Preiswürdig ist die junge deutsche Lyrik derzeit dann, wenn sie Rock und Stiefel trägt. Keinen Mini, mehr knielang. Nichts mit Lack, eher von dezenter Eleganz. All jene hingegen, die noch die Hosen anhaben, gehen leer aus. Soweit die Mode-News vom diesjährigen Literarischen März, dessen Preise - allen voran der Leonce-und-Lena-Preis - samt, sonders und völlig zu Recht an Autorinnen gingen. Doch der Reihe nach.
Nicht nur das Wetter, gleich die ganze Welt meinte es am Wochenende gut mit dem renommiertesten Wettbewerb für den deutschsprachigen Lyrik-Nachwuchs. Der Lenz, ohnehin ein lyrisch Gesinnter, sandte Sonne satt; und während am Samstag sieben Dichterinnen und drei Dichter unter dem Dach der Darmstädter Centralstation um die Gunst der Jury lasen, feierte die Unesco den Welttag der Poesie. Größer geht's kaum. Und Darmstadt war dabei.
Einer blieb allerdings kurzfristig zu Hause: Raoul Schrott, seit Jahren Leistungsträger der Jury, hatte sich erkältet. Für ihn sprang, in Rock und Stiefeln, eine Dichterin ein, die zu den sprach- und denkbeweglichsten der vergangenen Jahre zählt: Monika Rinck. Am Freitag hatte sie, noch in Unkenntnis der Jury-Ehren, mit ihren Berliner Dichterkollegen Jan Wagner und Steffen Popp die Eröffnungs-Diskussion bestritten. Moderiert von Hauke Hückstädt plauderten die drei Altmeister der jungen Lyrik über die poetische Praxis, über Glücksgefühle beim Dichten, über Netzwerk, Szene und Generation, über Einflüsse (eher weniger) oder Tradition (die dann doch), aber auch über den "Kampf um Relevanz" (Rinck), in dem sich das Gedicht als literarisches Medium heute behaupten muss.
Viel Kurzweil und Sprachlust war da zugegen. Doch wenn es spannend wurde, entspannte man meist und surfte zum nächsten Thema. Der Widerspruch, die Kontroverse, blieb allzu oft aus. So konnte Steffen Popp denn ganz ungehindert über die "Diskursmacht" des Gedichteschreibers phantasieren - wenn man ihn lässt, mimt der Autor auch heute noch gern mal ganz unverschämt den Mächtigen.
Dabei zeigten schon die ersten zwei Lesungen am Wettbewerbstag, dass die Sache mit der Macht so ihre Tücken hat. Bild- und wortgewaltig blickte zunächst Tobias Falberg, dann Alexander Gumz auf eine "apokalyptische Welt", wie die Jurorin Sibylle Cramer in beiden Fällen diagnostizierte; eine Welt "in biblischer Bewegung // von Eden weg" (Falberg), unterwandert von einer "verschwörung / aus kapital und angst" (Gumz). Leider verlor sich jedoch bei beiden die mutig-kulturkritische Empörungsbereitschaft in einem Gefallen an der je eigenen poetischen Sprachmacht, im ungebrochenen Pathos bei Falberg, in der zuweilen selbstverliebten Artistik bei Gumz. Zwei hoffnungsvolle Lyriker haben hier ganz einfach zu unbedingt Lyrik machen wollen. Gerade Falbergs poetische Stimme schaltete und waltete dabei über den Diskursen, montierte technizistisches Vokabular mit Trakl-Satzbau und Celan-Motiven, spielte hier auf die Nazis, dort auf Nagasaki an - und hatte so schließlich ein apokalyptisches Amalgam verfertigt, das letztlich keinem gerecht wurde.
Es waren dann die drei unbestrittenen Preisträgerinnen, die im Laufe des Wettbewerbs erst so recht deutlich machten, was dem ambitionierten Unterfangen von Falberg und Gumz, und nicht nur deren, fehlte: Die eben nicht mächtige, sondern abtastende Kunst eines "ortlosen Sprechens" etwa, die Juror Kurt Drawert an den kristallinen Wortgebilden der Förderpreis-geehrten Judith Zander beobachtete ("gedächtnis zerfällt wie schalen / vor drei wintern vergrabener / nüsse nichts findet sich / wieder als wohl / gefallen und lob geschwärztes / eichenlaub vielleicht / sterbe ich aus.").
Oder der herrlich subversive Identitäts-Karneval, mit dem die kaum 21-jährige Juliane Liebert den zweiten Förderpreis errang und damit zur Entdeckung des Wettbewerbs avancierte ("sie liebte / doch menschen wie tiere sie fand / auch das mit der selbstliebe / gut aber die schlampe / wollte ihre gefühle partout / nicht erwidern"). Und schließlich jene "Auslöschung von Welt- und Selbstgewissheit", für die Ulrike Almut Sandig den Leonce-und-Lena-Preis verliehen bekam.
"Geradezu verzaubert" sei er, gestand Juror Jan Koneffke nach der hin- wie wegreißend musikalischen Lesung Sandigs, die mit bereits zwei publizierten Gedichtbänden im Gepäck nach Darmstadt reiste. Sandigs Verzauberungskunst ist freilich bestürzend; bestürzend und doppelbödig. In ihren besten Momenten beherrscht die gebürtige Sächsin das, was sonst nur großen Pop-Songs gelingt: das völlige Einstehen des Bildes für sich selbst, dieses Glück der Oberfläche, des einen, des großen Augenblicks: "Augen auf! schon wieder dehnt sich der Mittag in alle Richtungen aus." Zugleich aber arbeiten im Untergrund von Sandigs Gedichten komplexe Reflexionen über Zeit und Identität; darüber, wie der Mensch sich seine Zeit zu einer Identität zurecht erzählt - und wie diese Erzählungen zusammenbrechen, weil die Zeit verstreicht: "war einmal ein / Körper, sah ganz aus wie deiner. war nur etwas / kleiner und trug deinen Namen. war nicht mit dir / verwandt, war dir kein Freund und kannte dich nie."
Hier - weit jenseits von aktueller Dichter(innen)mode - ist ein poetisches Selbstbewusstsein erreicht, das keine Lyrik machen will, sondern das in der Lyrik allein erst zu sich selbst kommt. Dass so etwas möglich ist, das ist vielleicht das bestechendste Argument für die Relevanz der Lyrik - und dieses schönen Wettbewerbs.
Gedichtbände der Leonce-und-Lena-Preisträgerin 2009:
Ulrike Almut Sandig: Zunder. Gedichte. Connewitzer Verlagsbuchhandlung. Leipzig 2005. 72 Seiten. 10 EUR
Ulrike Almut Sandig: Streumen. Gedichte. Connewitzer Verlagsbuchhandlung. Leipzig 2007. 75 Seiten. 15 EUR
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