Einmal wurde der bärtige, junge Mann, der sich da gerade linkisch vor seinem Steinway verbeugt, mit einer Tschechow-Figur verglichen, der Welt abgewandt, entrückt, dabei nicht unfreundlich, im Gegenteil, aber nun wirklich nicht auf Applaus aus.
Konstantin Lifschitz ist nur eben nicht unseretwegen da, er ist da, um Bach zu spielen, das gesamte Klavierwerk. Vor vier Jahren begann der gewaltige Zyklus, für den das Rheingau Musik Festival ihn verpflichtete, mit einem zweiteiligen Marathon: das Wohltemperierte Klavier, Buch 1 und 2. Die Französischen und Englischen Suiten folgten , in diesem Jahr sind die ersten drei Partiten an der Reihe.
Konstantin Lifschitz, 1976 in Russland geboren, spielt Johann Sebastian Bach wie immer mit geschlossenen Augen. Er hebt dabei den Kopf weit nach oben, manchmal dreht er sich auch nach links von uns weg, wo es nichts gibt, kein Publikum, nur eine weiße Wand, sich und Bachs Kontrapunktik.
Das ist nicht bloß Marotte eines Pianisten, sondern zugleich Ausdruck einer Haltung, die auf Inwendiges zielt und nicht auf äußeren Glanz. In den besten Momenten, in denen Lifschitz wie so oft auf dem rechtsrheinischen Schloss Johannisberg Bachs Linearität unspektakulär und ohne Pomp ausbreitet, erhält sein Spiel eine fast schon meditative Qualität - als blickte er aus der Perspektive Morton Feldmans auf das alte Werk.
Wie Lifschitz zum Beispiel die Sinfonia der c-moll-Partita zunächst mit großer Geste eröffnet, um sie dann ganz selbstverständlich fließen zu lassen und dabei eine Intensität aufbaut, die ganz ohne Druck auskommt - das ist zweifellos sensationell. Oder die Sarabande der a-moll-Partita, die Lifschitz ins Kontemplative verschiebt, ohne dabei an Präsenz zu verlieren, die er mit der linken Hand erdet und mit der rechten entrückt - das ist nicht minder berückend.
Aber genauso oft kann er, dem ein sagenhafter Ruf vorauseilt, das Niveau nicht halten. Die Corrente der B-Dur-Partita etwa wirkt erdenschwer und holprig, das Grazile ist ihr ausgetrieben, wie ohnehin das Tänzerische nicht Lifschitz größte Qualität ist.
Dass der Russe gehandelt wird als einer der wichtigsten Johann-Sebastian-Bach-Interpreten der Gegenwart - von seiner soeben erschienenen DVD-Ausgabe des "Wohltemperierten Klaviers" etwa, wahrlich ein Prüfstein aller Virtuosen, erzählt man sich Wunderdinge - kann Konstantin Lifschitz live nicht bestätigen. Dafür fehlt ihm noch die Konstanz. Und sicherlich nicht zuletzt die Konsequenz einer Anton-Tschechow-Figur.
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