Was bitte solle das Rentier auf dem Tagungsprospekt? Diese Frage richtete der Übersetzer Wolfgang Butt gleich am ersten Vormittag an den Veranstalter der Tagung "Schwedische Literatur - mehr als Krimis", den schwedischen Botschafter in Wien. Das Rentier sei bewusstes ironisches Spiel mit dem Klischee, konterte raffiniert wenig später der Diplomat. Von Klischees war viel die Rede Ende April in Wien - bei literarischen Lesungen, Vorträgen, Podiumsdiskussionen und Publikumsdebatten.
Den bis heute bestehenden Erwartungshorizont des deutschsprachigen Raums in Bezug auf Schweden und seine Literatur formulierte Wolfgang Butt in seinem Vortrag anhand der deutschen Rezension eines skandinavischen Romans aus den 1920er Jahren: Darin ging es um nordische Heimat und Urkräfte, besondere Sensibilität für die Natur, ein Leben "fern von Kultur, Großstadt und Literatentum", um "ungebändigte, unverbildete Kraft" und die "seelische Tiefe" der Skandinavier.
Neben Schweden-Experten aus den Reihen der Skandinavisten, Übersetzer und Verleger, aus denen sich - ergänzt um eine ganze Reihe von Journalisten - auch das Tagungspublikum zusammensetzte, waren vor allem die anwesenden schwedischen Autoren angehalten, über die "Swedishness" ihres Schreibens und ihr Verhältnis zum reichen Strauß der Klischees nachzudenken.
Der (im doppelten Wortsinn) große Per Olov Enquist, der gerade seinen furiosen autobiografischen Roman "Ein anderes Leben" vorgelegt hat, war zugegen, ebenso Mikael Niemi, der mit seinem hunderttausendfach verkauften tragikomischen Roman "Populärmusik aus Vittula" den äußersten Norden Schwedens nahe der finnischen Grenze innig besungen hat. Außerdem Aris Fioretos, schwedischer Autor mit österreichischer Mutter und griechischem Vater, sowie der junge Jonas Hassen Khemiri, dessen spracherfinderische "Einwandererromane" ihn zu einer der wesentlichsten Stimmen seiner Generation in Schweden gemacht haben.
Die schwedische Lyrik war prominent vertreten durch Katarina Frostenson, die literarische Schwedenkritik in Person von Carl-Henning Wijkmark, der sich außerdem ein Weilchen mit seinem Beinamen "Thomas Bernhard Schwedens" herumschlagen musste und einen höchst interessanten Vortrag über schwedische Traditionen des Rassismus und Biologismus hielt. Das berühmte Modell des schwedischen Volksheims, so Wijkmark, sei von Anfang an durch die Vorstellung ethnischer Homogenität kontaminiert gewesen, und August Strindbergs massiver Antisemitismus würde bis heute aus "Gründen des nationalen Prestiges" gern unerwähnt gelassen.
Man einigte sich schließlich wenig überraschend darauf, dass Schweden auch abseits seiner legendär erfolgreichen Krimitradition literarisch viel zu bieten habe, und dass die Literatur angesichts der Differenzierung der modernen schwedischen Gesellschaft nichts anderes Gemeinsames bedeuten könne, als dass sie "auf Schwedisch geschriebene Literatur" sei. Und doch konnte man sich aus Perspektive des Zuhörers des Eindrucks einer spezifischen "Swedishness" nicht erwehren.
Als beispielhaft dafür darf ein Diskussionspanel gelten: Da saßen sechs Stars der schwedischen Literaturszene an einem Tisch. Alle entspannt, selbstbewusst und von beinahe nach innen gekehrter Ruhe. Es gibt Kulturkreise, in denen bei dieser Stimmung ein Gefühl leiser Fadheit aufkommt. Keiner drängte sich vor. Bedächtig strich Per Olov Enquist das Tischtuch glatt.
Alle sprachen Kluges, wenn sie von der Moderatorin gefragt wurden, mussten aber durchaus nicht unbedingt pausenlos reden. Schließlich fand ein österreichischer Schlaumeier aus dem Publikum, er müsse ein wenig Zunder in diesen gesitteten Gleichmut werfen und fragte aufmüpfig, ob es nicht lächerlich sei, angesichts der globalisierten Welt überhaupt nach so etwas wie "Swedishness" in der Literatur zu fahnden. Sechs berühmte Gesichter drehten sich ihm zu, nickten ruhig und einer sagte, was offenbar alle dachten, nämlich, dass sie von sich aus auch nicht auf die Idee kämen, groß über dieses Thema nachzudenken, sondern es hier nur täten, weil es halt zufällig eines der Themen der Tagung sei, zu der sie gekommen seien, weil sich ihnen dadurch eine schöne Gelegenheit geboten hätte, nach Wien zu reisen.
So nimmt man Provokateuren den Wind aus den Segeln! Für die, die es zu diesem Zeitpunkt womöglich immer noch nicht verstanden hatten, meinte Mikael Niemi (Stichwort Naturnähe): "Sie können es gern Meditation nennen, ich nenne es Elchjagd", und Aris Fioretos ergänzte, dass der schwedischen Literatursprache das Barocke, das etwa die österreichische so auszeichne, fremd sei.
Fioretos war es auch, der die einzige leicht barocke Formulierung der Tagung lieferte, als er von der "admirable unwillingness to show off" als relativ weit verbreitetem Zeichen des Sprachstils der schwedischen Literatur sprach. Ein wenig "Swedishness" ließ sich im Ende also doch ausmachen.
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