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Luc Boltanskis Adorno-Vorlesung: Von der Notwendigkeit der Kritik

Über Unentbehrlichkeit und fatale Folgen der Institutionen. Der Pariser Soziologe Luc Boltanski und seine Thesen zur pragmatischen Soziologie der Kritik. Von Robin Celikates

Dass die Akteure als soziologisch versierte Gesellschaftskritiker verstanden werden müssen und nicht als verblendete Opfer eines nur vom Sozialwissenschaftler zu durchschauenden Herrschaftszusammenhangs, ist die Grundannahme der pragmatistischen Soziologie der Kritik, die der Pariser Soziologe Luc Boltanski ausgearbeitet hat. Wird die Soziologie - insbesondere jene, die sich der Aufgabe der Kritik verschreibt - damit arbeitslos? Dieser Sorge - oder Hoffnung - ist Boltanski in der letzten Woche in seinen Frankfurter Adorno-Vorlesungen entgegengetreten. Unter dem Obertitel "Soziologie und Sozialkritik" umkreiste er eine doppelte Intuition: dass allein der kritische Anspruch der Soziologie diese davor bewahre, zum sozialtechnologischen Expertenwissen oder zum selbstgenügsamen Theorieunternehmen zu werden; dass dieser Anspruch aber auf eine Weise eingelöst werden müsse, die die Akteure nicht entmündige, sondern selbst zur Sprache kommen lasse.

Die Menschen aber sind Realisten - ihre Kritik bewegt sich häufig in den vom Status Quo vorgesehenen Bahnen. Um dieser Tendenz zur Akzeptanz der Realität zu begegnen, bedarf es einer über die alltäglichen Formen der Kritik hinausgehenden kritischen Gesellschaftstheorie, die eine Art imaginäre Außenposition zu konstruieren vermag. Erst sie ermöglicht es, sich dem Griff der etablierten sozialen Realität ein Stück weit zu entziehen und eine alternative Einrichtung der Gesellschaft ins Auge zu fassen.

Um dieser Aufgabe nachkommen zu können, muss die Soziologie, wie Boltanski insistierte, aber zunächst verstehen, wie die soziale Realität funktioniert. Damit es überhaupt so etwas wie soziale Realität oder Ordnung gibt, bedarf es der Institutionen. Diese bestätigen, was ist, und bestimmen, was es mit dem, was ist, auf sich hat. Aus dem unbestimmten Feld der latenten Möglichkeiten - für das Boltanski den Begriff der Welt reserviert - werden einige wenige in Form der uns als gegeben erscheinenden Realität institutionalisiert. Alle Phänomene, mit denen es die Soziologie zu tun hat - Familien, Städte, Klassen, Gesellschaften etc. -, sind das Ergebnis solcher Institutionalisierungen.

Unser Alltagsrealismus macht uns jedoch allzu oft glauben, die Strukturen unserer Realität seien alternativlos. Diesen Glauben erschüttern und die soziale Wirklichkeit selbst in Frage stellen kann die Soziologie indes nur, da die Realität selbst Risse aufweist. Institutionen müssen sich, um handeln zu können, in Form von Verwaltungen und Organisationen materialisieren und Individuen als ihre Sprecher auftreten lassen. Da die Bestimmung dessen, was ist, damit von einem jeweils partikularen Standpunkt aus erfolgt, lässt sich ihre Gültigkeit stets bezweifeln und im Lichte alternativer Bestimmungen kritisieren. Der empörte Einwurf "Sie nennen das eine Vorlesung!?" wird zwar erst durch die institutionelle Festlegung dessen, was eine Vorlesung ist, möglich - er kann neben dem Problemfall aber auch auf die institutionelle Festlegung selbst zielen.

Natürlich können Institutionen versuchen, sich gegen solche Formen der Problematisierung ihrer Definitionsmacht abzuschirmen. Die Notwendigkeit der Kritik ergibt sich aus der Tendenz von Institutionen, genau dies zu tun, also Offenheit und Ungewissheit in ein Übermaß an Geschlossenheit und Gewissheit zu überführen. Die damit einhergehenden Formen der Herrschaft können kritisiert werden, indem den Institutionen ihre Realitätsblindheit vorgehalten wird: Sie genügen nicht den in der sozialen Realität etablierten Maßstäben und Erwartungen. Eine radikalere Kritik, die nicht reformistisch nur auf ein besseres Funktionieren der Institutionen, stellt allerdings die Realität der Realität selbst in Frage.

Boltanski zufolge kann dies auf der Grundlage individueller existenzieller Erfahrungen - etwa als Migrantin oder Homosexueller - geschehen. Dabei gehen die Betroffenen allerdings das Risiko ein, aufgrund der Neuartigkeit ihrer Kritik gar nicht gehört oder als verrückt abgewiesen zu werden. Sie sprechen im Namen dessen, was in der institutionalisierten Realität keinen Platz findet. Ihre Kritik kann folglich kaum in den bestehenden Argumentationsformen artikuliert werden, auch wenn sie in diese überführt werden muss, um soziale und politische Wirksamkeit zu erlangen. Dass die poetische Artikulation solcher Erfahrungen, wie Boltanski andeutete, damit eine Art Statthalterin der gesellschaftlichen Veränderung wird, heißt also nicht, dass sie diese ersetzen kann.

Mit seinen Vorlesungen hat Boltanski ein kreatives soziologisches Denken exemplifiziert, das sich nicht an die ausgetretenen Pfade der Theorie-Diskussion hält, sondern von den Problemen selbst angetrieben wird.

Der Ideenreichtum wird dabei zum Teil erkauft durch eine gewisse Unterbestimmtheit der theoretischen Argumentation wie der empirischen Fundierung. Vom Autor der viel beachteten Studie "Der neue Geist des Kapitalismus" hätte man wohl auch ein Wort zu dessen momentaner Krise erwartet. Dafür müssen wir auf den nun in Aussicht gestellten zweiten Band warten. Man darf nach diesen methodologischen Prolegomena gespannt darauf sein, wie der Soziologe und Dichter Boltanski das einlöst, was er in Frankfurt der Soziologie wie der Dichtung als Aufgabe zugewiesen hat: unseren Realismus mit der Unzumutbarkeit der Realität zu konfrontieren.

Autor:  ROBIN CELIKATES
Datum:  24 | 11 | 2008
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