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Leichenschändung in Afghanistan: Entmenschlichung noch im Tod

Die Vereinigten Staaten diskutieren die Leichenschändung in Afghanistan: Auch mit Bezug auf die die Verbrechen von Abu Ghoreib.

Inszenierung für die Kamera: US-Soldaten schänden Leichen.
Inszenierung für die Kamera: US-Soldaten schänden Leichen.
Foto: AFP

Wenige Wochen, nachdem vor rund sieben Jahren die Fotos misshandelter Gefangener aus Abu Ghoreib im Internet auftauchten, war in der Zeitschrift New Yorker eine überaus hellsichtige Analyse des Vorgangs von Seymour Hersh zu lesen. Hersh tat darin vor allem eines: Er lenkte die Aufmerksamkeit von den Taten, die auf den Fotos zu sehen waren, auf die Tatsache, dass sie nicht nur vor, sondern für die Kamera begangen wurden. „Das Fotografieren der Gefangenen“, schrieb Hersh, „war nicht zufällig, sondern Teil des Prozesses der Entmenschlichung.“

Diese Lesart der damaligen Vorfälle hat sich seither in jeder ernsthaften Diskussion darüber festgesetzt. Bei den Menschenpyramiden oder dem ikonischen Foto eines Häftlings mit einer Ku-Klux-Klan-Kapuze auf einem Pappkarton handelte es sich um Inszenierungen, um ein Spektakel der Erniedrigung. Ohne die Fotografien wären die Folterungen nicht annähernd so wirksam gewesen.

Bei dem YouTube-Video von US-Soldaten, die Leichen gefallener Taliban schänden, wurde bislang, wie zunächst auch im Anschluss an die Verbrechen von Abu Ghoreib, vorwiegend über den Inhalt des Clips geredet. Dabei handelt es sich erneut um eine Inszenierung für die Kamera. Der Sinn des Verhaltens der Soldaten war es, Bilder zu produzieren, Bilder, die der Welt zeigen, was sie von ihren Feinden halten.

Viele Kommentatoren der Fotos aus Abu Ghoreib haben bemerkt, dass diese Technik eine lange Tradition in den USA hat. Die Fotos wurden mit dem Lynchen von Schwarzen im Süden der USA verglichen. Es waren Gelegenheiten, zu denen Massen zusammenströmten, im Anschluss an den Mord ließen sich die Henker grinsend mit den baumelnden Leichen ablichten. Sie wurden zum Teil verstümmelt, man steckte ihnen abgeschnittene Genitalien in den Mund. Die Fotografien der im Tod bloßgestellten Opfer und ihrer feixenden Täter wurden zu Postkarten verarbeitet und in Schaufenstern ausgestellt.

Dokumente eines verunsicherten Imperiums

Die Fotografie, bemerkte die Kulturwissenschaftlerin Hazel Carby damals, war schon immer ein Instrument des Kolonialismus. Sie verstärkte um ein Vielfaches die Botschaft einer Misshandlung oder Exekution, wonach die Subjekte nämlich Kreaturen ohne Rechte sind, und dass ihresgleichen, als „Untermenschen“ denunziert und zum Freiwild erklärt, jederzeit das Gleiche droht. Fotos waren schon immer ein wirkungsvolles Instrument der Unterdrückung und der Festigung der eigenen Macht.
Die urinierenden Soldaten in Afghanistan wollten die gleiche Botschaft übermitteln. Das Video sollte den Menschen zu Hause, ja auf der ganzen Welt zeigen, dass sie ihre Feinde nicht für Menschen halten. Sie sind in ihren Augen, wie der Irak-Veteran Chris Kyle, ein Scharfschütze wie die Youtube-Soldaten, soeben in seinen Memoiren schrieb, „wilde Bestien“, die nichts Besseres verdienen als den Tod.

Das Bedürfnis, ein solches Video überhaupt erst zu produzieren und ins Internet zu stellen, scheint indes aus einer tiefen Verunsicherung zu kommen. In den USA, der Heimat der Täter, wurde von Anfang an über Sinn und Zweck des Krieges diskutiert. Die Legitimität des Einsatzes ist von allen Seiten infrage gestellt worden. Gut und Böse scheinen, zumal aus Täterperspektive, schon lange nicht mehr eindeutig zu unterscheiden.

So beklagt sich Chris Kyle in seinen Memoiren seitenlang über die Absurdität, dass er sich vor jedem Todesschuss nach allen Seiten absichern musste, dass er sich fragen musste, ob eine Gefechtssituation gemäß des Regelwerks bestand. Im Anschluss sah er sich genötigt, ein Formular ausfüllen, „damit die da oben sich gegen die Angriffe von Politikern absichern können.“ Für ihn war das Unfug, das waren in seinen Augen schließlich Teufel und er legte immer eher einen Menschen zu viel um, als einen zu wenig.
Eine weitere Stufe der Delegitimierung war für die US-Soldaten im Nahen Osten sicher das Wikileaks-Video, in dem gezeigt wurde, wie US-Soldaten in Bagdad aus einem Helikopter wahllos und kaltblütig Zivilisten, darunter Journalisten, niedermähen.

Wie auch Wikileaks haben die Soldaten die militärische Kontrolle des Bilderstroms aus den Kriegsgebieten durchbrochen und sich ihre eigene brutale Botschaft angemaßt. Die Videos dokumentieren den Exzess ebenso wie die Verunsicherung Einzelner, die versuchen, durch die Kraft der Bilder sich ihrer Form der Kriegsführung und Enthemmung zu versichern.

Obendrein aber sind die Bilder der Erniedrigung und Totenschändung Dokumente eines verunsicherten Imperiums. So, wie die Postkarten der Lynch-Morde Dokumente eines verunsicherten weißen Apartheidsregimes im amerikanischen Süden nach dem verlorenen Bürgerkrieg waren. Es war, und das lässt dann doch hoffen, ein Regime in seinen letzten Zügen.

Autor:  Sebastian Moll
Datum:  17 | 1 | 2012
Kommentare:  6
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