Navid Kermani, 1967 in Siegen geboren, lebt in Köln. Er ist habilitierter Orientalist und veröffentlichte neben zahlreichen Sachbüchern etwa den Roman „Kurzmitteilung“ (2007). 2010 hielt er die traditionsreiche Frankfurter Poetikvorlesung, in der er über Vorbilder und Leitmotive für seinen kürzlich erschienenen Roman „Dein Name“ ästhetisch reflektierte.
Ihr 1229 Seiten umfassender Roman „Dein Name“ ist ein sehr persönliches Buch geworden. Ist es auch ein Buch über die globalen Konflikte des zurückliegenden Jahrzehnts?
Es geht nicht speziell um dieses Jahrzehnt. Die Niederschrift des Romans, die ja im Buch thematisiert wird, hat die letzten fünf Jahre in Anspruch genommen, die erzählte Zeit hingegen umfasst das ganze 20. Jahrhundert oder reicht, wenn Sie die Literaturgeschichte hinzunehmen, um die es auch geht, bis zur deutschen Romantik zurück.
Eine zentrale Rolle spielt im Roman die Geschichte Ihres Großvaters, der aus Isfahan nach Teheran aufbricht, um dort die Amerikanische Schule zu besuchen. Ist das zugleich auch eine Gegenerzählung zu den landläufigen Vorstellungen eines islamischen Gottesstaates?
Das war zwar nicht mein Impuls, aber es ist gewiss eine Gegengeschichte. Sie handelt vom Drama der frühen iranisch-amerikanischen Beziehungen. Die Geschichte der amerikanischen Präsenz im Iran ist übrigens auch in den USA weitgehend unbekannt. Es ist nahezu vergessen, dass die Amerikaner bis weit ins 20. Jahrhundert zunächst als Befreier wahrgenommen worden sind. Viele Mitstreiter von Premier Mohammad Mossadegh, auch Mitglieder seines Kabinetts, waren Absolventen der Amerikanischen Schule in Teheran. Diese sind von den presbyterianischen Pastoren angestiftet worden, gegen die britischen und russischen Kolonisatoren für die iranische Unabhängigkeit zu kämpfen. Mein Großvater ist auf diese Schule gegangen, und er kam dort hin als sehr traditionell erzogener Muslim. Und plötzlich trifft er auf Juden, Christen und Bahai. Das stellt den Glauben des 13-Jährigen komplett in Frage, aber er erlebt es auch als neue Freiheit. Aus dieser Erfahrung der Freiheit entstand damals eine neue iranische Elite.
Der in Köln lebende publizist, Orientalist und Islamwissenschaftler Navid Kermani erhielt im Jahr 2000 für seine Dissertation "Gott ist schön: Das ästhetische Erleben des Koran" den Ernst-Bloch-Förderpreis.
Als er 2009 den hessischen Kulturpreis bekommen sollte, kam es zum Eklat: Sein Mitpreisträger, Kardinal Lehman, nahm Anstoß an einem Text Kermanis zur Kreuzestheologie. Der Preis wurde Kermani wieder aberkannt.
Vor kurzem erschien von Kermani der autobiografische Roman "Dein Name" im Münchner Hanser Verlag.
In der Geschichte Ihres Großvaters spiegelt sich auch eine vergessene Geschichte des Iran?
Ja, aber es ist eine Geschichte, die sich im iranischen Bewusstsein kaum niedergeschlagen hat. Die zweitgrößte Straße in Teheran heißt Jordan Avenue. Wenn man danach fragt, glauben viele, dass es etwas mit Jordanien zu tun haben könnte. Kaum jemand weiß, dass sich dahinter der Direktor der Schule meines Großvaters verbirgt, Dr. Samuel Jordan, der ein Wegbereiter der modernen iranischen Geschichte war. Das heißt, die zweitgrößte Straße in der Hauptstadt der Islamischen Republik Iran ist nach einem presbyterianischem Pastor benannt, aber kaum jemand ist sich heute mehr dessen bewusst, nicht die Iraner und nicht die Amerikaner. Diese Geschichte nahm mit dem Sturz Mossadeghs eine dramatische Wendung. Bis zum Vorabend des Putsches, als er noch mit dem amerikanischen Botschafter zusammensaß, der natürlich von dem Vorhaben wusste, mochte Mossadegh nicht daran glauben, dass ausgerechnet die Amerikaner ihn stürzen würden. Er glaubte an Amerika, das war das Tragische, immerfort sagte er, dass die Ideale des amerikanischen Volkes die gleichen seien wie die des iranischen Volkes. Und diese Hochachtung wurde ja durchaus erwidert, Präsident Truman mochte diesen eleganten, hochgewachsenen, gebildeten und auch humorvollen iranischen Greis, der sein Land in die Freiheit führen wollte, die beiden verstanden sich von der ersten Begegnung an gut. Truman widersetzte sich den Briten, die von Anfang an einen gewaltsamen Umsturz wollten. Erst der Wechsel zu Präsident Eisenhower, heute würde man sagen: einem Verfechter der sogenannten Realpolitik, brachte den Stein ins Rollen, und vom amerikanischen Putsch von 1953 führt natürlich eine direkte Linie zur anti-amerikanischen Revolution von 1979 – und, mit dem Erstarken des Islamischen Fundamentalismus, weiter zum 11. September 2011.
Seite 2
Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen