Als es 1970 darum ging, wer in Frankfurt/Main den philosophischen Lehrstuhl von Theodor W. Adorno übernehmen sollte, schlug Jürgen Habermas den 1927 in Radom geborenen, inzwischen in Berkeley lehrenden Leszek Kolakowski vor. Die Fachschaft des Philosophischen Seminars schickte dem Philosophen, der noch immer einen polnischen Pass hatte, daraufhin einen Offenen Brief, in dem sie ihm mitteilte, dass sie ihn für ungeeignet hielt.
Kolakowsi antwortete mit schmallippiger Ironie, dass er froh sei, den Studenten bei ihren Kämpfen um die Ordinarien nicht im Wege stehen zu müssen; er habe ohnehin nicht die Absicht gehabt, nach Frankfurt zu kommen. Schon 1971 erschien übrigens Gesine Schwans Dissertation: "Leszek Kolakowski. Eine politische Philosophie der Freiheit nach Marx."
"Was Sozialismus ist"
Leszek Kolakowski arbeitete damals an seinem dreibändigen Hauptwerk, den "Hauptströmungen des Marxismus", einem der zentralen Werke für die Auseinandersetzung mit einer der beiden großen Ideologien des 20. Jahrhunderts. Kolakowski wusste, wovon er sprach. Er hatte nach dem Krieg nicht nur Philosophie studiert, sondern war auch Mitglied der Kommunistischen Partei geworden. Wie er sich löste erst vom Stalinismus der frühen Jahre, dann von der Partei und schließlich auch vom Marxismus - darüber hat er immer wieder nachgedacht. 1956 hatte er einen Traktat verfasst: "Was Sozialismus ist". Das Buch kam nicht durch die Zensur, wurde aber heimlich gelesen und spielte eine wichtige Rolle im Zersetzungsprozess der polnischen Parteiintelligenz.
1968 erschien in Deutschland eines seiner schönsten Bücher, die scharfsinnig-witzigen "Gespräche mit dem Teufel". Das Böse war ihm da keine metaphysische, sondern eine physische Größe. Im selben Jahr hatte er sich in Warschau an die Seite der rebellierenden Studenten gestellt. Das führte zu einer Verschärfung der Auseinandersetzungen mit den Machthabern. Er ging ins Ausland. Er und seine Frau bekamen ganz offiziell eine Genehmignung dafür und Pässe. Er lehrte an den bedeutendsten Universitäten - also, ist man versucht zu sagen, nicht in Frankfurt - der westlichen Welt: in Berkeley, Yale und Oxford. Dort war er Fellow des All Souls College. Dort ist er jetzt gestorben.
Leszek Kolakowski war ein gläubiger Skeptiker. Der Mensch, der nicht an ein Jenseits seiner eigenen Vernunft dachte, war Kolakowski suspekt. Nicht, weil er glaubte, etwas über dieses Jenseits zu wissen, sondern weil Kolakowski es für unter jedem intellektuellen Niveau hielt, die Grenzen des eigenen - und sei es des arteigenen - Horizonts für die Grenzen der Welt zu halten. Seine Dissertation hatte sich 1953 mit Spinozas Lehre von der Befreiung des Menschen beschäftigt. Wie bei diesem gehörte auch für Kolakowski die Befreiung Gottes und des Menschen zusammen.
Als im neuen Polen heftig darüber gestritten wurde, ob in die Verfassung ein Gottesbezug geschrieben werden sollte, wandte sich Kolakowski dagegen. Er hatte sich immer gegen die Vergötterung des Menschen gewandt. Ebenso energisch wandte er sich nun gegen die Indienstnahme Gottes.
Nicht nur Argumente
Kolakowski philosophierte nicht in Systemen. Auch seine "Hauptströmungen des Marxismus" sind nicht wirklich ein systematisches Werk. Sein hellwacher, klarer Verstand ließ ihn auch brillante Essays schreiben. Aber sein Denken, das ja nicht nur argumentativ, sondern auch ästhetisch überzeugte, entfaltete er am kraftvollsten in seinen Geschichten, Märchen, Anekdoten, in Dialogen. Er war - wie die ganz Alten - ein Dichterphilosoph. Also einer, der glaubte und nicht glauben konnte. Einer, der sich multiplizieren musste, um sich nicht zu verraten. Wie bewegend war und ist sein traurig-müder Blick auf die Arten und vor allem auf die Unarten unserer Gattung, auf unsere konstitutive Unfähigkeit zur dauerhaften Zivilisation. Mehr noch als ein Philosoph war Leszek Kolakowski ein Weiser.
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