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25. Februar 2012

Lambchop: Es ist gar nicht schwer, von Liebe zu singen

 Von Markus Schneider
Kurt Wagner von Lambchop am Donnerstagabend beim Konzert im Berliner Babylon-Kino. Foto: dapd

Lambchop sind mit ihrem neuen Album „Mr. M“ auf Deutschland-Tournee. Nach elf Platten und 18 Jahren kann Kurt Wagner nun endlich das Wort Liebe singen.

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Elf Platten und 18 Jahre, so heißt es, musste Kurt Wagner mit Lambchop unterwegs sein, um erstmals das Wort Liebe zu singen. Wir haben es nicht nachgeprüft, aber wenn es stimmt, wäre es ihm für dieses erste Mal, in den letzten Worten des neuen Albums „Mr. M“, sehr einfühlsam und überzeugend gelungen. So wie im übrigen auch das ganze dazugehörige Album, das zweifellos zu den besten seiner Band gehört und daher mit gutem Grund zur Gänze beim Start ihrer Deutschland-Tournee am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurde.

Die Unterschiede zu den vorangegangenen Platten halten sich freilich in Grenzen. Wenn man die bis zur Reglosigkeit ruhigen, dabei hochmelodischen Songs Wagners mag, wird man kein schlechtes Album finden. Mit seiner mittlerweile recht stabilen Besetzung hat er über die Jahre einen enorm diskreten, zerbrechlichen Ton entwickelt, zu dem neben seiner samtigen, oft zitternd kippenden Stimme der skrupulöse Umgang mit großen Worten gut passt.

Im wesentlichen handelt es sich dabei um eine warme 70er-Country-Basis, die durch Einflüsse aus amerikanischem Bar- und Lounge-Pop elegant verfeinert ist. So beginnt nun „Mr. M“ mit einer beinahe disneyesken, raumgreifenden Streicherkadenz, bevor Wagner mit einem schmelzenden „Don’t know what the fuck they’re talking about“ einsetzt – und den lyrischen Bogen des Albums auf diese Weise ziemlich nachdrücklich zwischen zwei Kraftausdrücke spannt.

Zwar ohne Streicher, aber nicht weniger effektiv beginnt er damit auch das Konzert. Die dramatisierenden Arrangements verstärken auf dem Album die Nähe zur Songklassik eines Burt Bacharach. Im Konzert kann man dafür deutlicher die Country-Tradition hören, vor allem der sogennanten Outlaws wie Johnny Cash, Waylon Jennings oder Willie Nelson. An Nelsons großartige Interpretationen aus dem American Songbook wiederum erinnert Wagners eigener handwerklicher Ansatz nicht selten, etwa wenn er sich im Zugabenstück „My Blue Wave“ deutlich an „Moonlight in Vermont“ anlehnt.

Mit Hillbilly-Seligkeit hat Wagner denn auch so wenig zu tun wie mit dem Schlagerkleister, den das Country-Establishment seiner Heimat Nashville in den 60ern über die Musik zu streichen begann. Auf der Bühne gibt der Mittfünfziger den Südstaaten-Gentleman, mit weich fließendem Akzent und warmer Höflichkeit, der entspannt mit dem Publikum scherzt und freundlich seinen Pianisten zu eher erratischen Ansprachen ermuntert.

Zurückhaltend und kontrolliert schreibt er auch seine Songs. „Mr. M“ ist dem Andenken des Freundes und ästhetisch verwandten Songschreibers Vic Chesnutt gewidmet, der sich vor etwas mehr als zwei Jahren umgebracht hat. Man könnte wohl zum Beispiel das Titelstück als eine Erinnerung an den toten Freund verstehen, der seit einem Unfall in den Achtzigerjahren teilweise gelähmt war und seither mit Schmerzen und suizidalen Ideen kämpfte. Andererseits pflegt Wagner seit je ein prinzipielles Dunkelblau als atmosphärischen Grundton, und noch wo seine Texte konkret klingen, öffnet er sie schnell ins impressionistisch Offene und lässt seine Andeutungen im Raum hängen.

Manchmal greift er dabei auf höchst raffinierte Weise die Motive seines Genres auf. In „Buttons“, einem der besten Songs von „Mr. M“, beschimpft er einen ehemaligen Weggefährten und Frauenprügler: „Das Fett hat deinen Kopf zu einer Blase aufgeschwemmt, aber deine Knopfaugen sind braun und nicht grün und blau wie ihre“; mit „The Good Life is Wasted on Me“ zitiert er jene Nächte, in denen einen selbst die Flasche im Stich lässt, und in „Nice Without Mercy“ singt er von „pastoraler Pracht“, „Himmeln wie Bonbons“ und „einem Wind, der meinen Namen nicht kennt“.

Daher wünscht man sich zwischendurch, wenn man so im Plüsch der Sessel kauert und die gedämpften Farben des Bühnensamts betrachtet, schon, dass er vielleicht entsprechend das Tempo mal ein wenig Outlaw-mäßig anziehen möge. Als es jedoch tatsächlich am Ende kurz geschieht, ist man beinahe enttäuscht. Weil nämlich Wagners bezaubernde Wirkung gerade aus der tragischen Illusion entsteht, man habe für die tollen Momente im Leben unendlich viel Zeit.

Lambchop: Mr. M (City Slang/Universal; Konzert in Frankfurt: 10. 3., Union-Halle

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