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Lesen: Kette der Grausamkeiten

Karlheinz Deschners "Kriminalgeschichte des Christentums" ist eine krasse Abrechnung.

Es gibt Sätze in diesem Buch, die möchte man auswendig lernen, um niemals zu vergessen, welches die Grundlagen der Welt sind, in der wir leben. Zum Beispiel dieser: "Lebten um 1650 in ganz Spanisch-Amerika noch etwa 4 Millionen Indianer, waren es um 1492, so die Schätzungen, 7 bis 100 Millionen, wobei 35 Millionen als plausibel gelten." Es wäre so wichtig, diese Zahlen niemals zu vergessen. Es wäre auch wichtig, sich dabei immer darüber im Klaren zu sein, dass wir, so genau Zahlen sich auch geben, es doch genau niemals wissen werden.

Karlheinz Deschners Kriminalgeschichte des Christentums, deren neunter Band jetzt erschienen ist, versorgt uns mit beidem: Mit der genauen Kenntnis der zentralen Fakten und mit dem ebenso notwendigen Bewusstsein, dass gerade im Wesentlichen Genaues oft nicht zu erfahren ist. Aber ganz gleich, ob es im obigen Beispiel drei Millionen oder 31 Millionen sind, um die die indianische Bevölkerung des spanischen Amerika reduziert wurde, an der Ungeheuerlichkeit der von Deschner im Lexikon für Theologie und Kirche aufgespießten Ansicht, die Eroberung Mexikos habe "die Kirche für den Verlust halb Europas an den Protestantismus entschädigt", ändert das nichts.

Das Buch

Karlheinz Deschner: Kriminalgeschichte des Christentums, Band 9, Mitte des 16. bis Anfang des 18. Jahrhunderts, Rowohlt, 457 S., 29,90 Euro.

Wer die ersten fünfzig Seiten dieses Bandes liest, dem wird wieder klar, durch welche Massaker und Völkermorde Europa zur führenden Weltmacht aufstieg. Ihm wird auch klar, dass die Moderne in diesem Gemetzel stattfand. Karlheinz Deschner zeigt, dass gläubige Christen diese Massaker begleiteten - nicht als eine Truppe hilfloser, um Frieden bemühter Blauhelme, sondern als Mordhetzer und Kriegstreiber. Nicht alle und jeder - auch das macht Deschner klar -, aber doch gerade die Mächtigen in der Kurie.

Katholiken und Protestanten nahmen einander da wenig. Das protestantische Großbritannien zum Beispiel hatte sich zeitweilig ein Monopol für den Sklaventransport von Afrika in die Neue Welt erstritten. Zwischen 1680 und 1786 kamen so 2,13 Millionen Sklaven allein ins spanische Amerika. Es fehlte unter den nordamerikanischen Siedlern auch nicht an protestantischen Köpfen, die juristisch und theologisch sattelfest genug waren, um sich und ihren Siedlerfreunden klarzumachen, dass die Indianer ihr Land illegal bewohnten. Dieser Auffassung wurde dann Nachdruck verliehen, indem man für jeden Indianerskalp bis zu einhundert Pfund zu zahlen bereit war. Man wird auch diesen neunten Band, so packend Deschner seine Kriminalgeschichte des Christentums schreibt, nicht in einem Schwung lesen. Man erträgt diese unendliche Kette infamer Grausamkeiten nicht. Man flüchtet in Telefonate, geht um die Ecken. Aber dann greift man wieder zu dem Buch, liest das Kapitel über den Dreißigjährigen Krieg und entdeckt, dass Deutschland damals der Kongo war. Morden und Brennen von Dorf zu Dorf. Alles mit dem Segen der Kirchen. Dazwischen ein paar vernünftige Stimmen. Die wurden erdolcht und erdrosselt.

Die derzeit gerne über alle Lautsprecher verbreitete Mär vom goldenen Westen, in dem Vernunft und Freiheit, Menschenwürde und gegenseitige Achtung Tradition sind, wird von Deschner zerstört. Der Westen hat diesen Idealen nur höchst sporadisch gehuldigt, und nur in wenigen glücklichen Augenblicken an wenigen seltenen Orten hat er nach ihnen gelebt. Also exakt so, wie es auch andernorts auf der Welt war. Falls es denn überhaupt einen westlichen Sonderweg der Weltgeschichte gab, so war es keiner der Humanität. Das lernt man von Karlheinz Deschner.

Man muss sich die Freude an der Grausamkeit vor Augen halten, mit denen die Christen auch aufeinander losgingen. Auch hierin angestachelt von ihren Priestern. Deschner erspart uns nicht die Details. Da wurde erst die "Zunge mit dem Zänglein herausgezogen", abgeschnitten und dann erst enthauptet. Niemand erhob im christlichen Abendland damals Einspruch gegen diese Art von Strafjustiz.

Deschners auf zehn Bände projektierte - 1986 begonnene - "Kriminalgeschichte des Christentums" ist nicht einfach eine Abrechnung mit der christlichen Tradition. Wir sollten sie besser lesen als einen Beitrag zu einer Selbstkritik des Westens.

Deschner klärt uns auf. Auch über unsere Aufklärung. Deschners Werk ist ein Warnschild. Keine Ideologie, keine Religion, nicht einmal die der Nächstenliebe, bewahrt Menschen davor, andere Menschen zu pfählen, zu vierteilen, zu Hunderttausenden, zu Millionen umzubringen. Wie unter der Fahne der Gleichheit der Archipel Gulag errichtet werden konnte, so verrichteten im Namen des Kreuzes andere Massenmörder ihr Geschäft.

Autor:  ARNO WIDMANN
Datum:  12 | 8 | 2008
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