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16. November 2012

Kunstmarkt Berlin: Gipfel der Pragmatiker

 Von Ingeborg Ruthe
Junge Kunst sucht sich in Berlin nicht unbedingt die Weihen des Musealen, sondern mit Vorliebe auch Zwischenräume, die letzten Brachen, Baulücken wie hier 2011 auf dem Schlossplatz die blauen "Friedensschafe" von Rainer Bonk und Bertamaria Reetz. Förderung braucht solche Kreativität dennoch. Foto: Markus WŠchter / Waechter

Keine Berlin-Versionen: Erster großer Dialog zwischen Künstlern und Politikern zur Rettung der Kunstmetropole. Denn die so gepriesene Vielfalt in der deutschen Hauptstadt droht verloren zu gehen.

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Berlin –  

Der König rief und alle kamen. Den Effekt können Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit und seine Senatskulturverwaltung gern verbuchen. Gedrängt aber haben zum bitter nötigen und endlich zustande gekommenen ersten großen Austausch über Wohl und Zukunft der bildenden Kunst in Berlin Künstler und Kulturleute der Stadt schon lange.

Das Haus Podewil in der Klosterstraße war zwei Tage lang voller Künstler, Kunstvermittler, Kulturschaffender und Kulturpolitiker aus Berlin. Es wurde viel und hitzig durcheinandergeredet, aber auch miteinander. Es ging um die Analyse einer Situation, um Berlins Image. Und um Verantwortung.

Denn wenn wir nicht endlich reden und handeln, so der Tenor der Debatten, dann ist es in absehbarer Zeit vorbei mit der so gerühmten Kunstmetropole Berlin. Die Kulturförderung insgesamt – mit 368 Millionen Euro viel höher als in anderen deutschen Städten, wie Kulturstaatssekretär André Schmitz betont – reicht angesichts der Masse an Künstlern hinten und vorne nicht. Gut im Geschäft sind gerade mal drei Prozent. 55 Prozent der Bildkunstschaffenden Berlins – es dürften um die Fünfzehntausend sein – lebt hart an der Armutsgrenze, verdient nur 6000 bis 12000 Euro im Jahr, wird aus luxussanierten Stadtteilen verdrängt. Die so gepriesene Vielfalt Berlins droht verloren zu gehen.

Hitzige, bisweilen aggressive Debatten

Die freie, nicht etablierte Szene, die die Stadt seit dem Fall der Mauer so attraktiv machte, verliert wegen der bislang allein auf maximalen Gewinn orientierten Liegenschaftspolitik des Senats ihre bezahlbaren Arbeitsorte. Künstler ziehen weg, engagierte Galerien und Produzentenräume schließen. Die Schere zwischen der Förderung von Hochkultur und freier Szene wird immer krasser. Und es gibt Großprojekte, die das viele Geld aus öffentlicher Hand nicht wert sind, das sie kosten. Kardinalbeispiel ist die misslungene Berlin Biennale 2012, die am Kunstinteresse und dem Lebensgefühl nicht nur der Berliner vorbeiging. Den Institutionen – Museen, Kunstvereinen, Fördervereinen, landeseigenen Werkstätten und Ausstellungsorten in den Stadtbezirken – werden die Zuschüsse gekürzt. Kein Geld, keine Zuwendung, kein Wertgefühl für die Kunst?

Es gärt gewaltig im großen, disparaten Berliner Künstlervolk. Zu knappe Atelierförderung – in der Innenstadt gingen 700 Ateliers verloren – vermeldet der Atelierbeauftragte des Berufsverbandes Berliner Künstler, zu wenige Ausstellungsmöglichkeiten, kaum mehr Ankäufe durch öffentliche Sammlungen und noch immer keine Ausstellungshonorare. Letztere erhofft sich die Künstlerschaft aus der künftigen City-Tax für Berlin-Touristen. Hinzu kommt das Hickhack um die abgeschaffte Kunstmesse und ihre kürzliche Verwandlung in die Verkaufsschau „abc“, zu der viele Berliner Künstler keinen Zugang finden, weil mächtige Galeristen ihr Interesse eher nach außerhalb richten.

Dieses Szenario also bestimmte die hitzigen, bisweilen aggressiven Debatten über die Situation und die Zukunft der bildenden Kunst in Berlin. „K2“, so der Titel der Dialog-Tagung, parabelhaft nach dem zweithöchsten, schwer zu erklimmenden Gipfel der Erde. 50000 Euro hat die Berliner Kulturverwaltung ausgegeben, eine Kreativ-Agentur – somit löblicherweise die junge Berliner Kulturwirtschaft – mit der Organisation des zweitägigen Treffens betraut. Acht „Sherpas“ – (Kunstexperten als „Bergkundige“) brachten ihre jeweilige Arbeitsgruppe (Seilschaft) zu einem Diskussionsergebnis, zu Vorschlägen und Forderungen an die Kulturpolitik.

Und tatsächlich, der nötige Austausch kam zustande zwischen unzufriedenen Künstlern, Kunstvermittlern, Politikern, Vertretern der Institutionen. Einen groben Webfehler freilich hatte das zarte Dialog-Gespinst: Während die „Sherpas“ für ihre Moderation selbstverständlich gut bezahlt wurden, gingen die eingeladenen freischaffenden Künstler paradoxerweise leer aus – und waren empört. Für sie war kein Honorar vorgesehen.

Der Marktplatz Berlin ist unverzichtbar

Der Dialog war auch ein Lehrstück von Basisdemokratie und Streitkultur. Es ging um die Berliner Kunst-Wurst. Und für insistierenden Debattenstoff sorgte da die Basis-Künstlerinitiative „Haben und Brauchen“, die die freie Kunst-Szenen vertritt. Was aber hat sich bei dieser ersten großen Debatte mit der Kulturpolitik, mit den Vertretern der Kunst-Institutionen herauskristallisiert? Es ist ein Anfang, so die Schlussfolgerung, und der Dialog muss in regelmäßigen Abständen unbürokratisch weitergeführt werden. An den Großveranstaltungen Gallery-Weekend im Frühling und Art-Week mit den Messen im Herbst soll unbedingt festgehalten werden, das wollen alle. Der Marktplatz Berlin ist unverzichtbar.

Zugleich wird desillusioniert festgestellt, dass der einstige Kunstkiez Mitte an den Tourismus verloren ging, es Freiräume nur noch an der Peripherie gibt. Etliche Male wurde beklagt, dass die Visionen fehlen würden. Der allgegenwärtige Pragmatismus hat auch die Kunstszenen erreicht. Und notwendig ist aus Sicht der Künstler und Kunstvermittler endlich die bessere Vernetzung von freier Kunstproduktion mit Institutionen für Ausstellungen, mit Stadtentwicklung und Wirtschaft – wobei die Künstler den Umgang „auf Augenhöhe“ verlangen. An den Senat ergeht die Forderung nach Absicherung der Künstlerförderung und konsequenter Änderung der Liegenschaftspolitik, etwa in Richtung Erbbaurecht.

100 Leute, 100 Meinungen und ein Wunschzettel. So endeten die Debatten. Zwischendurch sprach jemand entnervt von einem „Autisten“-Treffen. Da waren viele erschrocken. Schließlich obsiegte doch das Anliegen, zu klären, was zu tun wäre, damit das Angst-Szenario von der „ausgetrockneten, langweilen – einst so spannenden, frischfrechen, polyzentrischen, kreativen Kunststadt Berlin“ in fünf Jahren nicht Realität wird.

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