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Literatur: Die Glut der Arbeit

Vollendet nach 20 Jahren und 2000 Seiten: Erasmus Schöfers großer, linker Lebensroman "Die Kinder des Sisyfos" ist mit dem vierten Band "Winterdämmerung" komplett.

Bekannt geworden ist Erasmus Schöfer in den 70er Jahren als Gründer und Motor des Werkkreises Literatur der Arbeitswelt, einer bundesweiten Schule des realistischen Schreibens für Arbeiter und Angestellte. Als die Hoffnung auf eine in seiner Sicht gerechtere und sozialistische Zukunft schwand, da muss sich der inzwischen über 60-Jährige gefragt haben, für was es denn wohl noch zu schreiben lohne. Rückblickend mustert er die linke Geschichte dieser Bundesrepublik, die drei entscheidenden Dezennien von 1969 bis 1989 und schafft in einem Kraftakt über fast 20 Jahre und über 2000 Seiten sein opus magnum, den vierbändigen Roman "Die Kinder des Sisyfos". Was Peter Weiss in den 70er Jahren mit seiner "Ästhetik des Widerstands" leistete, nämlich die fiktionale Darstellung der linken Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, das unternimmt Schöfer in seinem Roman für die zweite Hälfte. Jetzt hat der in Köln lebende Autor mit dem vierten Band "Winterdämmerung" die Tetralogie vollendet.

Schöfers "Zeitroman", so der Untertitel, hat drei männliche Protagonisten, deren Geschichte durch alle Bände erzählt wird. Da ist Viktor Bliss, der Geschichtslehrer, verheiratet mit Lena, Gewandmeisterin an den Münchner Kammerspielen. Da ist Manfred Anklam, Werkzeugmacher und Betriebsrat bei Mannesmann in Düsseldorf, eine Gewerkschaftslegende des Ruhrgebiets. Und da ist Armin Kolenda, ehemals Sozialarbeiter in einem Jugendhaus, dann Reporter bei der Demokratischen Zeitung. Drei Facetten einer Schöferschen Wunschbiographie? Ein Akademiker, ein Arbeiter, ein Schriftsteller - ein Schöfer.

So verschieden diese fiktionalen Figuren auch sein mögen, so geeint sind sie in ihrer Opposition zur politischen und gesellschaftlichen Entwicklung in der BRD. Aber so sehr diese Dramaturgie zur Darstellung der verschiedenen Strömungen innerhalb des linken Lagers geeignet sein mag, so verengt sie auch den Blick auf die andere Seite der Republik, auf diejenigen, die die Macht vertreten.

Der erste Band, "Ein Frühling irrer Hoffnung", spielt 1969 in München, wo Viktor Bliss und seine Frau Lena das durch Demonstrationen der Apo gegen die Notstandsgesetze aufgeputschte Klima auch als ein stimulierendes sexuelles Paare-Befreiungs-Drama erleben, nicht zuletzt in Verbindung mit Lenas Theaterarbeit an den Kammerspielen. Auch für Bliss stellt sich die Frage nach der Organisation des Widerstands und einer neuen Ordnung. Aus der alten KPD entsteht die neue DKP, die gerade in München unter Künstlern und Intellektuellen eine starke Anziehungskraft hat. Victor Bliss ist dabei.

Der zweite Band "Zwielicht" schildert, was aus dem Aufbruch der Achtundsechziger im folgenden Jahrzehnt geworden ist. Der Journalist Armin Kolenda berichtet von der Übernahme der hessischen Glashütte Süssmuth durch die Belegschaft. Auch beim Kampf der Bürgerinitiative gegen das Atomkraftwerk Wyhl am Kaiserstuhl ist er dabei, findet dort seine große Liebe. Vor allem aber wird Kolenda (sehr greifbar hier als Alter ego Schöfers) zum Hauptakteur des Düsseldorfer Werkkreises Literatur der Arbeitswelt.

Im dritten Band "Sonnenflucht" erweitert Schöfer die Perspektive auf die europäische Linke. Der inzwischen vom Berufsverbot betroffene Geschichtslehrer Bliss hat sich nach politischen Enttäuschungen in der Partei (und persönlichen in der Ehe) auf eine Ägäisinsel zurückgezogen. Sein Freund Anklam will ihn zurückholen. Dabei geraten sie in Diskussionen mit griechischen Genossen, bei einer Streikaktion kommt eine Studentin ums Leben. Anklam fliegt allein nach Deutschland zurück, wo er in seiner Abwesenheit entlassen worden war. Bei einem Waldbrand, als er Menschen zu retten versucht, wird Bliss lebensgefährlich verletzt

In "Winterdämmerung", dem letzten Band der Tetralogie, findet das Personal der vorangegangenen Bände wieder zusammen. Es geht hier nicht nur um die Rekonvaleszenz des durch die Brandwunden entstellten Viktor Bliss, den juristischen Kampf um die Entlassung des Betriebsrats Anklam, um die politisch immer schwieriger gewordene Arbeit des Armin Kolenda bei seiner Wochenzeitung - es geht vor allem auch ums sogenannt Private, das Auseinanderbrechen von Ehen und Beziehungen. das Wiederfinden von verschwundenen Brüdern und Enkeln, die Bewährung von Freundschaften.

Lena Bliss trennt sich von Viktor und verwirklicht ihren Schauspielertraum. Bliss lebt vom Korrekturlesen und erfährt die Zuneigung einer ihm bisher unbekannten Enkelin aus den USA. Anklam gewinnt seinen Prozess, wird aber abgefunden statt wiedereingestellt, gründet eine Familie und tritt in die SPD ein. Aber alle kämpfen noch einmal gegen die Stilllegung der Krupp-Stahlwerke in Rheinhausen, besetzen die Hütte und in einem spektakulären "Spaziergang auf den Hügel" die Villa Krupp. Kolenda trifft im Hüttendorf der Bürgerbewegung gegen die Startbahn West des Frankfurter Flughafens auf seine alte Liebe aus Wyhl, inzwischen eine Kämpferin für alternative Landwirtschaft. Ein unbegreifliches Ereignis für alle ist der Fall Hannes Sonnefeld, Redakteur der DGB-Kulturzeitschrift Der Aufbruch, Freund der Künste und der Künstler, der erst die neunjährige Tochter seiner Geliebten Lisa und dann sich selbst tötet. Kolendas Nachruf für die DZ bringt ihn in Konflikt mit seiner Zeitung. Aber er lernt die Mutter des ermordeten Mädchens kennen, holt sie aus ihrer Verstörung und führt sie wieder ins Leben. Am Sylvesterabend des Jahres 1989 sitzen alle in Anklams Wohnung, während im fernen Berlin die gesamtdeutsche Party gefeiert wird.

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Autor:  KARLHEINZ BRAUN
Datum:  6 | 1 | 2009
Seiten:  1 2
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