Und wieder ist Silvester. In einer planetarischen Versammlung tritt die Menschheit an zum feuchtfröhlichen Schwur. Nicht etwa, um einer heidnischen Marotte zu folgen und mit viel Lärm böse Geister zu vertreiben.
Vielmehr um sich einer gigantischen Verschwendung hinzugeben, als herrschte grenzenloser Überfluss: an guter Laune, gutem Essen, guten Knallern, Drogen und Vorsätzen. An keinem anderen Tag im Jahr wird so zweckfrei und so rückhaltlos gefeiert.
Die Spaßferne unseres Tuns
Wahrlich eine konkrete Utopie, wenn auch mit deutlich unausgeglichener Energiebilanz. Schließlich steht dem kurzen Moment ausgelassener Schlaraffenlandhaftigkeit eine lange, entbehrungsreiche Zeit gegenüber.
Die nämliche Schieflage zwischen euphorischer Entladung und qualvoller Entsagung ist vor allem psychosozial bedeutsam und erklärt die allgemein bekannte lohnerwerbsbedingte Ganzjahresverkaterung. Sie tritt unter vielen Namen in Erscheinung, zurzeit wird sie als Burn-out angesprochen.
Womit nicht fehlender Leistungswille, sondern abhanden gekommene Leistungslust gemeint ist: In der anhaltenden Spaßferne unseres Tuns liegt das eigentliche Übel. Ihm soll und darf offenbar nicht abgeholfen werden. Stressfluchten wie Urlaub oder Kur verlängern nur die Qual – in ihrer jugendkulturellen Variante als Flatrate-Saufen etwa in mallorquinischen Billigdestinationen.
Ohne Konsum ist alles nichts
Doch gibt es eine Alternative: Las Vegas. Hier ist jeden Tag Silvester. In der amerikanischen Wüstenstadt wurde die konkrete Utopie des so zweckfreien wie rückhaltlosen Feierns aus ihrem nur wenige Stunden währenden Jahresendgefängnis befreit und auf Dauer gestellt. Auch rein äußerlich: Die unerlässliche Feuerwerkerei erleuchtet den Abendhimmel in schöner Regelmäßigkeit und fordert die Menschen auf, die Party immer weiter gehen zu lassen. Dabei erscheinen die pyrotechnischen, aber auch neonelektrischen Farbenfeuer wie avantgardistische Brandsätze. Als grandioses Glaubenspropagandatheater leuchten sie in eine bessere Zukunft, und die verheißt den unbedingten Konsum.
Ohne Konsum ist alles nichts. Der Verzehr oder Verbrauch von Gütern und die Teilnahme am Marktgeschehen müssen keine Zumutung sein. Und schon gar nicht kompensatorischer Tribut an die Endlichkeit des Menschen.
Dessen Majestät liegt vielmehr in der freiwilligen Unterwerfung: Man darf nicht kaufen müssen, sondern muss kaufen wollen. Anders gesagt, die Majestät des Menschen liegt im unbekümmerten Schuldenmachen. Der Slogan „Geiz ist geil“ ist viel zu klein gedacht. In etwa so, wie vor einiger Zeit der Karlsruher Philosoph Peter Sloterdijk bei seinem fiskalpolitischen Amoklauf viel zu klein dachte, als er glaubte, die Deutschen zu Großzügigkeitsmenschen umerziehen zu müssen.
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