrigen schon wert.
Edward Kienholz, geboren 1927 in Fairfield, Washington, war in jungen Jahren unter anderem Autohändler, Staubsaugervertreter, Nachtwächter in einem psychiatrischen Krankenhaus. 1953 zog er nach Los Angeles, wo er ein Jahr später mit der künstlerischen Arbeit begann. 1957 eröffnete er in Los Angeles eine Galerie und entwickelte bald auch die ersten seiner großen, Tableaux genannten Werke.
Nancy Reddin, geboren 1943, und Edward Kienholz lernten sich 1972 kennen, sie wurde seine fünfte Frau. 1981 erklärte er anlässlich der Berliner Ausstellung „The Kienholz Women“ öffentlich die Mitautorschaft Nancy Reddins. Für Gipsabgüsse Modell gestanden haben dann übrigens Mitglieder beider Familien sowie Freunde und Bekannte.
„Kienholz – Die Zeichen der Zeit“ heißt die Frankfurter Ausstellung. Versammelt sind Arbeiten aller Größen, von den so genannten „Concept Tableaux“ der 60er Jahre, Texttafeln, die mögliche Werke beschreiben und einen Preis für die Realisierung nennen, bis zu der großen „Ozymandias Parade“, betitelt nach einem Gedicht Shelleys. Mit der „Parade“ ist jeweils eine Umfrage verbunden, in der man mit Ja oder Nein stimmen kann, ob man zufrieden ist mit der eigenen Regierung (www.jajaneinnein.de).
Schirn Kunsthalle Frankfurt: bis 29. Januar. Vom 22. Februar bis 13. Mai wird die Schau in Basel, im Museum Tinguely zu sehen sein. Katalog:
248 Seiten, ca. 150 Abbildungen, 27,80 Euro in der Ausstellung.
www.schirn.de
Die ihren zweiten Standort, wie ursprünglich geplant, in der Schirn haben wird. Dort sollen Koons-Gemälde zu sehen sein – würdig wie Alte Meister präsentiert, an denen entlang das Publikum die lange Galerie durchschreiten soll.
„Sie sehen mich nicht verzweifelt“
Dass die Erweiterung auf eine Doppelausstellung kein großes organisatorisches Problem darstellte, verdankt sich nicht zuletzt der Tatsache, dass Hollein, seit 2001 Schirn-Chef, seit 2006 auch das Städel und das Liebieghaus leitet. Eine mächtige Kunstachse ist da in Frankfurt entstanden, die Hollein im neuen Jahr kräftig bespielen will. In dessen frühem Zentrum wird die Eröffnung des unterirdischen Städel-Neubaus am 25. Februar stehen, die zugleich der Abschluss der mehrjährigen Umbau- und Sanierungsarbeiten in allen Teilen des Hauses ist. Nach dem letzten Stand bei der Finanzierung gefragt – etwa 45 Millionen scheinen zu stehen, von erforderlichen 50 für das gesamte Um- und Neubauprojekt war zuletzt die Rede –, verwies Hollein auf Ende Januar: „Sie sehen mich nicht verzweifelt.“
Nach der großen Claude-Lorrain-Schau, die Anfang Februar noch vor dem Erweiterungsbau eröffnet wird, ist „Die schwarze Romantik“ im Herbst der Ausstellungshöhepunkt des Städeljahres. Ein hoffentlich eigenwilliger Beitrag zu dem Romantik-Schwerpunkt, den der Kulturfonds Frankfurt RheinMain nach dem Erfolg des Expressionismus-Jahres ausgerufen hat. Denn der Traum vom Romantik-Museum in Frankfurt ist längst nicht ausgeträumt.
80. Geburtstag im Februar
Die Schirn Kunsthalle sieht Hollein nicht nur mit Blick auf Jeff Koons vor der publikumswirksamsten und besucherstärksten Saison „vielleicht ihrer Geschichte“. Viel deutlicher als in diesem Jahr (knapp 280.000 Besucher) soll bei der üblichen Doppelbelegung immer eine der beiden Ausstellungen ein „wirklich großes Publikum“ ansprechen. So dass noch vor der Retrospektive des drastischen Amerikaners George Condo die Edvard-Munch-Ausstellung beginnt („ein neuer Blick auch für die, die glauben, schon alles zu kennen und zu wissen“).
Für die meisten Großprojekte haben die Frankfurter europäische Partner gefunden, sodass die Ausstellungen auf Tournee gehen oder schon sind. 450.000 Besucher zählte bisher die Munch-Schau, die derzeit noch im Centre Pompidou in Paris gezeigt wird und nach der Schirn in die Tate Gallery nach London weiterreist. Nur in Frankfurt wird dagegen ab Oktober die große Ausstellung zu dem fabelhaft ansprechenden und völlig zu Unrecht mäßig bekannten Impressionisten und Impressionistenförderer Gustave Caillebotte zu sehen sein. Bevor sich die Schirn in einem Jahr Yoko Ono widmet: Im Februar 2013 feiert sie ihren 80. Geburtstag.
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