Der Spiegel-Redakteur Gabor Steingart ist, um es in Anlehnung an einen Schlager von Hildegard Knef zu sagen, von Kopf bis Fuß auf Panikmache und Untergangsbeschwörung eingestellt. Das ist das Rezept jener Art von so genannten Sachbüchern, die sich - wie die Elaborate des FAZ-Herausgebers Frank Schirrmacher - aus der Aneinanderreihung von Talk-Show-Gerede und Stammtischweisheiten zusammensetzen, garniert mit Lebkuchenversen und Binsenwahrheiten. Intensives Marketing und Vorabdrucke in der Boulevardpresse garantieren den Verkaufserfolg. Im Falle von Steingarts Buch handelt es sich nur um eine zum Buch aufgeblähte Version der Spiegel-Serie vom Frühsommer.
Angeblich geht es um die Analyse der Globalisierung - ihre Entstehung und ihre Folgen. Aber das ist nur der Aufhänger. Der analytische und empirisch belegte Gehalt der Serie wie des Buches ist verschwindend gering gegenüber dem apokalyptisch beschwörenden und prognostischen Getöse. Steingart sieht unentwegt Niedergänge, Abstiege, Abschiede oder Zeitwenden und begibt sich in praktisch jedem Kapitel in die dünne Luft von reinen Spekulationen, die bis ins Jahr 2035 oder gar 2050 reichen.
Im Gegenzug zu diesen forschen Ausritten ins Bodenlose sieht Steingart gern und oft in "den Rückspiegel der Geschichte" und verkündet danach seine Lehren für die Gegenwart. Eine des Öfteren wiederkehrende Lehre läuft so: Es ist, so Steingart, ein "populärer Irrtum" zu glauben, intensive wirtschaftliche Beziehungen zwischen den Staaten würden diese friedlicher stimmen.
Der "Historiker" in ihm ahnt, dass wir immer auf einem Vulkan leben und es nur eine Frage der Zeit ist, bis wir wieder bei einem "Sarajewo" ankommen, denn "das Virus eines Weltkriegs" ist immer aktiv. Der geniale Einfall bedarf der Rückversicherung durch die souveräne Weisheit des Hahns auf dem Mist, der immer schon wusste, dass sich das Wetter ändert oder bleibt, wie es ist: "Die Lawine kann sich morgen lösen, in ein paar Monaten oder auch erst in Jahren."
Steingarts Beleg für seine Einsichten aus dem "Rückspiegel der Geschichte": Japan griff am 7. Dezember 1941 die US-Flotte in Pearl Harbour an. "Statt der bis dahin üblichen Öllieferungen schickten die USA per Luftfracht nun zwei Atombomben nach Japan." Oder auch: Deutschland, Korea und Jugoslawien wurden geteilt, "obwohl ihre Territorien durch Warenaustausch verknüpft und verknotet waren wie orientalische Teppiche".
Der Lebkuchenvers aus solchen "historischen" Einsichten lautet: "Lieferverträge sind nun einmal nicht viel wert, wenn die Panzer vorfahren." Die rund 400 Jahre europäischer Kolonisation endeten nach dieser resolut schlichten Geschichtsphilosophie "am Ende doch nur wieder" in "Krieg und Zerstörung" der beiden Weltkriege mit 75 Millionen Toten und dem vorübergehenden Aufstieg der USA zur "Weltmacht". Aber Washington empfiehlt er jetzt, die "Schlussbilanz" aufzumachen zum "amerikanischen Jahrhundert".
Denn jetzt kommen die Chinesen und die anderen asiatischen "Angreiferstaaten". Die USA gehören "im Weltkrieg um Wohlstand" jetzt schon zu den Verlierern wie Europa und Russland - Afrika und Lateinamerika existieren auf Steingarts Landkarte nicht. Die "Laufrichtung der Geschichte" änderte sich mit der Industrialisierung Japans, Indiens und der Tigerstaaten sowie mit der Modernisierung Chinas unter Deng Xiaoping nach 1976. Diese Staaten schlugen "die Abschiedsgesellschaften" mit "deren eigenen Waffen" - der ökonomischen Effizienz.
Insbesondere für China und Indien ist diese Effizienz sektoral nicht zu bestreiten. Auf die Gesamtwirtschaft bezogen ist sie bedeutungslos. Die nicht-industrialisierten Teile Chinas und Indiens - also 80 Prozent des Landes - gehören zu den ärmsten Landstrichen der Welt. Das kann selbst Steingart nicht ganz übersehen. Der Relativierung solcher maßlosen Übertreibungen gelten zahlreiche Sätze, die stereotyp mit "noch" beginnen und in der Regel auf einen Widerruf der eben aufgestellten großspurigen These hinauslaufen.
Im letzten Kapitel des Buches fragt Steingart nach "Strategien der Gegenwehr" für die eben für halb tot erklärten "erschöpften Kontinente" Europa und Nordamerika. Die Rezepte sind nicht gerade neu. Er fordert ein "europäisches Wirtschaftskabinett" und längerfristig eine Fusion von EU und USA, die allerdings aufrüsten müssten für den weltweiten "Handelskrieg". Den versteht er als Fortschreibung der "Waffenbrüderschaft im Kalten Krieg" als Allianz im "Weltwirtschaftskrieg".
Aus "wirtschaftspolitischen Pazifisten", die den Freihandel predigten, sollen nun robuste Wohlstandskrieger werden, die mit "sanfter Abschottung", Zöllen, Einfuhrquoten und ähnlichen Mitteln zum finalen Halali blasen gegen die asiatischen "Angreiferstaaten". Ganz so kriegerisch, wie es sich anhört, meint es Steingart freilich nicht: "Das Drohen mit Quoten, Zöllen und Einfuhrverboten ist dabei wichtiger als der Vollzug." Statt strategischer Wirtschaftspolitik mit eingebauten Mechanismen der Förderung und Hilfe für unterentwickelte Regionen möchte Steingart einfach bei einer an der eigenen Wohlstandssicherung orientierten "Handelspolitik" bleiben, die er als "Pokerspiel" versteht. Sonntagabends in der Talkshow, montags im Spiegel, in der Boulevardpresse sowie am Tresen kommt derlei Euro-Chauvinismus wohl gut an.