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23. März 2016

Kunstszene : Max Hollein verlässt Frankfurt

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Hier noch definitiv in Frankfurt: Direktor Max Hollein im Städel vor Johann Heinrich Wilhelm Tischbeins „Goethe in der Campagna“.  Foto: dpa

Max Hollein hat Städel-Museum, Liebieghaus und Schirn Kunsthalle neu aufgestellt und Frankfurts Kunstszene über Jahre geprägt – jetzt geht er wieder in die USA. Ein großer Verlust nicht nur für die deutsche Kunstszene.

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Es ist ein großer Verlust – für die deutsche, wohl auch die europäische Kunstszene. Max Hollein, der seit 2006 in Personalunion das Städel-Museum, das Liebieghaus und die Schirn Kunsthalle in Frankfurt geführt hat, wechselt in die USA. Der Österreicher wird bereits am 1. Juni 2016 als neuer Direktor der Fine Arts Museums in San Francisco übernehmen.

Tatsächlich kann weder die Tatsache dieses Wechsels überraschen noch der Zeitpunkt. Er ruft nur ins Gedächtnis, dass der gebürtige Wiener erst 46 Jahre ist. Das ist in der Museumsszene ein geradezu jugendliches Alter. Und es war stets offenkundig, dass der international erfahrene Kurator seine Arbeit nicht in Frankfurt beschließen würde. Ein Bonmot besagt, dass über seinen Weggang zum ersten Mal 2004 spekuliert wurde – drei Jahre nachdem der jugendliche Mann sein Amt als Chef der Schirn Kunsthalle angetreten hatte.

Hollein hat mit unglaublicher Dynamik in die fünfzehn Jahre seines Wirkens in Frankfurt zusammengedrängt, was anderen zu einem Lebenswerk gereichte. Er hat alle drei Häuser, die ihm anvertraut worden sind, ganz neu aufgestellt. Inhaltlich zum Ersten. Beim Städel gelang es ihm aber auch, die größte bauliche Erweiterung und Sanierung in der 200-jährigen Geschichte des Museums durchzusetzen. Die Sammlungsbereiche Alte Meister und Kunst der Moderne wurden bis Ende 2011 renoviert. Im Februar 2012 folgte die Eröffnung der unterirdischen Gartenhallen nach dem Entwurf des Architekturbüros Schneider+Schumacher – ein heller und lichter Bau, dessen 3000 Quadratmeter Ausstellungsfläche eine überwältigende Raumwirkung entfalten. Dort lässt sich die Gegenwartskunst ganz neu erfahren. Die dortige Ausstellung „atmet“, das heißt, ihre Stücke werden von Zeit zu Zeit zum Teil ausgetauscht und immer neu zusammengestellt.

Mit den Gartenhallen hat der Museumsdirektor Hollein sicherlich sein Meisterstück vollbracht. Dieses Projekt entfaltete sein ganzes Talent als begnadeter Werber und Geldsammler. Denn Sanierung und Erweiterung verschlangen nicht weniger als 52 Millionen Euro. Und nur die Hälfte davon konnte von der öffentlichen Hand aufgebracht werden. Die anderen 50 Prozent sammelte das Städel von privaten Geldgebern ein. Dafür entwarf das Museum eine gewaltige Benefizkampagne mit identitätsstiftenden Merkmalen wie etwa gelben Gummistiefeln, in denen plötzlich die Prominenz aus nah und fern herumlief.

Hollein hat das Sponsoring bei allen drei ihm anvertrauten Häusern grundlegend verändert und dynamisiert. Das brachte ihm prompt viel Kritik von anderen Museumsschaffenden ein. Sie wurde stets hinter vorgehaltener Hand vorgebracht und ließ sich so zusammenfassen: Der Mann gräbt uns das Wasser ab.

Hollein ließ diese Kritik stets lächelnd an sich abperlen. In vollendeter Höflichkeit pflegte er darauf hinzuweisen, dass es schließlich der Museumsszene insgesamt nutze, wenn er ihr neue Geldquellen erschließe. Unter den betont höflichen Umgangsformen des fein gekleideten Kulturmanagers schimmert jedoch immer eine gewisse Härte durch. Er ist verbindlich, auch selbstironisch im Gespräch – doch von seinem Weg lässt er sich nicht abbringen.

Netz von Mäzenen

Der junge Kurator hatte in den USA gelernt und von dort Methoden des Sponsorings und der Werbung auf seine Frankfurter Häuser übertragen. Er war am Solomon R. Guggenheim Museum in den 90er Jahren „Executive Assistant“ des Direktors Thomas Krens gewesen, danach „Chief of Staff“ und „Manager of European Relations“ – zuständig auch für die Kontakte zu den privaten Unterstützern.

Um das Städel-Museum insbesondere baute er ein Netz von Mäzenen auf, die das Haus mit großzügigen Schenkungen bedachten. Tatsächlich gelang es, die Sammlung des Hauses beträchtlich zu erweitern. Allein zwischen 2006 und 2012 kamen rund 1200 Werke neu ins Haus.

Der baulichen Erweiterung folgte zuletzt die digitale. Mit Online-Spielen und App-Games versucht das Museum, sich ein ganz neues, jugendliches Publikum zu erschließen. Eine digitale Exponateplattform ermöglicht den Online-Zugang zu den Werken der Sammlung.

Insbesondere am Städel, aber auch an der Kunsthalle Schirn, baute der Direktor Teams von jungen Kuratoren auf. Sie haben wesentlichen Anteil an der inhaltlichen Erneuerung der Häuser.

Mit ihnen zusammen entwickelte der Reformer Hollein ganz neue Programme für Städel, Liebieghaus und Schirn. Gerade am altehrwürdigen Städel-Museum gelang ihm eine Balance zwischen den großen Retrospektiven, die Hunderttausende von Menschen aus nah und fern anlockten, und den intimen Kabinettausstellungen.

Mit 432 112 Besuchern wurde die Sonderausstellung „Monet und die Geburt des Impressionismus“ im vergangenen Jahr die erfolgreichste Schau in der langen Geschichte des Hauses. Große Publikumserfolge waren aber auch Ausstellungen zu Dürer, Cranach dem Älteren, Ernst Ludwig Kirchner, Max Beckmann in Amerika oder zur „Schwarzen Romantik“. Diese Schau spannte nicht nur einen Bogen zwischen den düsteren Radierungen Goyas zu Beginn des 19. Jahrhunderts und den Fantasien von Max Ernst Anfang des 20. Jahrhunderts, sie integrierte auch Spielfilme und andere künstlerische Elemente. Den großen Panoramen gegenüber standen kleine Würdigungen etwa von Martin Kippenberger bis Wilhelm Lehmbruck.

Buchstäblich neues Licht brachte die Ära Hollein für die traditionsreiche Skulpturensammlung im Liebieghaus. Von 2008 an gab es für die Räume ein neues Farb- und Beleuchtungskonzept. Auch inhaltlich öffnete sich das Haus. Am radikalsten, als 2012 moderne Plastiken von Jeff Koons zwischen die klassischen Skulpturen des alten Griechenlands einzogen. Traditionalisten rümpften die Nase, das Liebieghaus konnte auf einen Besucherrekord verweisen.

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Die Schirn Kunsthalle konnte der Direktor in den Jahren seit 2001 als Institution von europäischem Rang etablieren. Und das obwohl das Haus bis heute nicht über eine eigene Sammlung verfügt. Die Schirn kann sich unter anderem etwas darauf zugutehalten, die früher gering geschätzte Rolle der Künstlerinnen im 19. und 20. Jahrhundert neu beleuchtet zu haben. Etwa durch Ausstellungen wie die „Impressionistinnen“ oder zuletzt die „Sturmfrauen“ über die Berliner Avantgarde-gruppe. Zahlreiche Ausstellungen untersuchen das gesellschaftliche Umfeld der Kunst, von „Shopping – 100 Jahre Kunst und Konsum“ bis hin zu „Traumfabrik Kommunismus“.

Max Hollein hat sehr viel erreicht in den zurückliegenden Jahren. Und es hätte, wie er selbst sagt, „auch so weitergehen können“. Alle drei von ihm geführten Häuser seien „in hervorragendem Zustand“.

„Stets neue Ziele“

Doch einfach zu verharren, wenn auch auf hohem Niveau, das entspräche nicht dem Naturell des Kurators. Er sucht jetzt, wie er bündig sagt, „eine neue Herausforderung in einem ganz neuen Kulturkreis“. Der so neu für ihn nicht ist, denn die US-amerikanische Museumsszene ist ihm natürlich vertraut und er hat den Kontakt in die USA nie abreißen lassen. An den Fine Arts Museums of San Francisco, den am vierthäufigsten besuchten Kunstmuseen der USA, erhält der Reformer jetzt die Chance, sich noch einmal neu zu beweisen. Hollein wäre nicht Hollein, hätte er nicht den Ehrgeiz, die Institution an die Spitze der amerikanischen Kunstmuseen zu führen.

Nach Frankfurt ist der Sohn des Architekten Hans Hollein seinerzeit „nicht mit einem festen Programm gekommen“, wie er in der Erinnerung sagt. Er habe sich schlicht „stets neue Ziele gesetzt“. Und genau das tut er jetzt auch. Aus Frankfurt bleibt ihm „das große Engagement der Bürgerschaft“ in Erinnerung, das ihn getragen habe. Die Dynamik des Übergangs, der rasche Wechsel nach San Francisco: Sie sind amerikanisch und entsprechen Max Hollein sehr. Zum Abschied empfiehlt er, die von ihm geführten Häuser auch künftig in einer Hand zu behalten. „Das war von großem Vorteil.“ Ihn zu ersetzen, wird eine große Herausforderung.

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