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27. Januar 2009

Literatur-Lexikon: Sang Woody Guthrie auch für Steinbeck?

 Von JÖRG PLATH
Von Woody Guthrie (Bild) bis zu John Steinbeck sucht der neue Kindler neue Antworten. Foto: Getty Images

Neue Antworten braucht das Land: "Kindlers Literatur Lexikon" ist komplett erneuert worden. Ein Werkstattbesuch bei Herausgeber Heinz Ludwig Arnold.

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Über 14 700 Seiten, 18 Bände, 21 700 Artikel, über 1500 Mitarbeiter - das neue Kindler Literatur Lexikon, das im September im Metzler Verlag erscheinen wird, ist ein aufsehenerregendes Mammutunternehmen. Produziert wird es von einem klandestinen Familienunternehmen. Am Klingelbrett des unauffälligen gelben Klinkerbaus am Waldesrand von Göttingen steht nicht etwa "Kindler-Zentralredaktion". Dort steht nur: "Arnold".

Heinz Ludwig Arnold öffnet lächelnd die Tür der Vierzimmerwohnung und eilt voran in sein 6-Quadratmeter-Arbeitszimmer, das wie die Miniaturausgabe einer germanistischen Institutsbibliothek wirkt. Der 68-jährige Kindler-Generalherausgeber sieht ein wenig aus wie Armin Müller-Stahl, allerdings jünger, schmaler und angestrengter um die Augen herum. Arnold ist seit Jahrzehnten die One-man-Schaltstelle zwischen Literaturkritik und Literaturwissenschaft. Er ist Kritiker, Autor und Herausgeber, war als 21-Jähriger Sekretär von Ernst Jünger und gründete als 22-Jähriger die Zeitschrift "Text + Kritik", 1978 dann das "Kritische Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur" und 1983 das "Kritische Lexikon zur fremdsprachigen Gegenwartsliteratur". Die Neuausgabe des Kindler mit seinen Kurzdarstellungen von Werken der Weltliteratur hätte man vielleicht auch ein, zwei anderen in Deutschland anvertrauen können - aber dann würde an den über 14 700 Seiten wohl noch gearbeitet werden. Heinz Ludwig Arnold ist - wir schreiben Dezember 2008 - fertig.

2003 fragte ihn Rüdiger Salat von der Verlagsgruppe Holtzbrinck (Fischer, Rowohlt, Kiepenheuer & Witsch, Droemer Knaur, Henry Holt u.a.), ob er "den Kindler neu machen" wolle. "Ich glaub, ich hab' innerhalb von 5 Sekunden Ja gesagt", grinst der Generalherausgeber und blickt wie kurz vor dem Angriff aus dem Fenster seines Arbeitszimmers hinaus in das weite grüne Tal der Leine. "An Aufgaben wächst man ja, und ich dachte, das ist eine schöne Altersaufgabe."

Es war dann doch wohl ein rechter Knochenjob für Arnold, seine Frau Christiane Freudenstein-Arnold und acht Redakteure.

"Ich hab' das Zeug manchmal in die Ecke geknallt, weil ich es nicht mehr sehen konnte", erinnert sich Bernd Ludwig, dessen Universitätsbüro einige Minuten von der Redaktion entfernt liegt. Heute kann der Philosophieprofessor, einer der 75 Fachberater des Kindler, darüber lachen. Als ihn Arnold damals um Mitarbeit bat, unterschätzte er die jahrelange Arbeitsbelastung. Die erste siebenbändige Ausgabe, die von 1965 bis 1974 mit zahlreichen Übernahmen von Artikeln aus dem italienischen Werkelexikon Dizionari Letterario Bompiani erschien, hatte Verleger Helmut Kindler schon seit den späten 50er Jahren vorbereitet. 1973 wurde der Kindler dank einer Taschenbuchausgabe zum Standardwerk. Ab 1988 folgte "Kindlers neues Literatur Lexikon", 1998 ergänzt durch zwei Supplementbände. Weitere Supplemente wollte Arnold nicht hinzuflicken. Er wollte neu konzipieren.

Ihn störten Ungleichgewichtigkeiten, die er mit Hilfe der Daten-CD gefunden hatte: "Die katalanische Literatur des 18. Jahrhunderts wird mit 80 oder 100 Büchern präsentiert, weil es da einen Spezialisten gab, den man einfach machen ließ. Dafür fehlen an anderen Stellen Werke, ja ganze Sprachen! Man hat nie ein enzyklopädisches Prinzip entwickelt." Die Katalanen ließen also Federn für die Neuausgabe, die nordamerikanische Literatur wuchs, die indische Literatur mit ihren 16 Sprachen verzehnfachte sich, und einige asiatische Literaturen sind erstmals vertreten. "Wir haben", erzählt Heinz Ludwig Arnold stolz, "231 verschiedene Sprachen, vom Abchasischen bis zu Zulu."

Mit den Fachberatern beschloss Arnold auf einer Konferenz Ende 2004 einen erweiterten Kulturbegriff. Vertreten sind nun wichtige theologische, juristische, ökonomische, medizinische und naturwissenschaftliche Schriften sowie die populäre Kultur: Björks Liedtexte stehen neben skandinavischen Sagas, Bob Dylan neben Thomas Wolfe. "Und die Ausstrahlung der Popularkultur auf die kanonische Literatur wird auch sichtbar", begeistert sich der Göttinger Professor Heinrich Detering, gemeinsam mit Karin Hoff und Lutz Rühling Fachberater für Skandinavistik: "Wie wirkte Woody Guthrie auf John Steinbeck?"

Bei so vielen Erweiterungen waren Streichungen unumgänglich. Vieles aus den 70er und 80er Jahren erscheint dem Siegener Professor Hermann Korte, Fachberater für deutsche Literatur, verzichtbar - und doch wurden erneut Werke der Gegenwart aufgenommen, auch, um den Gebrauchswert des Lexikons zu steigern. Alle Bücher, ob "Werther" oder "Harry Potter", sollten von Bedeutung sein sein für die eigene Nationalliteratur, Ausstrahlung auf andere besitzen und/oder eine besondere ästhetische Qualität aufweisen. Korte weiß, dass die Auswahl in 20 Jahren erneut fragwürdig erscheinen kann: "Kanonisierungsprozesse sind immer affektgetrieben." Platz spart der Kindler auch durch Überblicksartikel zum lyrischen, dramatischen oder erzählerischen Werk - Platz, den zu einem guten Teil die neuen Kurzbiografien zu 7800 Autoren einnehmen. Sie stehen vor den Werkbeschreibungen, die nun chronologisch unter dem Autorennamen aufgeführt werden.

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