Binnen weniger Stunden wurden am vergangenen Wochenende gleich zwei Personalentscheidungen bekannt gegeben, um die es in den Monaten zuvor teilweise heftige Diskussionen gegeben hat. Entscheidungen, die Literaturstadt Frankfurt und zwei in diesem Zusammenhang wichtige Institutionen betreffend: Zunächst hatte Werner Söllner, der Leiter des Hessischen Literaturforums im Mousonturm, in einer Pressemitteilung erklären lassen, er habe die Vorstandsvorsitzende Eva Demski gebeten, ihn von seinen Aufgaben als Geschäftsführer des Forums zu entbinden.
Kurz darauf verkündete das Literaturhaus Frankfurt, dass Hauke Hückstädt, Gründer und Leiter des Literarischen Zentrums Göttingen, zum 1. Juli 2010 die Nachfolge von Maria Gazzetti als Programmleiter antreten wird. So frappierend die Gleichzeitigkeit dieser Nachrichten ist, so unterschiedlich ist beides zu bewerten.
Werner Söllner, wie die aktuelle Nobelpreisträgerin Herta Müller in Rumänien als so genannter Banatschwabe geboren, hatte Anfang Dezember auf einer Tagung öffentlich eingeräumt, der Securitate über Schriftstellerkollegen Auskunft erteilt und für den rumänischen Geheimdienst Gutachten verfasst zu haben. Der Lyriker Söllner, der 1982 in die Bundesrepublik übersiedelte, ist ein stiller, integrer Mensch, der als junger Mann zwischen die unklaren Frontlinien geraten sein dürfte und darunter bis heute deutlich leidet. Nicht umsonst ließ er verlauten, er wolle Zeit gewinnen für die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit.
An seinem Beispiel entspann sich eine Diskussion, deren Öffentlichkeitswirksamkeit durch den kurz zuvor verliehenen Literaturnobelpreis erheblich gesteigert wurde.
Im Januar noch begrüßte Werner Söllner bei einer Veranstaltung im Literaturforum die Gäste, doch schon seinerzeit mehrten sich die Anzeichen dafür, dass eine Institution, die vom Land Hessen jährlich Zuschüsse im sechsstelligen Bereich erhält, Werner Söllner als ihren Leiter nicht würde halten können. Söllners Nachfolger wird Harry Oberländer, der wie kein anderer für die Arbeit des Hessischen Literaturforums steht und dort seit Jahren, unter anderem als Herausgeber der Zeitschrift "L. Der Literaturbote", wirkt. Unter Oberländer ist nichts anderes als eine Fortsetzung der anerkannten Arbeit des Literaturforums zu erwarten; der Abgang Werner Söllners ist ein menschlicher Verlust.
Der Fall des Literaturhauses ist ebenso unschön, aber auf andere Weise: Mit dem Umzug in das pompöse neue Haus an der Schönen Aussicht im Jahr 2005 stieg der Druck auf Maria Gazzetti. Die künstlerische Leiterin, die in fünfzehnjähriger Arbeit das zunächst an der Bockenheimer Landstraße beheimatete Literaturhaus zu einem international anerkannten Veranstaltungsort ausgebaut hatte, wurde zusehends aufgerieben in Gefechten um Zuschüsse, Fremdvermietungen und Drittmittelbeschaffung.
Stuhl vor die Tür gesetzt
Maria Gazzetti, die nie von ihrem klar umrissenen, anspruchsvollen Literaturbegriff abgewichen ist, wurde im vergangenen Jahr vom damaligen Vorstand zum 30.Juni 2010 der Stuhl vor die Tür gesetzt. Das Haus müsse brummen, so hieß es damals. Und sie sei kein Brummifahrer, konterte Gazzetti. Damit waren die Fronten geklärt, und auch die Stadt Frankfurt, mit einem ständigen Sitz im Vorstand des Literaturhauses vertreten, unternahm keine Anstrengungen, Gazzetti zu halten. Eine Reihe prominenter Autoren hatte daraufhin in einem offenen Brief gegen den Umgang mit Gazzetti protestiert.
Die Mitglieder des Literaturhausvereins quittierten das unhöfliche bis ungeschickte Verhalten ihres Vorstandes, indem sie ihn abwählten: Verleger Joachim Unseld setzte sich in einer Stichwahl gegen den alten Vorstandsvorsitzenden Rainer Weiss durch; daraufhin trat der gesamte Vorstand zurück.
Das neue Team um Unseld hat nun, nach einem rund dreimonatigen Auswahlverfahren, den 1969 geborenen Haucke Hückstädt zum neuen Leiter des Literaturhauses berufen. Es dürften weniger künstlerische als organisatorisch-administrative Schwierigkeiten sein, vor denen Hückstädt zunächst steht.
Die Kontroverse um Maria Gazzetti hat Spuren in der kulturellen Stadtgesellschaft hinterlassen; das Literaturhaus ist in einer finanziell schwierigen Situation und hat zudem nach dem Umzug seinen Platz in der Frankfurter Landschaft noch immer nicht ganz gefunden. Hückstädt, der im Rennen um die Literaturhausleitung als Außenseiter galt, habe, so der Literaturhaus-Vorstand, "das Literarische Zentrum Göttingen mit großem Engagement zu einer bedeutenden Institution gemacht". Das mag stimmen, doch, Floskel hin oder her - Frankfurt ist glücklicherweise nicht Göttingen. Und auch wenn, noch eine Floskel, ein Neubeginn auch immer eine Chance ist - unbelastet ist er in diesem Fall nicht.
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