In Frankfurt am Main war ein Lehrstück zu besichtigen. Wir sind Zeugen geworden eines in der Bundesrepublik - glücklicherweise - selten zu beobachtenden Vorganges. Wir haben gesehen, wie die Vertreter der Schriftsteller und der Intelligenz sich mit der Macht verbrüderten. Buchmesse und PEN haben sich am vergangenen Sonntag gewaltig blamiert. Sie haben mit einem der autoritärsten Regime der Welt paktiert, statt sich für die Meinungsfreiheit des Einzelnen einzusetzen.
Sie standen am Wochenende vor der Alternative, sich dem Druck eines Dinosaurierapparatschiks wie Mei Zhaorong zu beugen oder aber den verfolgten Autoren Dai Qing und Bei Ling die Möglichkeit zu geben, auch ihre Sicht der Dinge vorzutragen. Es gibt Momente, in denen kann man nicht zwei Herren dienen. Ein solcher Augenblick war vorgestern zwischen 12 und 13 Uhr im Frankfurter Instituto Cervantes gekommen.
Offenbar hatte die Buchmesse es versäumt, den chinesischen Partnern den Strukturwandel der Öffentlichkeit, den die Bundesrepublik Deutschland seit 1968 durchgemacht hat, klarzumachen. Die Zeiten sind vorbei - um eine Formulierung von Mei Zhaorong aufzugreifen. Eine öffentliche Veranstaltung ist in Deutschland eine öffentliche Veranstaltung. Das heißt: Sie findet nicht nur in der Öffentlichkeit statt, sondern die ist auch - jedenfalls potenziell - Veranstalter.
Wer sich in die Öffentlichkeit begibt, riskiert darin umzukommen. Genau das ist dem Symposium der Frankfurter Buchmesse passiert. Der Leiter der Buchmesse spricht gerne von freier Diskussion, von offenem Meinungsaustausch. Aber wehe es kommt dazu. Dann geht er unter. Die Vorstellung, man könne sich mit Partnern darüber einigen, wie eine öffentliche Versammlung ablaufe, ist in friedlichen Zeiten, bei friedlichen Themen durchaus realistisch. Nach fünf Vorträgen zieht sich das erschöpfte Publikum ins Kneipenleben zurück.
Abwegig aber ist dieser Gedanke, sobald es sich um brisante Themen handelt. Da ist mit Quereinschlägen aus allen Richtungen zu rechnen. Geht es nun gar um China, gar um einen Termin, der schon im Vorfeld so heftig umstritten war, dann muss man den Chinesen klarmachen, dass unter diesen Umständen die Abmachungen nicht mehr einzuhalten sind. Macht man das nicht, beweist das nicht etwa nur, dass man China und die Chinesen nicht verstanden hat, man belegt auch, dass man keine Ahnung von Deutschland hat. Eine Veranstaltung mit zwei chinesischen Regimekritikern findet normalerweise in den Hinterzimmern politischer Seminare statt. Aber doch nicht nach diesem Vorlauf! Nach so viel Öffentlichkeit!
Ein Lehrstück war die Veranstaltung aber nicht nur, was die Buchmesse und den PEN angeht. Sie ist es auch, was das neue Verhältnis von, sagen wir hochtrabend, Geist und Politik angeht. Es war nicht die Buchmesse, die sich stark machte für den Auftritt von Dai Qing. Im Gegenteil. Die Buchmesse knickte ein und gab die Kritikerin des Regimes auf. Es war die deutsche Botschaft, die für ein Visum sorgte. Da Qing und Bei Lei wurden nicht von unerschrockenen Intellektuellen und erfahrenen Petitionenschreibern nach Deutschland gelotst, sondern dank der Intervention - behaupte ich mal - der Bundesregierung. Das verändert den Blick auf unsere demokratischen Institutionen, auf die Rolle von Staat und Öffentlichkeit.
Hält man sich dann noch vor Augen, dass es nicht etwa der aufrechte Kämpfer für Meinungs- und Pressefreiheit, die Frankfurter Buchmesse, war, die der Oberbürgermeisterin zeigte, was eine demokratische Harke ist und was Bürgerstolz bedeutet, dann beginnt einem klarzuwerden, wie weit der Strukturwandel der Öffentlichkeit inzwischen geht.
Dai Qing erklärte mir, sie rechne nicht damit, bei ihrer Rückkehr in China drangsaliert zu werden. Jedenfalls nicht sofort. Das ist ein gutes Zeichen. Wir werden beobachten, was mit ihr geschieht. Wir sind sicher - das ist ein angenehmes Gefühl -, dass wir damit nicht allein sein werden. Der Botschafter wird sich kümmern und vielleicht sogar das Auswärtige Amt. Es war schrecklich, beobachten zu müssen, wie Buchmesse und PEN vergangenen Samstag versagten. Aber es ist ein angenehmes Gefühl zu wissen, dass sie nicht mehr - wie noch vor ein paar Jahren - die einzigen sind, die sich um writers in und in front of prison kümmern.
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