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Kunsthalle Bonn: Nadelöhr von der Kunst zur Mode

Amedeo Modigliani hat Frauen gemalt wie kein anderer. Wurde er deswegen so gern gefälscht? Ist er deshalb so populär? In Bonn ist nach langer Zeit eine Werkschau zu sehen. Von Peter Michalzik

Junge Frau mit braunem Haar (Elvira), 1918: Modiglianis Markenzeichen sind die leeren Augen der Porträtierten.
Junge Frau mit braunem Haar (Elvira), 1918: Modiglianis Markenzeichen sind die leeren Augen der Porträtierten.
Foto: Die Galerie, Frankfurt

Amedeo Modigliani ist ein Künstler für das Publikum. Die Kunstgeschichte hat sich wenig bis nicht für ihn interessiert, seine Künstlerkollegen in Paris haben ihn geachtet, ein Weiterleben in der Kunst aber hat Modiglianis vergleichsweise schmales Werk nicht gefunden, er hat weder Schüler noch Nachfolger gehabt. Mit dem Kubismus, dem sich die Pariser Künstlerboheme in den Jahren hingab, als Modigliani in der damaligen Kunstmetropole seine Frauen malte, konnte Modigliani nichts anfangen. Er starb früh, krank, verbraucht, verarmt. Verkannt könnte man sagen, wenn er vorher gekannt worden wäre. Ein typischer Einzelgänger.

Das Publikum bringt Modigliani seitdem außerordentliche Wertschätzung entgegen, er ist populär in einem Sinn wie sonst nur van Gogh. Ein Künstler für alle. Seine schmalen, langhalsigen Frauen kennen selbst Menschen, die sich nicht für Kunst interessieren, sie werden bis heute in der Werbung verwendet, auch wo sie nichts mit Kunst am Hut hat.

Der Misserfolg zu Lebzeiten und die Popularität danach, schnell begannen vor allem englische und amerikanische Sammler nach seinem Tod seine Bilder zu kaufen, stehen in einem merkwürdigen Gegensatz, der aber zu solchen Figuren auf eine mysteriöse Weise dazugehört. Der Ruch des Einzelgängers, der Künstler, der sein Projekt verfolgt, der gegen die damaligen Strömungen der Kunst an seinen Figuren festhält, weil er nicht anders kann - so etwas hat der postumen Reputation noch nie geschadet.

Hinzu kommt Modiglianis trister Tod: 1920 war der 1884 in Livorno Geborene erst 35 Jahre alt. Er starb an Meningitis, die in einem von Tuberkulose, Alkohol, Drogen und auch sonst exzessivem Leben zerrütteten Körper hauste. Seine hochschwangere Geliebte, Jeanne Hébuterne, die Modigliani vielfach porträtiert hatte, folgte ihm einen Tag später durch einen Sprung aus dem Fenster. Es blieb eine 1918 geborene Tochter und ein paar Bilder, Skulpturen und Zeichnungen. 1906 war Modigliani nach Paris gezogen, 1908 bis 1913 hatte er sich vor allem der Plastik gewidmet, erst in den Jahren von 1914 an war er der Maler geworden, der dann später Weltruhm erlangte. Sechs Jahre also für die Ewigkeit.

Es verwundert nicht, dass sich vor allem die Fälscher unter den Künstlern bald für den früh verstorbenen Italiener zu interessieren begannen. Zahlreiche Bilder in Modigliani-Manier sind im Umlauf. Schon Fernand Léger sprach von den Fälschungen. Und schon vor Modiglianis Tod hätten seine Pariser Künstlerfreunde Modiglianis gemalt, berichtet Stefan Koldehoff in einem lesenswerten Katalogbeitrag über das intensive Nachleben der Kunst und des Mythos Modiglianis.

Die Angaben über die Zahl der echten Gemälde schwanken zwischen 350 und 460, auf jedes Gemälde sollen drei, auf jede Zeichnung neun Fälschungen kommen. Die zweifelhaften Duplikate wiederum rufen die Schar der Spezialisten auf den Plan, die sich dann über die kniffligen Echtheitsfragen streiten. Mehrere Werkverzeichnisse konkurrieren: Je mehr Werke ein Experte anerkennt, desto beliebter ist er beim Kunsthandel, und desto mehr Expertisen werden bei ihm angefordert, aber desto größer ist auch die Gefahr, als unseriös zu gelten. In jedem Fall blühen neben dem Handel vor allem die Finten und Lügen, die juristischen Winkelzüge und bösen Unterstellungen.

Dagegen verwundert es außerordentlich, wie selten Modigliani ausgestellt wurde, wohl eine Folge der Authentizitätsprobleme, an denen man sich leicht die Finger verbrennen kann. In den vergangenen Jahrzehnten gab es nur zwei größere Ausstellungen in Deutschland, 1963 in Frankfurt und 1991 in Düsseldorf. Christoph Vitali hat nun die dritte Werkschau in der Bundeskunsthalle in Bonn kuratiert. Diese Ausstellung erscheint wie ein spätes Seitenstück zur Sammlung von Albert C. Barnes, die Vitali im Münchner Haus der Kunst 1995 gezeigt hat. Barnes kaufte 1922 mehrere Modiglianis.

Bleibt die bei solchen Populärkünstlern immer interessante Frage: Was macht diesen enormen Erfolg? Mit kunstgeschichtlichen Kategorien ist er nicht zu erklären. Aber wie sonst? Zunächst ist da, man spürt es in der Bonner Ausstellung sofort, der einfache und direkte Sinn für Schönheit, wie er einem Teil der Klassischen Moderne eigen ist. Nie ist die lichte, leuchtende, lebendige, sommerliche Seite des Daseins deutlicher eingefangen worden als in dieser Zeit, "La joie de vivre" - die Freude am Leben - war der Untertitel der Ausstellung der Barnes-Collection. Diese Freude steckt sogar in den Bildern des Melancholikers Modigliani.

Mit dem Kubismus begann sich die Kunst zu Modiglianis Schaffenszeit aus dem luftigen, bunten Diesseits zu entfernen, genau das war es, was Modigliani an ihm abstieß. Er warf seinen abstrakt malenden Kollegen vor, dass sie glaubten, das Problem der Farbe mit ein paar Grau- und Blautönen gelöst zu haben.

Dann, und das ist für den Erfolg vielleicht noch wichtiger, ist Modigliani der Maler der Frau. Hochkarätige Literaten - Nobelpreisträger J.M.G. Le Clézio, der vor kurzem verstorbene John Updike und John Berger sind mit Aufsätzen im Katalog vertreten - haben sich von dieser Frauenliebe auf nicht sehr geglückte Weise verführen lassen. Da wird hemmungslos über die Frau an sich, über weibliche Archetypen und die wahre Natur der Frau schwadroniert. Nun ja, möchte man da sagen, wahrscheinlich schwärmt jeder so, wie er sie selbst empfindet.

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Autor:  PETER MICHALZIK
Datum:  23 | 4 | 2009
Seiten:  1 2
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