kalaydo.de Anzeigen

Lukas Bärfuss: "Wir sind alle verstrickt"

Der Dramatiker spricht über den Kongo, über Ruanda und den endlosen Krieg der Region.

Der Dramatiker spricht über den Kongo, über Ruanda und den endlosen Krieg der Region.
Der Dramatiker spricht über den Kongo, über Ruanda und den endlosen Krieg der Region.
Foto: dpa

In Goma, wohin wir jetzt wieder blicken, endet Ihr Roman "Hundert Tage". Wie kann man sich die derzeitige Situation im Kongo und in Ruanda erklären?

Der Angriff der Rebellen von Laurent Nkunda und das Flüchtlingselend lenken nun wieder unsere Aufmerksamkeit auf die Region Kivu. Tatsächlich dauert dieser Krieg seit 1994.

Zur Person

Lukas Bärfuss, geb. 1971 in Thun/Schweiz, zählt zu den erfolgreichsten Dramatikern deutscher Sprache.

Sein Roman "Hundert Tage" spielt in Ruanda zur Zeit des Völkermords. Erzählt wird die fatale Liebesgeschichte eines Schweizer Entwicklungshelfers und einer Ruanderin. "Hundert Tage" ist für den Schweizer Buchpreis nominiert.

Was ist denn das Ziel des Rebellenführers Nkunda?

Offiziell versteht er sich als Schutztruppe für die Tutsi in der Region. 1994, nach dem Völkermord in Ruanda, flüchteten die Hutu-Milizionäre, die für den Genozid in Ruanda verantwortlich sind, über die Grenze in den Kongo. Sie organisierten sich, drangsalierten die Bevölkerung, was der ruandischen Armee den Vorwand lieferte, 1996 in den Kongo einzumarschieren. Nach ihrem Abzug 2002 installierten sie Nkunda als Statthalter, vor allem auch, um weiter vom illegalen Abbau der Bodenschätze profitieren zu können.

Offensichtlich ist der Rassismus in Teilen Afrikas ungebrochen?

Meiner Meinung nach gibt es in dieser Region keine besondere Disposition für Rassismus. Die ethnischen Unterschiede dienen den Mächtigen dazu, ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Die einfachen Menschen interessieren ganz andere, konkretere Probleme. Auf meiner Reise in die Region traf ich einen Mann aus Kinshasa, der 1600 Kilometer entfernten Hauptstadt. Seit fünf Jahren saß er in Goma fest. Er hatte seine Verwandten im Nord-Kivu besucht und wegen der Unruhen seinen Rückflug verpasst. Er hatte keine Möglichkeit, nach Hause zu kommen, es gibt keine Landverbindung, und das Geld für das Flugticket besaß er nicht.

Interessant an Ihrem Roman ist dennoch, dass die Liebesgeschichte mit der Ruanderin Agathe durchaus vom Hass infiziert ist. Das muss Sie ästhetisch doch gereizt haben?

Das ist der Redlichkeit geschuldet. Es waren nur sehr wenige, die sich gegen die völkermörderische Politik gestellt haben. Die Geschichte des Helden vom Hôtel des Mille Collines, von Hollywood verfilmt, das war die absolute Ausnahme. Wir Europäer sehnen uns verständlicherweise nach diesen Oscar Schindlers. Wir sehnen uns nach Identifikationsfiguren und nach dem Trost, den sie uns versprechen. Die Wirklichkeit aber sah anders aus, und es war für mich selbstverständlich, mich dieser zu stellen.

Der Ich-Erzähler ist am Ende restlos desillusioniert, die Illusion der westeuropäischen Unschuld wird ihm vollkommen ausgetrieben.

Allerdings würde ich davor warnen, seine und meine Position zu verwechseln. Er ist ein von von seiner Hybris verblendeter Entwicklungshelfer. Er will das Land retten, und als ihm das nicht gelingt, verzieht er sich in seine Schmollecke, und es passiert das, was ich oft angetroffen habe: Er wird zum Zyniker.

Diese Position als Leitlinie im Umgang mit dieser Region zu betrachten, wäre falsch. Diese Kriege sind nicht schicksalshaft, und es gibt sehr wohl Wege, die Konflikte zu beenden. Alleine der politische Wille dazu fehlt. Es gibt zu viele, die von diesem Krieg profitieren. Da es keine staatliche Ordnung gibt, herrscht das Recht des Stärkeren, die Bodenschätze werden geplündert. Gerade die Anrainerstaaten haben wenig Interesse an einer Befriedung. Ruanda nicht und auch nicht Uganda, das sich an den Ölvorkommen im Albertsee gütlich tun kann, solange der kongolesische Zentralstaat zu schwach ist, um die eigenen Ansprüche durchzusetzen.

Wann sind Sie das letzte Mal in Ruanda gewesen?

2004, als ich für meinen Roman recherchiert habe. 1994, zum Zeitpunkt der Romanhandlung, war ich nicht in Ruanda.

Das deutsche Außenministerium warnt vor Reisen nach Ruanda. Alle möglichen Vorsichtsmaßnahmen werden erwähnt bis hin zum Kondomgebrauch.

Ich kenne die heutige Situation nicht, aber als ich dort war, schien es mir ein sehr sicheres Land zu sein. In der Region um Goma sah die Situation schon anders aus. Es herrschte eine eigenartige, gespannte Atmosphäre. Es hatte etwas von der Stimmung in der "Mutter Courage" von Brecht. Eine versehrte Gegend, und dabei sehr international, man sah überall westliche Geschäftsleute, umringt von Leibwächtern. So etwa wie eine staatliche Ordnung war kaum vorhanden. Da war mir bedeutend unwohler als in Ruanda selbst.

Was raten Sie als engagierter Zeitgenosse den Europäern: Was sollten sie konkret tun?

Es gibt nur den politischen Weg. Eine militärische Lösung ist aussichtslos. Bereits jetzt sind 17 000 Uno-Soldaten in der Gegend stationiert. Und sie können verständlicherweise sehr wenig ausrichten in einer Gegend, die so groß ist wie Frankreich. Dazu kaum Straßen, keine Infrastruktur, Rebellen, die sich nach ihren Angriffen in der Zivilbevölkerung verstecken. Die Lösung liegt in Kinshasa, in Kigali und natürlich in Paris, London und Washington. Der Westen hat trotz frommer Reden lange weggeschaut. Und das mit Absicht. Viele profitieren. Die Förderlizenzen für das Öl im Albertsee gingen nach Irland und nach Kanada. Ich telefoniere gerade mit einem finnischen Handy, das Coltan enthält, wahrscheinlich aus dem Nord-Kivu, wahrscheinlich illegal abgebaut. Wir sind alle verstrickt.

Desillusioniert, aber nicht zynisch - darauf läuft es bei Ihnen demnach hinaus?

Wie gesagt, diese Konflikte sind nicht schicksalshaft. Die Menschen sterben nicht ohne Grund. Sie sterben, weil uns ihre Leben weniger wert sind als der wirtschaftliche Profit. Das kann man ändern. Man muss es nur wollen.

Interview: Ina Hartwig

Datum:  13 | 11 | 2008
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Theatertreffen 2012
Der Ausnahmefall: „Borkman“ an der Volksbühne.

Alles rund ums bedeutendste deutsche Theaterfestival, das Theatertreffen vom 4.-21. Mai 2012 in Berlin.

Anzeige

Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.

Medien
Das Fünf-Sterne-Hotel
Polen und Ukraine im TV 
Reinhard Mirmseker mit Manuela Wolf in der „Wernesgrüner Musikantenschenke“.
Korruption 
Twitter wird für den Erfolg von Kinofilmen immer wichtiger.
Soziale Netzwerke entscheiden über Kino-Erfolge 
Wie beliebt wir in den sozialen Netzwerken sind, hat immer mehr Auswirkungen auf das
Facebook, Twitter und Co. 
Theatertreffen

Video

Ressort

Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen


Oper
Ganz so schick wie bei den prominenten Vertretern unserer Spezies muss es dann doch nicht immer sein.

Hustenanfälle, Papierknistern, Opernglas ja oder nein - ein kleiner Ratgeber für den gelungenen Opernbesuch.

Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!

Meistgeklickt
Das DFB-Bundesgericht mit dem Vorsitzenden Goetz Eilers hat entschieden: Das Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC wird nicht wiederholt.
Kein Wiederholungsspiel zwischen Düsseldorf und Berlin 
Diese Schilddrüse ist eindeutig krank.
Skandal am Klinikum Hildesheim 
 Mely Kiyak
Kolumne zum neuen Umweltminister 
        

Petra Roth spricht über das Buch, das Matthias Arning (rechts) geschrieben hat.
Petra Roth 
 
 
 
 
 
 
 
 
World Press Photo
Das beste Pressefoto 2012: Eine jemenitische Frau hält einen verwundeten Verwandten in ihren Armen.

Beeindruckende Aufnahmen: FR-online.de präsentiert interaktiv die Pressefotos des Jahres.

Anzeige

FR-Serie

Erleben wir tatsächlich Umbrüche oder dramatisieren wir nur? Auf diese Frage suchen Wissenschaftler und Intellektuelle Antworten.

ANZEIGE
- Informationen finden, um die Main Metropole Frankfurt entdecken und erleben zu können.
- Fragen & Antworten
- Bei HOH finden Sie Hardware, Computer und aktuelle Software zu günstigen Preisen.
- Kauftipps!
Quiz
Dezember 2006.

Thomas Gottschalk hat sich bei "Wetten, dass..." verabschiedet. Er bewegt die TV-Nation. Testen Sie Ihr Wissen.