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26. Juli 2010

Loveparade: Die Loveparade als Event von Ruhr.2010

 Von Daniel Kothenschulte
Ein Aufkleber mit den Worten "dance or die" - tanze oder stirb - liegt nach dem Unglück am Boden des Tunneleingangs auf dem Loveparade-Gelände in Duisburg.  Foto: AFP

Es ist die Tragik des Reviers, dass man die Leerflächen, die seine untergangene Industrie hinterlassen hat, immer wieder füllen will. Die Katastrophe von Duisburg wird die sinnentleerte Eventkultur von „Ruhr.2010“ nicht lange aufhalten.

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Die computergestützten Kamerabilder der Panikforscher kreieren Schwarzweißbilder von befremdlicher Schönheit. Menschenmassen verbinden sich in ihnen zu Strömen, die an die Wetterfilme der Fernsehmeteorologen erinnern. Deuten lassen sie sich ähnlich: Drohende Katastrophen zeichnen sich in ihnen ab, doch anders als in der Wetterkunde gibt es wirksame Gegenmaßnahmen. Nebenströme werden geschaffen, um die Hauptströme zu entlasten.

Noch ist unklar, ob es derartige Kameras auch bei der Duisburger Loveparade gegeben hat. Sicher ist, dass, wenn es sie gab, ihnen niemand Beachtung schenkte. Nicht erst am schrecklichen Nachmittag des 24. Juli. Denn auch im Kunstbetrieb spricht man von Haupt- und Nebenströmen. In der Musik gilt der Mainstream wahren Fans stets als verdächtig, denn Entdeckungen macht man eher in den Flüsschen und Bächlein.

Für das Programm der Kulturhauptstadt Ruhr.2010 unter der Intendanz Fritz Pleitgens aber konnte der Mainstream nicht breit genug sein. Es ist ein Festival der Großveranstaltungen, einige so groß, dass man den künstlerischen Ansatz gar nicht mehr sieht. Die größte ging am 18. Juli ohne größere Verluste über die Bühne der A 40, als sich zwei Millionen Besucher zwischen Duisburg und Dortmund über die bisher längste Biertheke der Welt freuten.

Nun ist es zwar ein fataler Unterschied, ob man zwei Millionen Spaziergänger auf einen sechzig Kilometer Ruhrschnellweg lockt oder eine halbe Million Menschen in eine Unterführung zu einem abgesperrten Bahngelände. Das Kulturverständnis, das dahinter steht, aber ist das gleiche: eine sinnentleerte Politikeridee von Massenbelustigung. Auch wenn über die Katastrophe von Duisburg meist berichtet wird wie über ein Eisenbahnunglück und die tragischen Fehler in der technischen Ausführung gesucht werden, ist es doch so: Eine Kulturveranstaltung hat Menschenleben gekostet.

Internationales Renommee

So wenig man in der Haut der Stadtverantwortlichen von Duisburg stecken wollte, die am Sonntag bei einer im Fernsehen übertragenen Pressekonferenz betreten schwiegen, um sich nicht strafrechtlich zu belasten: Es hätte schon besonderer Zivilcourage bedurft, sich zuvor jener kulturpolitischen Dampfwalze in den Weg zu stellen, die seit dem Startschuss des Unesco-Projektes durch die Region rast. Ruhr.2010-Intendant Fritz Pleitgen wies gegenüber der FR (siehe Tagesthema) die Verantwortung von sich: Er habe „gleich nach der Katastrophe gesagt, dass ich mich moralisch mitverantwortlich fühle, auch wenn die Ruhr.2010 organisatorisch nichts mit der Loveparade zu tun hat und zur Sicherheit nichts hätte beitragen können. (...) Dass aus der Loveparade eine „Todesparade“ wurde, ist nicht der Ruhr.2010 anzulasten.“

Dieter Gorny, der künstlerische Direktor der „Ruhr.2010“, hatte sich vehement für eine Duisburger Loveparade eingesetzt. Als im Januar 2010 nicht nur die Stadt Duisburg nicht mehr wusste, wo sie in ihrem Notstandshaushalt den geforderten Eigenanteil von 840.000 Euro hernehmen sollte, sondern auch in der Öffentlichkeit Sicherheitsbedenken laut wurden, zeigte sich Gorny gegenüber der Westfälischen Allgemeinen Zeitung „bestürzt und erschrocken: Es gibt keine bessere Gelegenheit, sich international zu blamieren, als wenn man diese Chance verpasste.“ Man müsse, so der Popkomm-Gründer und einstige Viva-Chef, das Techno-Spektakel als positiven Wirtschaftsfaktor sehen: „Da wird richtig was umgesetzt.“ Diesem Argument, gepaart mit der Drohung, ein Spielverderber zu sein, wollten sich die Lokalpolitiker nicht entziehen.

Die Leere füllen

Am Samstag herrschte in Duisburg die Parole „The show must go on“, wohl, weil man dort Musiker nicht für Künstler, sondern für Massenbändiger hielt. Auch für Pleitgen geht die Show nun weiter wie bisher: „Wir werden dennoch nichts absagen, denn wir haben ja keine lauten Veranstaltungen. Am 12. September wird als nächstes Großereignis von Ruhr.2010 Mahlers 8. Sinfonie in Duisburg aufgeführt. Wir denken darüber nach, dies zum Anlass zu nehmen, um den Opfern und den Hinterbliebenen der Loveparade zu gedenken.“

Lorin Maazel wird die „Sinfonie der Tausend“ in der Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg-Nord dirigieren, von Adorno einst als „Riesenschwarte“ geschmäht. Alle Orchester der Region spielen gemeinsam, die Opernhäuser entsenden ihre Solisten. Schon wieder muss es ein Superlativ sein, man liebt Superlative an der Ruhr. Nirgendwo in Deutschland gibt es so viele monumentale Industriedenkmäler, die mit Großkunstwerken gefüllt werden wollen. Manchmal gelingt das sogar, wie 2007 bei David Pountneys Produktion von Bernd Alois Zimmermanns Oper „Die Soldaten“ in der Bochumer Jahrhunderthalle. Oder als 1999 Christo und Jeanne-Claude den Oberhausener Gasometer mit einer Mauer aus 13000 Ölfässern füllten. Es ist die Tragik des Reviers, dass man die Leerflächen, die seine untergangene Industrie hinterlassen hat, immer wieder füllen will. „Hierzulande regiert nun einmal das laufende Band“, konstatierte Siegfried Kracauer seinerzeit, als er über die Massenkultur im Kapitalismus nachdachte. Nun ist der Kulturbetrieb selbst das laufende Band. Sein tragisches Stillstehen am vergangenen Samstag wird die sinnentleerte Eventkultur von „Ruhr.2010“ nicht lange aufhalten.

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