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Lars von Triers "Antichrist": Im tiefen Tal der Superhexen

Lars von Trier gibt sich nie mit halben Sachen zufrieden. In "Antichrist" ist selbst eheliche Sexualität von Übel und wird mit dem tödlichen Fenstersturz eines Kleinkinds bestraft. Exploitationkino vom Feinsten. ( mit Video)

Charlotte Gainsbourg und William Dafoe beim verhängnisvollen ehelichen Beischlaf.
Charlotte Gainsbourg und William Dafoe beim verhängnisvollen ehelichen Beischlaf.
Foto: mfi

Beim Filmfestival in Cannes ließ Lars von Trier ein schriftliches "Geständnis" an die Weltpresse verteilen, in dem er berichtete, wie ihm sein neuer Film über die tiefste Schaffenskrise seines Lebens hinweggeholfen hat. Für seine zahlreichen Verächter mag das schon Grund genug gewesen sein, das Werk zu verfluchen, zumal die leise Hoffnung, von Trier selbst sei Gegenstand des Films, mit den ersten Einstellungen verfliegt.

In krakeliger Handschrift steht "Antichrist" auf der Leinwand, mit dem Symbol der Weiblichkeit anstelle des letzten Buchstabens. Der Teufel ist also nicht in den dänischen Regisseur gefahren, sondern steckt da, wo er in der männlichen Fantasie seit Urzeiten zu Hause ist: im weiblichen Leib.

Man konnte Lars von Trier noch nie vorwerfen, dass er sich mit halben Sachen zufrieden gibt. In "Antichrist" ist selbst die eheliche Sexualität von Übel und wird mit dem tödlichen Fenstersturz eines Kleinkinds bestraft. Zur Musik von Georg Friedrich Händels "Lascia ch’io pianga" schläft sich ein Paar in ekstatischer Zeitlupe durch die halbe Wohnung, während ihr Sohn unbemerkt aus seinem Laufstall krabbelt und pünktlich zum Orgasmus auf’s Pflaster der romantisch verschneiten Straße schlägt.

Antichrist, Trailer. Dänemark/Deutschland/Frankreich/Italien/Schweden 2009

Gefilmt ist diese Parallelmontage so opulent wie eine Parfümreklame, wobei der kleine Ausreißer auf dem Weg ins Verhängnis noch schnell der Freudschen Urszene beiwohnt und damit das erste Ironiesignal ins Bild setzt.

Auf das Vorspiel folgt die Trauerarbeit: Die von Schuldgefühlen überwältigte Frau (Charlotte Gainsbourg) liegt in der Psychiatrie, der Mann (Willem Dafoe), selbst Psychotherapeut, beschließt, dass er seiner Gattin besser über ihre Angstzustände hinweghelfen kann als der junge Klinikarzt. Sie fahren in eine einsame Waldhütte mit dem sprechenden Namen "Eden", wo die Natur in märchenhafter Symbolblüte steht und die Frau zuvor vergeblich versuchte, eine Doktorarbeit über die Geschichte der Hexenverfolgungen zu schreiben.

Das Chaos regiert, prophezeit ein digital animierter Fuchs, während der Mann verzweifelt um die nötige Distanz zu seiner Patientin ringt. Nur beim Regisseur Lars von Trier herrscht schönste Ordnung: Die Vernunft kämpft gegen die Irrationalität, Ratio steht gegen Natur, das männliche gegen das weibliche Prinzip.

Weil das ein unglaublich alter Hut ist, steckt ihm von Trier die bunten Federn des pornografischen Horrorkinos an. Langsam kriecht das Unheil ins Paradies: Der Mann entdeckt, dass seine Frau ihrem Sohn die Schuhe über Wochen seitenverkehrt anzog und bei ihren Forschungen offenbar zu dem Schluss kam, die mittelalterlichen Hexenverfolgungen seien gerechtfertigt gewesen. Bei nächster Gelegenheit zerschmettert die Frau ihrem Mann beim unfreiwilligen Liebesspiel die Hoden; den Bewusstlosen lässt sie noch Blut ejakulieren, durchbohrt ihm das Bein und schraubt schließlich einen Schleifstein an seinem Schienbein fest.

"Antichrist" ist also beides: Chronik einer grotesk fehlgeschlagenen Fremdtherapie und Zeugnis einer gelungenen Selbstheilung. Lars von Trier wird nicht müde zu betonen, dass er die Dunkelheit einer Depression durchwanderte - bis ihm anscheinend das Exploitationkino den Ausweg wies. Im tiefen Tal der Superhexen rüsten sich Mann und Frau zum finalen Geschlechterkampf, wobei wie immer bei von Trier die wahren Kombattanten Ironie und Pathos sind.

Die Frage, ob man das Ganze ernst nehmen kann, ist im Grunde müßig, die Frage, warum man diese blutige Prüfung über sich ergehen lassen soll, hingegen nicht. Seit Jahren ist der große Däne der gewiefteste Spielverderber, den das Gegenwartskino zu bieten hat, ein Agent provocateur, der seine Klaviatur meisterhaft beherrscht und die klassischen Erzählformen zerbricht, weil er auf paradoxe Weise an die Macht der Bilder glaubt. Sein Seelenleben braucht uns deswegen nicht zu interessieren. Aber wie er mit stiller Konsequenz immer wieder ein Gefühlsinferno entfacht, macht ihm so schnell keiner nach.

Antichrist, Regie: Lars von Trier, Dänemark/Deutschland 2009, 108 Minuten.

Autor:  Michael Kohler
Datum:  9 | 9 | 2009
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