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Kolumne "Unter Tieren": Love Story

Sie hießen Ferdinand und Esmerald, und sie waren ein Paar. Bis eines Tages der weiße Ganter Ferdinand totgebissen am Waldrand lag. Nach langer Suche fand sich eine neue Partnerin für Esmerald, doch der brauchte lange, bis er über Ferdinand hinweg war. Eine Geschichte über die Gemüter derer, die Weihnachten gebraten auf den Tischen stehen.

Als ich auf meinen kleinen Hof zog, lebten hier seit einigen Jahren zwei alte Gänse, genauer: ein Paar von Gantern. Der eine weiß, der andere grau. Sie waren die bösartigsten Tiere, denen ich je begegnet bin. Keineswegs bewachten sie nach Art der Gänse des römischen Kapitols mein Haus, um mich vor Eindringlingen zu schützen – vielmehr bewachten sie mein Haus vor mir, und ebenso meinen Garten und mein Auto. Nachts standen sie auf meiner Terrasse, verunstalteten diese mit großen Bergen ihres grasgrünen Outputs und klopften unermüdlich an die Glastür, sobald ich im Wohnzimmer Licht anmachte. Des Tags überfielen sie meine Gäste und mich, wenn wir uns ins Freie trauten, und nahmen unsere Waden in den Schraubstock ihrer scharf gezackten Schnäbel. Bis heute habe ich an beiden Beinen knapp überm Knie Narben von den Bissen des weißen Ganters namens Ferdinand.

Dann, eines Morgens, kam nur der andere, der graue Esmerald, um die Ecke geflitzt, als ich mich in den Garten wagte. Ich suchte Ferdinand und fand seinen Körper in der Nähe des Waldes. Zerbissen, ausgeweidet… Egal, wie garstig das Tier gewesen war: Der Anblick verfolgte mich tagelang.

Und ebenso viele Tage verbrachte ich damit, für Esmerald einen neuen Partner zu finden. Weil ich wusste, dass er früher eine eigene kleine Gänsefamilie gehabt hatte, nahm ich an, dass er seitdem nur notgedrungen schwul gelebt hatte und ihm eine weibliche Gans wohl lieber wäre.

Ich telefonierte halb Deutschland ab. Es war Februar, und es schien weit und breit keine Gänse zu geben. Ich verstand gar nicht, wo all die Gänse hingekommen waren, von denen ich vor ein paar Monaten noch in Kleinanzeigen gelesen hatte, bis mir eine Frau mit ein wenig trauriger Stimme sagte: „Leider kann ich Ihnen nicht helfen. Meine Gänse sind alle letzten Winter gestorben.“

Gestorben?! Es klang nach einer schrecklichen Seuche, doch als ich nachfragte, erklärte sie mir: „Die wurden für Weihnachten geschlachtet.“ Danach verstand ich den allgemeinen Schwund an Gänsen: Offenbar behalten Gänsezüchter nur so viele Paare, wie sie zur Aufzucht der nächsten Generation Mastgänse brauchen. Diese schlüpfen ungefähr ab Mai und werden dann bis zum Winter gemästet.

Nur Dank eines Zufalls gelang es mir schließlich, Gisela, eine zierliche weiße Gans zu erwerben. Sie und Esmerald blickten einander in die Augen und waren sofort ein Paar. Zu sehen, wie Gisela ihren Esmerald in die Technik heterosexuellen Verkehrs einführte, war erstaunlich. Beide standen sie neben ihrer Badeschüssel, Gisela begann, Esmi in den Hals zu zwicken – und plötzlich schien ihm einzufallen, welchem Zweck diese Geste diente. Er erwiderte sie und begattete Gisela. Danach stieg er halb von ihr herunter, beließ einen seiner Watschelfüße auf ihrem Rücken wie ein Jäger den Fuß auf seiner Trophäe und stieß das typische Triumphtrompeten aus. Ich schaute Gisela an, wie sie diese patriarchale Geste wohl aufnähme, und musste lachen: Selten hatte ich eine mit der Ausführung ihrer Pläne zufriedenere (Gänse)Frau gesehen.

Im Übrigen besaß Gisela tadellose Manieren und stahlblaue Augen und einen äußerst zivilisierenden Einfluss auf Esmerald. Schon nach wenigen Wochen war nichts mehr mit dem üblichen aggressiven Zischen und Beißen.

Die Gänse begleiteten mich, wenn ich durch den Garten spazierte, ruhten im Sommer neben meiner Hängematte und ließen sich gelegentlich sogar streicheln (obwohl sie danach so rasch baden gingen, dass ich einsehen musste, welch grobe Verunreinigung die Berührung durch eine menschliche Hand ihrer Meinung nach darstellte). Und doch, obwohl Esmerald seine Gisela sichtlich liebte – sein jahrelanger Gefährte Ferdinand war nicht vergessen.

In den ersten Wochen suchte Esmerald zwei, drei Mal am Tag die Erinnerung heim, er begann, klagende Rufe auszustoßen und den alten Partner zu suchen. Er schlüpfte durch kleinste Löcher im Zaun, watschelte auf dem Hof herum bis zum See, in dem er und Ferdinand früher geschwommen waren. Derweil stieß Gisela ihrerseits Rufe des Verlassenseins und der Einsamkeit aus. Mehrmals täglich musste ich den trauernden Esmerald wieder zu seiner neuen Partnerin heimführen, deren Anblick ihn dann doch auch wieder beruhigte.

Solcher Art sind die Gemüter dieser Tiere, die alljährlich im Dezember „sterben“ und später in Folie verpackt in den Kühltruhen unserer Supermärkte liegen.

Autor:  Hilal Sezgin
Datum:  6 | 12 | 2010
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