Nach solchen Festlegungen gingen die 75 Fachberater ans Werk. Sie entschieden, welche Werke in den Kindler aufgenommen wurden, verfassten manche Artikel selbst und suchten für die meisten Texte 1500 Spezialisten in aller Welt - in der Regel Literaturwissenschaftler, zuweilen auch Kritiker. Zahlreiche Artikel hat die Slawistin Katja Freise verfasst. Sie empfand die Kürze als "größte Herausforderung". "Stellen Sie einen Roman von Leo Tolstoj auf zwei Seiten dar", illustriert ihr Ehemann, der Göttinger Professor und Slawistik-Fachberater Matthias Freise: "60 Protagonisten, 4000 Ereignisse! Was ist wichtig? Tolstoj sagt: Alles ist wichtig! So kommen sie also nicht weiter..." Wurde der Artikel dann doch fertig, redigierte ihn der Fachberater und schickte ihn an die Redaktion.
50 bis 80 Emails liefen täglich bei Christiane Freudenstein-Arnold ein, der Ehefrau des Generalherausgebers. Die Germanistin und Bibliothekarin verteilte die Texte auf die sechs Arbeitsplätze der Vierzimmerwohnung, und als diese trotz Schichtarbeit nicht ausreichten, breitete sich die Redaktion in einer weiteren Wohnung im Haus aus. Acht redaktionelle Mitarbeiter und einige Korrektoren, dazu Experten für exotische Sprachen an den Universitäten, pflügten die Texte dreimal durch, erstellten die Verweise und Links. Der Klinkerbau am Waldesrand muss wie ein Bienenstock gesummt haben.
20 000 Texte hat die Redakteurin Ulrike C. Sander in all den Jahren gelesen. Sie schätzt den "einzigartigen Überblick über die Weltliteratur". Auch die Göttinger Professorin und Skandinavistik-Fachberaterin Karin Hoff freut sich über die "Revision meines eigenen Kanons", und ihr Nordamerika-Kollege Frank Kelleter bemerkt trocken: "Es ist fast unmöglich, bei so einem Projekt nichts zu lernen." Über das Lemmaverwaltungssystem, das die Bibliothekarin Christiane Freudenstein-Arnold bediente, griffen Redaktion, Chefkorrektor Gerald Willms, der Metzler Verlag und der Satzbetrieb auf die Texte zu. Die gesetzten Artikel korrigierte die Redaktion zum vierten Mal und heftete sie in 80 Leitz-Ordnern ab. Ein "Feinschliff" folgte noch, und die Einträge aus exotischen Sprachen wurden außer Haus von Fachleuten kontrolliert. "Dann kam die iranische Literatur zurück", schüttelt sich Arnold, "und alle u's mit einem Strich darüber müssen in einfache u's verwandelt werden und alle i's mit einem Strich darüber in einfache i's. Ein Grauen!" Inzwischen ist auch der letzte, der Registerband, fertig, und die Redaktion hat sich wieder in die Vierzimmerwohnung zurückgezogen. Von hier aus wird sich Christiane Freudenstein-Arnold im nächsten Jahr um die regelmäßigen Online-Aktualisierungen des Kindler kümmern.
Und was hat es mit der Mär auf sich, wonach im alten Kindler Artikel zu nichtexistenten Büchern versteckt sind? Heinz Ludwig Arnold schmunzelt: "Gefunden haben wir keinen, aber vielleicht findet jemand - unsere. Wir haben drei verfasst. Wunderbare Artikel! Eigentlich müsste man sie sofort erkennen... Aber wer liest den Kindler schon wie ein Buch?"
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