Beim späten László Moholy-Nagy explodieren die Farben. Der Konstruktivismus hat der Expression Platz gemacht. Aber geblieben ist die gute Laune, das Lebensbejahende von fast allem, das László Moholy-Nagy (1895 bis 1946) geschaffen hat.
Die ihm gewidmete Retrospektive mit mehr als 170 Exponaten in der Frankfurter Schirn wäre ein einziges Fest. Wäre da nicht der Konstruktivismus. Dieses Überangebot an Rechtecken und Kreisen. Wären da nicht die unsichtbaren Begleiter dieser Ausstellung: Lineal, Zirkel und Schere. So schön sie im Einzelnen sind, so austauschbar scheinen sie auch.
Wer freilich näher hinsieht, der entdeckt mitten in den ermüdenden Freuden der Mechanik László Moholy-Nagys "Selbstveränderungsdrang". Der Betrachter, der ihn erspürt hat, wird mobilisiert, aufzuhören mit dem Danebenstehen, mit der Klugscheißerei. Die rastlose Betriebsamkeit, die unbändige Lust, mit der der aus Ungarn stammende Bauhaus-Künstler, sich auf fast jedes Medium stürzte, kein Material unbearbeitet ließ und immer wieder die hehren Grenzen von high and low - scheinbar mühelos - übersprang, schüchtert nicht etwa ein. Sie ist ansteckend.
Wer nicht gerne im Museum steht und einen Film anschaut, der soll diese Abneigung ein paar Minuten lang überwinden. László Moholy-Nagys Film "Berliner Stilleben" aus dem Jahre 1931 lohnt das sehr. Hier begreift auch der, den der Konstruktivismus schnell langweilt, worum es geht.
László Moholy-Nagy betrachtet hier das proletarische Leben im vierten Hinterhof eines Berliner Mietshauses, die exzentrischen Tanzschritte einer zum Grammophon tanzenden Bettlerin, spielende Kinder und durch die Straßen eilende Erwachsene mit der gleichen Faszination wie das zum abstrakten Schwarz-Weiß geronnene Bild der Pflastersteine.
Es sind eben die kleinen Steine, mit denen die Straßenschlachten der Weimarer Republik geschlagen wurden. In László Moholy-Nagys Abstraktionen wird nicht wie bei Kandinsky das Größte und Allgemeinste gefeiert, sondern der schöne Schrecken seiner Gegenwart.
Moholy-Nagy sieht die Schönheit in den Gesichtern der Menschen so gut wie in denen der Häuser. Wenn er Brandmauern zeigt, so zeigt er sie, wie sie sind. Zugleich aber zeigt er sie, wie sie - im rechten Licht betrachtet - eben auch sind. Das ist seine eigentliche Arbeit, die freilich ganz sichtbar auch sein Vergnügen ist: Das Ins-rechte-Licht-Setzen.
Das Licht war von Anfang an und blieb bis zum Ende sein Thema. 1928 plädierte er für Licht- statt Bildgestaltung. Der Weg zum Fotogramm war da nur konsequent. Seine allerletzten Arbeiten machen nichts anderes, als Licht in der Bewegung festzuhalten. Ganz anders seine Ölmalerei. Ein Foto zeigt ihn in seinem Atelier an der Staffelei. Schönstes Oberlicht. Dabei hat er das für seine Gemälde in den Weimarer Jahren nicht gebraucht. Er brauchte es für sich.
Dem flüchtigen Betrachter erscheint László Moholy-Nagy wie eines jener von Alison Gopnik so anschaulich beschriebenen Babys, die als kleine Philosophen scheinbar spielerisch nach allem greifen, alles ausprobieren, mit allem experimentieren aus einer unbändigen Neugierde heraus. Sie wollen wissen, was ist.
László Moholy-Nagy hatte sich viel von der Schaffens- und Zerstörungslust des Kindes bewahrt. Aber mehr noch als das, was ist, interessierte ihn, was sein könnte. Gehen Sie noch einmal "Berliner Stilleben" gucken! Wie viele Totalen sind in dem Film! Wie oft steigt der Kameramann ganz nach oben, um ja den kompletten Überblick zu haben!
László Moholy-Nagy ging es nicht um funktionales Bauen, nicht um ein neues Design oder eine neue Kunst. Ihm ging es ums Ganze. Aber nicht ums abstrakte Ganze, sondern um das Ganze in all seinen Teilen. Darum hat er keine Begriffe gemalt, sondern alles ausprobiert vom Papier bis zum Plexiglas. Er hat Techniken ausprobiert, die das künstlerische Subjekt verschwinden lassen, und er hat die Subjektivität des Künstlers gefeiert. Nicht aus Freude am Widerspruch, sondern weil er wusste, dass, wer das Ganze revolutionieren will, die Teile befreien muss. Erst der Blick für das Einzelne - in immer neuer Beleuchtung - schafft Aufklärung.
Das Licht, das Klarheit schafft, verzaubert auch. Darum konnte László Moholy-Nagy schreiben: "Es ist meine Überzeugung, dass mathematisch-harmonische Formen, exakt ausgeführt, voll von emotionaler Qualität sind und dass sie ein perfektes Gleichgewicht zwischen Gefühl und Intellekt herstellen." Das war seine Utopie mitten in den barbarischsten Jahren des 20. Jahrhunderts.
Schirn Kunsthalle, Frankfurt: bis 7. Februar 2010. Katalog (Prestel) für 29,90 Euro. www.schirn.de
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