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Lust am Risiko: Bürgerbeteiligung und Hochkultur

Der Konzeptkünstler Jochen Gerz stellt sein wegweisendes Kulturhauptstadt-Projekt "2-3 Straßen" vor. Von Michael Kohler

Sucht nach Mitbewohnern: Jochen Gerz.
Sucht nach Mitbewohnern: Jochen Gerz.
Foto: dpa

Am 30. Januar ist Teilnahmeschluss für ein Kunstprojekt, mit dem Jochen Gerz die Kulturhauptstadt 2010 in eine unendliche Geschichte verwandeln will. Unter dem Titel "2-3 Straßen" sind demnächst Wohnungen in Dortmund, Mülheim an der Ruhr und Duisburg mietfrei an einhundert Bewerber abzugeben, die dafür die Eindrücke eines Jahres in einem Tagebuch zu Papier bringen sollen. Auch Anwohner, Besucher und Passanten sind eingeladen, sich an frei zugänglichen Internet-Terminals zu beteiligen.

Am Ende steht dann ein Buch, das sämtliche Beiträge in der Reihenfolge ihrer Entstehung aneinanderreiht und damit dem Prinzip nach wie ein Kinderspiel funktioniert: Der Erste bringt etwas zu Papier, faltet es so, dass der Folgende das Geschriebene nicht lesen kann, der macht es genauso, und wenn alles gut geht, entsteht dabei das literarische Stimmungsbild einer Region.

Mit "2-3 Straßen" probiert der renommierte Konzeptkünstler Jochen Gerz genau jenen Spagat zwischen Hochkultur und Bürgerbeteiligung, den man sich im Ruhrgebiet für das Kulturhauptstadtsjahr als Ganzes vorgenommen hat. Dass dies nicht einfach wird, mussten die Geschäftsführer der Ruhr 2010 bereits bei der Vorstellung der ersten konkreten Vorhaben erleben. So stehen Großveranstaltungen wie die Wiederauflage der Fischer-Chöre im Fußballstadion AufSchalke als reine Marketingideen in der Kritik, wobei gerne übersehen wird, dass man mit einem Hans-Werner-Henze-Zyklus allein wohl kaum die gesamte Bandbreite der Ruhrgebiets-Bürger ansprechen kann. Genau das war aber das erklärte Ziel der Essener Bewerbung zur Europäischen Kulturhauptstadt. Ohne die integrative Kraft eines weiter gefassten Kulturbegriffs dürfte es schwer zu erreichen sein.

Auch das "2-3 Straßen"-Projekt wird die Herzen sicher nicht im Sturm erobern. Wie immer bei Jochen Gerz muss man etwas um die Ecke denken, um Sinn und Kühnheit seines Vorhabens zu verstehen: Wichtig ist, dass die beteiligten Städte Wohnraum in typischen, also weitgehend schmucklosen Gegenden zur Verfügung stellen, und die Straßen mehr oder weniger aussehen wie jede andere auch. Diese Normalität will Gerz dann aufheben, indem er eine im Grunde simple Tätigkeit wie das Verfassen eines Tagebuchs zum Teil eines öffentlichen Kunstwerks erklärt. Allein durch diese Umwidmung soll sich das Leben in den ausgesuchten Straßen verändern, getreu dem Motto der Kulturhauptstadt 2010: "Kultur durch Wandel, Wandel durch Kultur." Natürlich liegt darin auch eine utopische Idee: Gerz möchte die Menschen dazu bringen, auf die Wirklichkeit wie auf ein Kunstwerk zu schauen: mit Geduld, Offenheit und Hingabe.

Man kann das verstiegen finden oder auch banal, da sich der Charakter einer Straße ohnehin stetig verändert und Beuys' Credo "Jeder ist ein Künstler" in einer tristen Dortmunder Seitenstraße vielleicht noch etwas abgedroschener wirkt als anderswo. Dafür nimmt Gerz die Sonntagsreden vom kulturellen Wandel auf denkbar konkrete Weise beim Wort und setzt sich dabei der Gefahr des Scheiterns aus. Er will gerade keine Künstlerkolonien schaffen, sondern etwas in Gang setzen, von dem er selbst nicht weiß, was daraus wird. Der ausgelöste soziale Prozess ist für ihn das eigentliche Kunstwerk. Entsprechend wenig versucht Gerz vorab zu regulieren: Zwar wird die grundsätzliche Bereitschaft, umzuziehen und über eigene Erlebnisse zu berichten, überprüft. Letztlich gründet sich das Projekt jedoch auf Treu und Glauben. Jeder kann unter Angabe weniger persönlicher Daten teilnehmen, und im Prinzip gilt: Wer zuerst kommt, wohnt zuerst.

Aber wer wird sich überhaupt um das Gerz'sche "Grundgehalt" der Mietfreiheit bewerben? Ein Big Brother ist das "2-3 Straßen"- Projekt nämlich nicht. Ruhm gibt es hier nicht zu ernten und auch nicht sonderlich viel Geld. Stattdessen lässt man sich auf ein künstlerisches Experiment ein, das Ausdauer verlangt und vom normalen Leben kaum zu unterscheiden ist.

Bislang sind rund 800 Bewerbungen eingegangen, der Altersdurchschnitt liegt bei 39 Jahren, was eher dagegen spricht, dass ab Mitte dieses Jahres lauter Erstsemester die Buden stürmen. Werden die Teilnehmer von auswärts kommen und damit das Schrumpfen des Ruhrgebiets ein wenig aufhalten? Oder legen sich lokale Kunstfreunde Zweitwohnungen zu? Sind Abenteurer unterwegs, Mietnomaden oder Menschen, die noch einmal neu anfangen wollen? Wenn schon der Anfang derart offen ist, kann der Ausgang eigentlich nur spannend sein.

Autor:  MICHAEL KOHLER
Datum:  22 | 1 | 2009
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