In Archiven wird für gewöhnlich all das erfasst, geordnet und verwaltet, was in Zukunft Auskunft über die Vergangenheit geben kann. Das Archiv von Naomi Schenck enthält aber ausschließlich das, was nie über den Status einer bloßen Option hinaus kam.
Als Szenenbildnerin sucht und dokumentiert Schenck mögliche Drehorte, zwischen 20 und 30 für jeden Film. Von mehreren Alternativen wird eine gewählt – bei dreißig Filmen, für die Schenck bisher Sets aufspürte, ergibt das eine Fülle an „verworfenen Möglichkeiten“.
Während die verwirklichten Optionen im Film wortwörtlich im Hintergrund stehen, ließ Schenck vor gut einem Jahr in einer Ausstellung in der Birthler-Behörde in Berlin eine Auswahl von Interieurs unter dem Titel „Archiv verworfener Möglichkeiten“ grüppchenweise nach vorne treten. Verwaiste Unterkünfte, ein verfallendes Schwimmbad, Büro-Leerstände: Viele der Räume scheinen nicht nur bei den Produktionsfirmen, sondern auch im wirklichen Leben durchgefallen zu sein.
Voller Eigenleben
Fast immer menschenleer, sind sie gleichzeitig voller Eigenleben, mit Fluchtpunkt, Flächen und Linien als Protagonisten und ausstaffiert mit einer Unzahl von Details. Dabei wirken die Bilder nie inszeniert, sondern nüchtern und klar. Beinahe besitzen sie den dokumentarischen Charakter herkömmlicher Archivalien – jedoch ohne deren Benennungslast.
Als mögliche Filmsets sind die fotografierten Orte von ihren ursprünglichen Funktionen und Benennungen in der realen Welt freigesprochen. Weil sie jedoch nie als Drehort zum Einsatz kamen, haben auch konkrete filmweltliche Einordnungsversuche keinen Zugriff: Durch diese Räume jagte noch kein „Tatort“-Team.
Die Orte im „Archiv verworfener Möglichkeiten“ sind frei von jeder fixen Zuschreibung und geben dadurch die Lizenz zum Texten. So ließen die Fotografin Naomi Schenck und der Herausgeber Ulrich Rüdenauer in die Buchform des Archivs einen ganzen Strauß unterschiedlichster Texte hinein flechten, von 35 Autoren: Regisseuren, Literatur- und Kulturwissenschaftlern, Schauspielern und Publizisten – als Gedicht, Dialog, Kurzgeschichte oder Essay.
In der Einleitung schildert Schenck, dass sie begann, die Bilder zueinander in Beziehung zu setzen, als sie ein Eigenleben entwickelten. Gleiches geschieht bei der Lektüre mit den Texten: Georg Klein lässt in „Nomadin“ eine Obdachlose durch ein Parkdeck mit Säulen ziehen, die zu eng stehen, als dass Autos Platz finden könnten. Das könnte einer der Nicht-Orte des französischen Ethnologen Marc Augé sein, über die Rolf Nohr in seinem Kapitel „Erinnerungen an die Stadt“ schreibt, also ein Ort, der nicht in den alltäglichen Blick des städtischen Betrachters fällt und aus dem nichts ablesbar ist.
Frank Witzel hingegen holt nur scheinbar mit einer immensen Theorie-Keule aus: Der tschechische Raumtheoretiker Martin Sádek, dessen Leben und Werk Witzel bestechend glaubhaft und ausführlich nachzeichnet, hat nie gelebt – ein Hirngespinst.
Größtmögliche Vielfalt
Kathrin Röggla lehrt Räume zaghaft das Laufen, Sabine Schos Text führt sofort einen doppelten Dinglichkeits-Flickflack vor: „Wie die Dinge so liegen, flickt einem die Tücke des Objekts nicht schlecht am Zeug, über den Dingen stehen, bleibt bis auf weiteres ein Ding der Unmöglichkeit. Lieber schimpft man sie dummes Zeug, dreht krumme Dinger, bewahrt Relikte auf, sammelt Treibgut ein, pinselt Bruchstücke frei, asserviert Streitobjekte, erprobt neue Fetische und reliquiert sich einen heiligen Wald aus all den Splittern vom Kreuze Christi zusammen. Des Menschen Glaube braucht ein Ding.“
Die Fotogrüppchen Schencks setzen Texte in größtmöglicher Vielfalt frei – jedoch ohne beliebig zu wirken, schließlich ist das Einschlagen immer neuer Richtungen ein gut erkennbares Prinzip der „verworfenen Möglichkeiten“. Unerkundetes bergen die Bilder weiterhin, wie Wim Wenders in seiner Raumbefragung nachvollzieht: Was strahlt so hellblau durchs Schlüsselloch in der versteckten Tür? Und warum geht es rechts nach Norden und links nicht etwa nach Süden, sondern nach Westen?
Mit seinem Wechselspiel von Foto und Text bittet das „Archiv verworfener Möglichkeiten“ zur driftenden Lektüre, zum Flanieren zwischen den Seiten und glücklichen Treiben im Was-Wäre-Wohl-Wenn. Am Ende des Buches schließlich, im Register der fotografierten Orte, ist das Namibische Nationalarchiv in Windhoek aufgelistet. So wurde sogar ein Archiv archiviert – und auf einmal vervielfachen sich die Möglichkeiten ins Unendliche.
Eine Ausstellung mit den Fotografien von Naomi Schenck ist bis 22. Januar in Berlin zu sehen: Petra Rietz Salon Galerie, Koppenplatz 11a.
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