"Jede Klassifizierung", stellt er einmal kategorisch fest, "ist besser als keine Klassifizierung." So mag es uns zwar heute nicht mehr unbedingt einleuchten, weshalb man im römischen Altertum versuchte, Zahnschmerzen dadurch zu heilen, dass man einen Frosch beim Kopf packte, ihm ins Maul spie und ihn dann mit der Bitte, den Schmerz mit sich fortzunehmen, wieder laufen ließ. Tatsächlich aber wird von den Anhängern solcher Heilmethoden ein kausaler Zusammenhang von Ursache und Wirkung keineswegs bestritten, sondern, ganz im Gegenteil, eher überstrapaziert. Der Grundgedanke dabei ist der gleiche wie bei jeder anderen Art der Klassifizierung: Dinge hängen mit anderen Dingen zusammen. Statt wie seine Vorgänger von "magischem Denken" zu sprechen, zog Lévi-Strauss daher die Bezeichnung "Wissenschaft vom Konkreten" vor.
Berühmt geworden ist in diesem Zusammenhang insbesondere das Begriffspaar vom Bastler ("bricoleur") und vom Ingenieur: Wo der Bastler aus dem Repertoire eines geschlossenen Systems sinnlich wahrnehmbarer Objekte schöpft (Zähne, Frösche, Speichel) und diese in für Außenstehende oft unvorhersehbarer Weise miteinander kombiniert, entwirft der Ingenieur neue Objekte nach den Vorgaben des jeweils anstehenden Projekts. Die sinnlich wahrnehmbare Welt des Ingenieurs ist also prinzipiell offen für Erweiterungen. Das ist zwar kein geringer Unterschied, letztlich aber doch nur ein gradueller. Die Ergebnisse der Bastelei müssen denen der Ingenieurskunst keineswegs nachstehen - weder in funktionaler noch in ästhetischer Hinsicht.
Der Rolle des Menschen als handelndes Subjekt mag Lévi-Strauss dabei allerdings - anders als sein großer Gegenspieler Sartre - keine besondere Bedeutung zumessen. Nicht ganz zu Unrecht hat man ihm deshalb gelegentlich einen erkenntnistheoretischen Antihumanismus unterstellt. So dient sein wissenschaftliches Hauptwerk, die Mythenanalyse, nicht zuletzt dem Ziel zu zeigen, "wie sich die Mythen in den Menschen und ohne deren Wissen denken". Der Mensch ist Lévi-Strauss also letztlich wenig mehr als ein Ort, an dem sich Dinge zutragen, ohne dass er allzu großen Einfluss auf sie zu nehmen vermöchte.
"Ich bin fest davon überzeugt", erklärte Lévi-Strauss, der heute 100 Jahre alt wird, im Frühsommer dieses Jahres in einem Gespräch mit Constantin von Barloewen, "dass das Leben keinen Sinn hat, dass nichts irgendeinen Sinn hat". Wenn es überhaupt eine letzte, absolute Wahrheit gebe, dann liege diese nicht bei irgendeinem Gott oder beim Menschen, sondern "in der Abwesenheit des Sinns, im Nicht-Sinn". Oder, um es mit dem Begriff zu bezeichnen, den er und der ihn groß gemacht hat: auf der Ebene der Struktur.
Thomas Reinhardt ist Privatdozent für Ethnologie an der Frankfurter Goethe-Universität und lehrt Afrikanistik an der Universität zu Köln. Seine Einführung "Claude Lévi-Strauss" erschien gerade im Junius Verlag.
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