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Kunstprojekt: Die digitale Vision

Große Bilder ohne Musik und Sprecherstimme: "ikono TV" ist Fernsehen in seiner reinsten Form. Elizabeth Markevitchs Kultursender aus Berlin erreicht bereits Millionen.

        

Elizabeth Markevitch mit  Nofretete-Projektion.
Elizabeth Markevitch mit Nofretete-Projektion.
Foto: Thomas Nitz

So nahe kommen uns die Bilder in keinem Museum. Haar für Haar werden Botticellis exaltierte Frisuren herangezoomt und die Hautpartien der Renaissance-Damen abgetastet. Wir sehen, wie in Arcimboldos Obstmenschen die Kirschen durch einen einzigen Farbtupfer ihren Glanz erhalten oder sich die feinen Haar-Risse sich in der Großaufnahme als würdevolle Altersspuren der Bild-Epidermis erweisen.

Die Gemälde sind als Ganzes zu erleben und in Ausschnitten, ruhig fährt der Fokus über die Kompositionen, holt hier und dort ein Detail heran, bevor er uns weiter auf seiner Augenreise durch das Kunstwerk nimmt. Cranach, Brueghel, Gauguin, van Gogh, alte islamische Keramik, viele zeitgenössische Künstler, die jedoch bislang eher aus der zweiten und dritten Reihe des Kunstbetriebs stammen: Das alles ist in endloser Abfolge und in bester HD-Qualität anzuschauen.

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Wohltuende Stille

Es ist das reine Sehen, keine penetrante Musik, wie sie in der Fernsehkulturbeiträgen immer so nervt, weder das sonst unvermeidliche Kuratoren-Interview noch die dümmlichen Formulierungen von der „Wucht“ der Bilder oder „irritierenden“ Seherfahrunden. Aber auch keine lauten Besucherführungen oder Rempeleien vor Vitrinen. Wir brauchen nur zu schauen – das ist ein großes Geschenk.

Bei ikono TV lernt man wieder, wie wohltuend Stille sein kann. Fernsehen ist ja nicht nur eine endlos sich ergießende Bilderflut, es ist auch das ständige Knattern und Schnarren von Geräuschen. Eine Ohrenpest, die uns in Fleisch und Blut übergegangen ist und daher von niemandem mehr in Frage gestellt wird.

Damit hat Elizabeth Markevitch radikal gebrochen. Vor fünf Jahren hat die ehemalige Kunsthändlerin ihr Leben umgekrempelt und den Sender ikono TV gegründet, der seit Dezember auch in Deutschland über den Telekom-Entertain-Anschluss zu empfangen ist. „Ich habe mich immer gefragt, warum Kunst eigentlich nicht so populär wie Musik ist“, erklärt Markewitch. Weil Songs immer und überall zu konsumieren und abrufbar sind, lautet ihre Antwort. Das will sie mit der Kunst auch erreichen. Ihr Sender ist sozusagen eine endlose Playlist von Bildern.

Kein Wort, kein Sound

Sehen statt hören, das will Markevitch mit ikono TV ermöglichen. Darum verzichtet sie konsequent auf Sound-Untermalung und jegliche eingesprochenen Erklärungen der Kunstwerke. Die Bilder, Skulpturen, Installationen und Video-Arbeiten sollen für sich selbst sprechen. Im Drei- bis Zehn-Minuten-Takt lösen sie sich ab. Man kann sich konzentriert in die Werke hineinversenken, was eine höchst beruhigende, ja fast schon spirituelle Erfahrung werden kann, wenn man nur lange genug dran bleibt.

Man kann den Sender auch einfach nebenher laufen lassen, sich dabei unterhalten oder eigene Musik hören. Und man kann, während ikono TV läuft, den Flachbildfernseher als einen virtuellen Bilderrahmen begreifen, in dem die Kunstwerke in Bewegung geraten oder von der herumfahrenden Kamera autopsiert werden. Das digitale Abbild des Bildes ersetzt den Ölschinken überm Sofa.

Bis Dezember war ikono TV permanent nur über Arabsat zu sehen. Die dort gesendete Version ikono Menasa muss für das islamisch Publikum einige Beschränkungen in Kauf nehmen; das räumt Markevitch freimütig ein. Explizit Sexuelles ist tabu, ebenso müssen politische und religiöse Provokationen entfallen. Arabsat erreicht 16,5 Millionen Haushalte zwischen Lissabon und Mekka, 150 000 bis 300 000 davon schalten den Kunstsender täglich ein.

Studio im Prenzlauer Berg

Produziert wird – mit insgesamt 24 Mitarbeitern – im ikono-Studio Prenzlauer Berg, von dort läuft alles über Zwischenstationen in Paris und Madrid in den Mittelmeerraum. So funktioniert das heute: von der Greifswalder Allee über die iberische Halbinsel nach Kairo. In Berlin können nur zwei bis drei Meter breite Satellitenschüsseln ikono Menasa empfangen.

Wer ist die Frau, die sich das ausgedacht hat? Sie kam in Frankreich als Tochter eines ukrainischstämmigen Cellisten zur Welt, ihr Onkel war der Dirigent und Komponist Igor Markevitch. Sie lebte lange in der Schweiz, deren Pass sie besitzt, aber auch in London und anderen europäischen Städten.

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Autor:  Sebastian Preuss
Datum:  30 | 1 | 2012
Seiten:  1 2
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