Es lag etwas in der Luft an diesem regnerischen Abend, als die Mitglieder des Frankfurter Literaturhauses zu ihrer Jahreshauptversammlung zusammen kamen. Einiges hatte sich angestaut in den vergangenen Wochen, seit der Vorstand in einer dürren Presseerklärung bekannt gegeben hatte, dass Maria Gazzetti, seit 1995 erfolgreiche Programmleiterin des Hauses, ihren im Juni 2010 auslaufenden Vertrag nicht verlängern werde. Und so war von Vornherein klar, dass der Tagesordnungspunkt 3, der Bericht des Vorstandsvorsitzenden Rainer Weiss, zu einer Generalaussprache über die jüngsten Ereignisse werden sollte.
Einmal mehr wurde offenbar, was sich bereits angedeutet hatte: Der Vorstand des Literaturhauses hat das emotionale Potenzial, das sich mit der Person Maria Gazzetti verbindet, unterschätzt oder es ignorieren wollen. Nach 15 Jahren Programmarbeit kann man durchaus über einen Wechsel an der Spitze einer kulturellen Institution nachdenken, zumal wenn diese sich in einer finanziell nicht nur angespannten, sondern (wie eine spätere Intervention des Kassenprüfers zeigen sollte) bedrohlichen Lage befindet und eine strategische Neuausrichtung notwendig erscheint.
Doch es war der Verleger Klaus Schöffling, der das Wort ergriff und von einer ihn "erschreckenden Kaltschnäuzigkeit" sprach und davon, dass "da im menschlichen Bereich offensichtlich etwas nicht stimmt".
Einst ging es auch gemeinsam
Anders gesagt: So kann man das alles nicht machen - eine bestenfalls ungünstige Kommunikationsstrategie, ein hilfloser zweiter Vorsitzender Peter Sillem am Abend selbst, der vor der Versammlung stand und sich gegen die Fragen der Mitglieder hinter ungeschickt formulierten Allgemeinplätzen verschanzte ("wir wollen jemanden, der sich mit voller Energie einsetzt"), und eine Maria Gazzetti, die das Ganze unbewegt mit geschlossenen Augen verfolgte, um bei ihrem anschließenden Bericht vorzubringen, sie habe sich "kulturpolitisch nicht mehr getragen gefühlt" und es sei "nicht ihre Hauptbeschäftigung gewesen, den Banken das Geld aus der Tasche zu ziehen".
Hinter all dem geriet in Vergessenheit, dass der Vorstand und die Programmleiterin in den vergangenen drei Jahren, nach dem Umzug des Literaturhauses in den schwierig zu bespielenden Prachtbau an der Schönen Aussicht, auch gemeinsam aufopferungsvoll gearbeitet haben.
Es kam, wie es kommen musste: Die Verleger K.D. Wolff und Vittorio Klostermann gaben die Kandidatur des im Ausland weilenden Joachim Unseld zum 1. Vorsitzenden bekannt, der sich bei der anschließenden geheimen Wahl überraschend deutlich gegen Amtsinhaber Rainer Weiss durchsetzte.
Die Jahreshauptversammlung wurde daraufhin abgebrochen, um Joachim Unseld die Möglichkeit zu geben, ein eigenes Vorstandsteam zu formieren. Dass er Maria Gazzetti zum Weitermachen wird überreden können, erscheint eher unwahrscheinlich. Wenn man den Begriff Denkzettelwahl anführen kann, dann in diesem Fall. Das Literaturhaus, in dessen "kalte Pracht Maria Gazzetti Leben eingehaucht hat", wie es ein Mitglied formulierte, steht nun erst einmal führungslos da.
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