Es war ein schwieriger Moment in den USA, in dem der Literaturwissenschaftler und Homme des Lettres Richard Poirier zur intellektuellen Reife gelangte. Die Linke und mit ihr der Marxismus waren nach den Auswüchsen der 60er und 70er Jahre diskreditiert, an ihre Stelle war an den geisteswissenschaftlichen Fakultäten der Starkult um die Poststrukturalisten getreten. Die Philosophie hatte sich auf die dröge analytische Schule zurückgezogen, die Sozialwissenschaft setzte auf die Empirie.
Für Poirier sowie für seine Mitstreiter Richard Rorty, Stanley Cavell und Harold Bloom war dieser Zustand ausgesprochen unbefriedigend. Um über die verhärteten Ideologiedebatten der 70er Jahre hinaus zu kommen, müsse man weder französischen Relativismus pflegen, noch sich am Positivismus fest klammern, glaubten sie. Die Antwort sahen sie stattdessen in den Texten, die sie als Amerikanisten ohnehin ständig lasen: In den Klassikern des amerikanischen Transzendentalismus und in der hauseigenen amerikanischen Philosophie des Pragmatismus.
Ralph Waldo Emerson und William James waren insbesondere für Poirier und Bloom die Begründer eines genuin amerikanischen Denkstils, der den Poststrukturalismus sowohl vorweg genommen hatte, als auch überschritt. Richard Poirier hat selbst nach dieser Maxime gelebt - er war ein wahrer "Allzweck-Intellektueller", der heute über George Balanchine und morgen über die Beatles schrieb, in seiner Zeitschrift "The Raritan" sowohl Edward Said, als auch John Ashberry zu Wort kommen ließ und nebenbei mit der Library of America die beste und schönste Edition amerikanischer Klassiker herausgab, die es heute gibt.
In Europa wurde Poirier nicht so bekannt wie Rorty oder Bloom. Aber er hat den amerikanischen Klassikern des 19. Jahrhunderts zu Frische und Aktualität verholfen und ohne Zweifel die geistige Landschaft der Vereinigten Staaten in den vergangenen 30 Jahren entscheidend geprägt. Am Dienstag ist Richard Poirier in seinem Apartment in Manhattan gestorben.
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